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09/18/2020

"Medialer Mainstream": In manchen Fragen sind sich Journalisten zum Fürchten einig

Gibt es den oft kritisierten "medialen Mainstream"? Oh ja! Bei manchen Themen sind sich die Journalisten zum Fürchten einig. Das schadet ihrer Glaubwürdigkeit. ROSEMARIE SCHWAIGER über Meinungspluralismus und dessen freiwillige Selbstkontrolle.

von Rosemarie Schwaiger

Das Buch trägt den Titel "Corona Fehlalarm?". Es ist Ende Juni im österreichisch-deutschen Verlag Goldegg erschienen und belegt seither Spitzenplätze in den Sachbuch-Charts. Die Autoren sind Sucharit Bhakdi, Facharzt für Virologie und Epidemiologie sowie emeritierter Universitätsprofessor, und seine Ehefrau Karina Reiss, eine Biochemikerin.

Der erstaunliche Verkaufserfolg und das brandaktuelle Thema würden normalerweise wohl zu intensiver Berichterstattung über das Werk und dessen Autoren führen. In diesem Fall ist das nicht passiert. Fast alle etablierten Medien ignorierten das Buch; auch profil verzichtete auf eine Erwähnung. Im "Standard" wurde jüngst gemutmaßt, warum die Qualitätspresse so ungern daran anstreift: "Der Ton ist raunend, oft polemisch, populistisch."

Bhakdi und Reiss sind mit der vorherrschenden Politik der Virusbekämpfung fundamental unzufrieden. Der Lockdown sei ein Fehler gewesen, viele Daten seien zweifelhaft oder würden zumindest falsch interpretiert, behaupten sie - durchaus in angriffslustigem Tonfall. Die Autoren gelten in Fachkreisen als höchst umstritten, verrückte Verschwörungstheoretiker sind sie jedoch nicht. Vor 30 Jahren wären die beiden wahrscheinlich in den "Club 2" eingeladen worden und hätten sich dort heftig mit einem Vertreter des Gesundheitsministeriums oder der Ärztekammer gestritten. Heute ist das öffentlichrechtliche Fernsehen für Reizfiguren wie Bhakdi und Reiss (und viele andere Kritiker staatlicher Pandemiemaßnahmen) Sperrgebiet, große Teile der Printmedien ebenso. Woran liegt das? Was sagt es über die Medien aus, wenn sie das Informationsbedürfnis der Bürger so offensiv ignorieren?

"Moral-Askese wäre keine schlechte Strategie"

Es geht nicht bloß um ein Buch, und es geht nicht bloß um Corona. Der Vorwurf, dass wir Journalisten nur jenen Teil der Welt wahrhaben wollen, der uns in den Kram passt, wird schon seit geraumer Zeit immer lauter. Längst kommt die Kritik nicht mehr ausschließlich aus jenen dunklen Ecken, in denen die "Lügenpresse" grundsätzlich verachtet wird. Unglücklich über das Gebotene sind auch klügere Geister, die dem Journalismus prinzipiell wohlwollend gegenüberstehen. "Das von Verschwörungstheoretikern gerne postulierte Medienkartell gibt es nicht", sagte der Philosoph Konrad Paul Liessmann in einer Rede vor Medienmanagern im November 2015. Sehr wohl gebe es aber den Versuch, unliebsame Positionen am Rande der Gesellschaft verkümmern zu lassen, "indem man sich mit diesen nicht auseinandersetzt, sondern sie moralisch diskreditiert".Liessmann gab den Medien einen Rat mit auf den Weg: "Moral-Askese wäre keine schlechte Strategie für die Wiedergewinnung eines Journalismus, der sich in erster Linie den Ideen der Aufklärung, der Vernunft, der Wahrhaftigkeit und den damit verbundenen Vorstellungen eines öffentlichen Diskurses verpflichtet sieht."

Anlass für Liessmanns elegante Standpauke war der Umgang eines Großteils der deutschsprachigen Qualitätsmedien mit der Flüchtlingskrise. Die Begeisterung über offene Grenzen und den ungehinderten Zustrom Hunderttausender Menschen nach Europa sorgte nachträglich auch in einigen Redaktionen für Katzenjammer. "Das haben uns die Leute übel genommen",meinte Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur des deutschen Wochenblatts "Die Zeit", Monate später: "Da fand das Vorurteil Bestätigung, dass wir mit der Macht, mit den Eliten, unter einer Decke stecken." Das sei zwar nicht der Fall gewesen, "aber den Eindruck konnte man durch die Berichterstattung durchaus gewinnen".

Tatsächlich lässt sich schwer leugnen, dass es so etwas wie einen "journalistischen Mainstream" gibt. In der Beurteilung von Sachfragen sind sich führende Medien oft auffallend einig. Die vorherrschende Meinung wird nirgendwo ausverhandelt, es stecken keine finsteren Mächte lenkend dahinter, und niemand muss irgendwo einen Eid ablegen. Dennoch ist allen Beteiligten klar, wo der Konsens aufhört und der Tabubruch beginnt. Um das Problem an zwei prominenten Figuren der Zeitgeschichte festzumachen: Greta Thunberg wird zu selten hinterfragt, Donald Trump zu oft wegen Lappalien verhöhnt-obwohl der US-Präsident ohnehin genug Anlass zu ernsthafter Kritik bietet.

Deal mit der Realität

"Sagen, was ist", lautete der Anspruch, den Rudolf Augstein, Gründer des deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", einst formulierte: "Wir wollen unsere Leser nicht beeinflussen, sondern Ihnen einen Dienst erweisen", schrieb profil-Gründer Oscar Bronner im Editorial der ersten Ausgabe vor 50 Jahren. Hundertprozentig einzuhalten war beides nie. Journalisten sind, wie alle Menschen, unfähig zu einer objektiven Sicht auf die Welt. Jeder von uns macht seinen eigenen Deal mit der Realität. Wir sehen, was wir sehen wollen; wir blenden aus, was uns stört. Weil unser Gehirn eben nicht funktioniert wie ein Computer, können wir Informationen nicht urteilsfrei gewichten. Manches geht uns nahe, anderes lässt uns kalt-obwohl beides, distanziert und nüchtern betrachtet, vielleicht gleich viel Empathie verdienen würde.

Mag sein, dass Journalisten einander zu ähnlich sind und deshalb oft dasselbe sehen, wenn sie ein Thema unter die Lupe nehmen. Die Mitarbeiter der Branche seien "größtenteils dem linksliberalen Meinungsspektrum zuzuordnen. Das ist kein Klischee, sondern durch Umfragen und Forschung belegt", sagte Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender des deutschen Axel Springer Verlags, in einem Interview vor eineinhalb Jahren. "Unsere Emotionen und unsere Diskursbereitschaft sind nicht mittig auf der Achse zwischen links und rechts angeordnet", schrieb profil-Herausgeber Christian Rainer in einem Leitartikel-und lieferte auch eine Erklärung, warum das so ist: "Natürlich klingen linke Träumereien von globaler Gleichheit und Solidarität sympathischer als die rechten Fantasien vom Herausmendeln individueller Überlegenheit."

Herkömmliche Links-rechts-Schablonen erklären den Mainstream allerdings nur zum Teil. Wahrscheinlich sind die Redaktionen von Zeitungen und TV-Sendern heute in jeder Hinsicht homogener, als sie es vor 30 oder 40 Jahren waren. Das hat den Vorteil, dass weniger gestritten wird-und den Nachteil, dass kaum noch jemand um seine Position ringen muss. In den Redaktionen hat sich eine ganz bestimmte Weltsicht durchgesetzt: Man ist gesellschaftspolitisch fortschrittlich, dauerhaft besorgt (um die Natur, die Gesundheit, den Planeten) und in moralischen Fragen überzeugt, auf der richtigen Seite zu stehen. Eine missionarische Ader hatten wohl schon immer die meisten, die es in dieses Metier zog. Aber nebenbei lockten früher auch die Aussicht auf ein relativ hohes Einkommen und eine schöne Karriere. Beides bietet die Krisenbranche Medien heute nur noch in Ausnahmefällen. Bis auf Weiteres realisieren lässt sich indes der Anspruch, die Welt zu verbessern-wenn es sein muss, mit Nanny-Journalismus, der sein Publikum nicht informieren, sondern erziehen will.

Lust am Diskurs fehlt

Es ist natürlich nicht verboten, den ungeschriebenen Kanon der Branche zu verlassen. profil tut das in schöner Regelmäßigkeit. Wir haben - außer der Unabhängigkeit - keine in Stein gemeißelte Blattlinie. Ein guter Text kann immer erscheinen, auch wenn der Inhalt deutlich vom Konsens in und außerhalb der Redaktion abweicht. Aber es wäre gelogen, zu behaupten, dass der Pluralismus für profil nur erfreuliche Folgen zeitigte: Manchmal sind die Leser extrem dankbar für eine andere Sicht der Dinge, manchmal (gefühlt sogar etwas öfter) kriegen wir zur Belohnung von allen Seiten Schläge. Auch der durchschnittliche Abonnent empfindet es mitunter als Verrat, wenn er etwas anderes zu lesen bekommt als das Erwartete. Die Lust am Diskurs fehlt nicht nur dem Journalismus, sondern der gesamten Gesellschaft. Inmitten einer Herde von Gleichgesinnten lebt es sich halt angenehmer.

Es war eine Art von berufsblinder Harmoniesucht, die den größten Skandal im Journalismus der vergangenen Jahre ermöglichte. Im Dezember 2018 wurde bekannt, dass Claas Relotius, Starreporter des "Spiegel",viele seiner Geschichten mindestens teilweise erfunden hatte. An Orten, die er wunderbar beschrieb, war er nie gewesen; mit einigen Menschen, die seinen Storys Farbe und Drive gaben, hatte er nicht geredet. Jahrelang waren die Fälschungen im "Spiegel" niemandem aufgefallen. Hauptsächlich lag das wohl daran, dass Relotius die Welt genau so beschrieb, wie seine Kollegen sie sehen wollten: Trump-Wähler in der amerikanischen Provinz waren zum Haareraufen dumpf, die Mitglieder einer Bürgerwehr durch und durch verdorben, Flüchtlinge, Arme und sonstige Randgruppen immerfort rührend und voll guter Absichten. Im richtigen Leben geht es selten so eindeutig zu. Es kommt auch vor, dass der Bösewicht wider Erwarten ganz sympathisch ist und der Held eine furchtbare Nervensäge. Claas Relotius hatte mit solchen Widrigkeiten aufgeräumt und Klischees bedient. Dafür wurde er mit Journalistenpreisen überhäuft. "Viele wollten glauben, was er schrieb, denn es war, was seine Leser glaubten. Er beschützte sie vor der Wahrheit",schreibt Juan Moreno, ebenfalls ein "Spiegel"-Journalist, der den Betrug schließlich aufdeckte.

Wann haben wir angefangen, unterschiedliche Betrachtungsweisen als Bedrohung wahrzunehmen? Schuld an dieser Entwicklung sei das Internet, heißt es oft. Vor lauter Echoräumen und Filterblasen hätten wir den ganz normalen Austausch von Argumenten verlernt. Und es stimmt ja auch: In einer Twittergruppe ist das Dasein weniger stressig, wenn keiner aus der Reihe tanzt. Dann herrscht Harmonie wie unter den Fans der Heimmannschaft im Fußballstadion. Allerdings reagiert der Algorithmus der sozialen Medien nur auf unsere Vorlieben: Würden wir mehr oder qualifizierter streiten wollen, hielten uns Facebook und Twitter bestimmt nicht davon ab.

Übertreibung ist Pflicht

Stark verändert hat das Internet jedenfalls den Umgang mit Nachrichten. Das Netz mag es laut, schrill, zugespitzt. Alarmismus wird mit Klicks belohnt, Übertreibung ist Pflicht. Davon ließen sich viele etablierte Medien anstecken. Als profil vor fünf Jahrzehnten gegründet wurde, konnten die Kollegen noch den Ton vorgeben, in dem eine Debatte ihrer Meinung nach geführt werden sollte. Heute reagieren wir oft genug nur auf den Lärm im Netz. Wer gehört oder gelesen werden will, kann sich schnell verpflichtet fühlen, noch eins draufzusetzen. Weil ziemlich viele Experten diesen Mechanismus verstanden haben und ebenfalls mit Maximalpositionen ins Rennen gehen, gibt es immer weniger Raum zum Nachdenken.

Andererseits ist das Internet auch ein Korrektiv geworden-für alles, was in den Zeitungen nicht mehr stattfinden darf oder kann. "Apocalypse never" heißt etwa das neue Buch des langjährigen Umweltaktivisten Michael Shellenberger, in dem er für eine weniger alarmistische Sicht auf die Folgen des Klimawandels wirbt. Natürlich sei die Erderwärmung ein schwerwiegendes Problem, aber den angedrohten Weltuntergang hält der Amerikaner schlicht für Panikmache-obwohl (oder weil) er mit führenden Wissenschaftern gesprochen hat. In klassischen Medien mit dieser Botschaft durchzudringen, ist indes auch für den prominenten Umweltschützer nicht ganz einfach. Ein Gastbeitrag im US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" wurde kurz nach der Freischaltung zurückgezogen-wegen der "redaktionellen Richtlinien",wie es hieß. Das Buch verkauft sich trotzdem gut; die Werbung in alternativen Internetkanälen reicht offenbar.

Sämtliche Beispiele verblassen jedoch vor dem, was Corona ausgelöst hat. So viel journalistische Einigkeit gab es noch nie. Monatelang wurden Zwangsmaßnahmen reihum gelobt, Kritiker totgeschwiegen oder lächerlich gemacht, die Bürger zu absolutem Gehorsam angehalten. Zwei Wissenschafter der Universität Passau kamen jüngst zu dem Schluss, dass die Sondersendungen des öffentlichen Rundfunks in Deutschland eine Tendenz zur "Affirmation der staatlichen Maßnahmen" hatten und teilweise mit "Inszenierungsstrategien gearbeitet wurde, die üblicherweise nicht in Dokumentationen, sondern eher in Hollywood-Blockbustern zu finden sind".Für weite Teile des ORF und sehr viele andere Medien gilt das leider auch. Mittlerweile bröckelt die Front, aber es hat lange gedauert.

Was genau bei Corona journalistisch alles schiefging, lässt sich wohl erst mit einigem Abstand klären. Wir sollten es wissen wollen.

ROSEMARIE SCHWAIGER ist seit 1997 bei profil und schreibt für die Ressorts Innenpolitik und Wirtschaft.

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