© Profil Michael Rausch-Schott

„Schande über Generationen“
05/17/2018

Mord an siebenjährigem Mädchen in Wien: "Schande über Generationen"

Der Obmann des Rates der Tschetschenen, Schaikhi Musaitov, über den Mord an der siebenjährigen Hadishat und die Gefahr der Blutrache.

von Clemens Neuhold

profil: Was hat der Mord an Hadishat ausgelöst? Musaitov: Er ist großes Thema unter Tschetschenen in ganz Europa – von Österreich, über Belgien bis Frankreich. Und natürlich auch in Tschetschenien selbst. Ich bekomme sehr viele Anrufe. So etwas hat es in unserer jüngeren Geschichte noch nicht gegeben.

profil: Noch bevor die Polizei den jungen Verdächtigen nannte, haben Sie ein Bild seines Vaters in der Community verschickt. Warum? Musaitov: Es gab viele Gerüchte – von einer rassistischen Tat bis hin zum Werk von Organhändlern. Ich wollte mit der Information für Klarheit sorgen. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt, dass es sich um die Familie handelt, konnte mir aber nicht vorstellen, dass es der 16-jährige Sohn gewesen sein soll. Viele von uns zweifeln auch heute noch daran, dass so eine massive Tat mit all dem Blut von der Familie unbemerkt bleiben konnte.

profil: Müssen sich der Vater und der Bruder des Täters nun vor Blutrache fürchten? Musaitov: Wir leben im österreichischen Rechtsstaat. Wir hoffen auf weiterhin so gute Ermittlungen und danach die volle Härte des Gesetzes. Die Familie des Mädchens selbst hat erklärt, dass von ihr keine Gefahr ausgeht. Es dürfte sich nach alter Tradition – rein hypothetisch – auch nur die Familie des Opfers direkt am Täter oder Mittäter rächen. In 90 Prozent der Fälle wurde auch schon früher ein anderer Weg gefunden, zum Beispiel durch Blutgeld oder Vergebung. Wenn die Familie vergibt, darf kein anderer sich dagegen stellen. Noch über Generationen wird es Schande genug sein für die Familie, dass sie einen Mädchen-Mörder hervorgebracht hat.

profil: Für den Ruf der Tschetschenen die nächste Katastrophe. Musaitov: Amokläufe in amerikanischen Schulen werden nie allen weißen Amerikanern zugerechnet. Bei uns ist das leider anders.

Interview: Clemens Neuhold