Wolfgang Mückstein

© Alexandra Unger

Interview
08/05/2022

Mückstein: „Das sind Menschen, die mit Galgen aufmarschieren“

Nach der Tragödie rund um Lisa-Maria Kellermayr meldet sich der Ex-Gesundheitsminister erstmals wieder zu Wort. Er erzählt über folgenlose Anzeigen nach Drohungen gegen ihn und plädiert für eine härtere Gangart gegen Hass im Netz.

von Clemens Neuhold

profil: Sie wurden als Gesundheitsminister massiv bedroht, kennen aber auch die Seite des praktischen Arztes. Wie nahe geht Ihnen der tragische Suizid der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr? 
Wolfgang Mückstein: Er wühlt auf und zeigt, wie sehr sich ein kleiner Teil der Gesellschaft in der Pandemie radikalisiert hat. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte sind besonders exponiert. Patienten kommen und gehen, oft ohne Termin. Du weißt nie, was alles sein kann. Im ersten Coronajahr habe ich selbst noch ordiniert. Die Kollegenschaft war schon damals sehr verunsichert, weil die Stimmung in den Wartezimmern aggressiver wurde. Dann kam die Impfung. Sie diente verunsicherten Menschen als Ventil für ihre Angst und Unzufriedenheit. Eine radikalisierte Minderheit ließ sich zu anonymen Drohungen im Internet hinreißen. Es fehlt in unserer Gesellschaft noch immer das Bewusstsein, dass anonyme Drohungen genauso große Ängste auslösen können wie direkte Beschimpfungen oder Drohungen auf der Straße. Das dürfen wir nicht mehr länger als reines Dampfablassen am virtuellen Stammtisch bagatellisieren. Das machen Menschen, die mit einem Galgen vor dem Festspielhaus aufmarschieren.

profil: Impliziert dieses fehlende Bewusstsein auch die Behörden?
Mückstein: Ich meine schon. Das Bewusstsein entwickelt sich auch erst auf staatlicher Ebene, dass anonyme Drohungen ähnlich ernst genommen werden müssen wie konkrete Bedrohungen von Angesicht zu Angesicht. Es hätte wohl schon eine präventive Wirkung, wenn es mehr Verurteilungen gäbe.

profil: Haben Sie als Minister mitbekommen, dass Frau Kellermayr und andere praktische Ärzte bedroht wurden? 
Mückstein: Ich persönlich konnte mit Kollegin Kellermayr leider nicht sprechen. Wir haben aber natürlich gewusst, dass Kolleginnen und Kollegen bedroht werden und das sehr ernst genommen. Wir standen im Austausch mit der Ärztekammer dazu. Aber letztlich ist es Sache der Polizei und der Justiz, Meldungen über Hassattacken entgegenzunehmen, zu bewerten und die Absender konsequent zu verfolgen.

profil: Sie kehren im Herbst in ihre Ordination zurück. Mit Securities?
Mückstein: Nein. Ich habe bewusst einige Monate ins Land ziehen lassen. Jetzt bin nicht mehr so interessant. Der Hass tröpfelt nur noch rein.

„Es hätte eine präventive Wirkung, wenn es mehr Verurteilungen gäbe.“
 

profil: Was kommt noch?
Mückstein: Zuschriften mit „Wir haben Sie nicht vergessen!“

profil: Und damals als Minister? Wie heftig war es?
Mückstein: Ich stand vier Monate lang unter Polizeischutz. Untertags durch zwei Polizisten, in der Nacht stand einer vor meiner Türe. Auch vor dem Haus meiner Töchter. 

profil: An welche besonders schlimmeren Nachrichten erinnern Sie sich?
Mückstein: Die Bandbreite reichte von Vergleichen mit Auschwitz-Arzt Josef Mengele, über Zuschriften wie „Ich wünsche Ihnen sieben Spritzen in den Schädel“ bis hin zu konkreten Bedrohungen gegen mich und meine Familie. In einem Mail stand: „Wenn Sie diese oder jene Maßnahme bis zum Datum X nicht zurücknehmen, schnappen wir uns Ihre Töchter.“ In dieser Tonart ging das über Monate.

Interviews gab Ex-Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein seit dem Rückzug keine mehr. Im März 2022 legte er sein Amt als Gesundheitsminister nieder. Ab Herbst ist er wieder praktischer Arzt in seiner Wiener Ordination.

profil: Was haben Sie dagegen getan? 
Mückstein: Ich wurde vom Staatsschutz in rund zwölf Fällen gefragt, ob ich einer Strafverfolgung zustimme. Ich habe in der Regel zugestimmt.

profil: Mit welchem Resultat? 
Mückstein: In zwei Fällen wurde ich über die Einstellung des Verfahrens informiert. Von den restlichen Fällen habe ich nichts mehr gehört.

profil: Das heißt, auch im Fall persönlicher Bedrohungen gegen Sie und Ihre Familie ist nichts passiert? 
Mückstein: Das kann ich konkret nicht sagen, mir ist nichts bekannt.

profil: Was macht der anonyme Hass mit einem? 
Mückstein: Wenn du schutzsichere Westen anprobierst, die dann immer mitgeführt werden im Auto, das macht etwas mit dir. Man reduziert die sozialen Kontakte, geht seltener einfach so mit Freunden ins Gasthaus, weil das Bedrohungsszenario da ist. Letztlich kann man nicht einschätzen, wie groß diese Bedrohung wirklich ist, selbst wenn man – wie ich damals – auf die Experten des Staatsschutzes vertrauen konnte. Dieser Restunsicherheit, ob der eigenen Familie etwas passiert, das war für mich ein zu hoher Preis. 

profil: Und der Hauptgrund für Ihren Rückzug?
Mückstein: Es war ein wichtiger Grund.

profil: Vielen Dank für das Gespräch.