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Österreich
11/18/2020

Mütter, Söhne und Terror: "Plötzlich sind sie jemand"

Auch Gefährder und Attentäter kommen aus Familien. Hier beginnt ihre Radikalisierung, hier muss man ansetzen, sagt Edit Schlaffer, Gründerin von "Frauen ohne Grenzen".

von Edith Meinhart

profil: Nach jedem Terrorattentat steht die Frage im Raum: Wie sind Anschläge künftig zu verhindern?

Schlaffer: Das ist genau der falsche Zeitpunkt, die Frage kommt zu spät. Wir sehen weltweit, dass Frühwarnsignale übersehen wurden und Deradikalisierung am Ende einer Kette von Versäumnissen steht.


profil: Sie beschäftigen sich seit zehn Jahren mit diesem Thema: Wo müssen wir also ansetzen?
Schlaffer: Das Täterprofil ist eindeutig, es sind Männer zwischen 15 und 28, aber auch zunehmend Frauen. Wir müssen uns mit ihrem Alltag beschäftigen und vor allem mit denjenigen, die sie am besten kennen, das sind die Mütter und Väter.

profil: Sie müssten eigentlich als Erste mitkriegen, wenn ihre Kinder falsch abbiegen.
Schlaffer: Ja, genau, ihre Rolle wird viel zu wenig beachtet. Eltern können die erste Linie der Verteidigung sein. Wenn jemand an der Grenze zu Syrien abgefangen wurde oder im Gefängnis landet, ist die Lage schon sehr ernst. Es geht aber um die Nuancen, um die Unentschlossenen. Viele kehren um, genau hier gibt es eine Chance anzusetzen, aber nur unter der Voraussetzung, dass sowohl in der Familie als auch in der Community das Stigma, mit dem Radikalisierung behaftet ist, durchbrochen wird. Leider ist das fast nie der Fall, und dafür braucht es Unterstützung.

profil: Der Attentäter von Wien wurde von seiner Mutter angezeigt. Passiert das oft?
Schlaffer: Wir kennen Fälle aus Brüssel und London, wo Mütter erklärt haben, dass sie ihre Söhne lieber im Gefängnis wissen als auf dem Schlachtfeld. Die Rekrutierer entwurzeln die Kinder und verankern sie an einem mit Fantasie und Träumen aufgeladenen Ort. Die Realität kann für Jugendliche hart sein, wenn sie ideologisch bombardiert werden. Die Rekrutierer versprechen einen Ausstieg aus ihrem oft schwierigen Alltag: Plötzlich sind sie jemand, plötzlich stehen sie als Retter und Rächer ganz vorn.

profil: Sie sagen, vertrauensvolle Beziehungen sind unsere schärfste Waffe. Setzen wir zu sehr auf Repression?
Schlaffer: Unsere Sicherheit baut schon seit 9/11 auf hard power, auf Militär, Nachrichtendienste, Polizei. Wir müssen die Pyramide auf den Kopf stellen. Zuerst kommen die Familien, die Communities, die Gesellschaft. Hier muss man die jungen Menschen festigen. Dann erst geht es weiter zu den anderen Playern. Bis heute fehlen in der Sicherheitsarchitektur die Familien und zum Teil sogar die Schulen.

profil: Die Regierung präsentierte eben eine Punktuation zu einem Gesetzespaket, das mehr elektronische Überwachung und eine Präventivhaft enthalten soll.
Schlaffer: Wir sind im Schock; es gibt immensen Druck auf die Politik. Das führt zu repressiven Antworten. Der nächste Schritt, nämlich zu versuchen, die potenziellen Täter rechtzeitig einzufangen, bleibt uns trotzdem nicht erspart. Der französische Soziologe Gilles Kepel sagt, wir leben in einer Aura des Dschihad. Es ist die Stärke der Rekrutierer, Angst zu erzeugen, die wie eine schwere Decke auf uns lastet und jene gesellschaftliche Spaltung fördert, die sich die Propagandisten des sogenannten Islamischen Staates am meisten wünschen.

profil: Mit den Müttern setzen Sie im Radikalisierungsprozess sehr früh an. Was hilft bei Menschen, die tief in die dschihadistische Szene eingetaucht oder in Haft sind?
Schlaffer: Aus meiner Sicht sind "Whole of Society"-Ansätze am vielversprechendsten. Nicht nur in Österreich, sondern auch in Belgien, in England oder im Kosovo haben wir viele Syrien-Rückkehrer. Längst nicht alle werden verurteilt. Oft fehlt es an den dafür nötigen Videobeweisen oder Zeugenaussagen. Selbst wenn sie eingesperrt werden, kommen sie irgendwann heraus. Am Balkan etwa müssen viele Familien ihr Dorf verlassen, weil sie hier geächtet werden. Da bedarf es echter, oft schmerzlicher Gemeinschaftsarbeit. Es stimmt, die haben sich von uns losgesagt, haben ihre Pässe verbrannt, jetzt sollen wir sie wieder integrieren? Ja, unsere Demokratien müssen stark genug sein, es gibt keinen anderen Ausweg.

profil: In Österreich arbeiten verschiedene Stellen auf dem Feld der Deradikalisierung, und jede schwört auf ihre eigene Methode. Haben alle ein bisschen recht oder gibt es den Königsweg?
Schlaffer: Das größte Problem ist, dass der Staat diese immense gesellschaftliche Aufgabe auslagert. Statt 900 Beamte zu Razzien auszuschicken, wäre es langfristig zielführender und ökonomisch sinnvoller, die Programme zusammenzufassen, institutionell zu verankern und ausreichend zu finanzieren. Das gilt für die Deradikalisierung ebenso wie für die Prävention. Wir arbeiten in 16 Ländern mit Unterstützung von Regierungen, aber wir müssen jährlich neue Förderanträge stellen. Die Menschen, mit denen wir arbeiten, verstehen nicht, dass unsere Arbeit plötzlich aussetzt, weil sie nicht mehr finanziert wird. Sie fühlen sich im Stich gelassen. Radikalisierung und Prävention basieren auf sehr sensiblen Dynamiken, und der Verlust des Vertrauens ist ein echter Rückschlag.

profil: Gefängnisse gelten als Brutstätten der Radikalisierung. Auch der Attentäter von Wien wurde in Haft nicht zu einem besseren Menschen. Was ist hier zu tun?
Schlaffer: Ein Rekrutierer in Indonesien, der gesehen hat, dass wir Mother Schools aufbauen, hat gesagt: Ah, ich kriege Konkurrenz. Genau das ist es: Wir müssen die Werkzeuge der Ideologen und Rekrutierer analysieren und für uns reklamieren. Wir müssen uns anschauen, was funktioniert. Beziehungsaufbau, emotionale Nähe herstellen, Zeit investieren. das sind die Methoden. Radikalisierung ist ein extrem persönlicher Prozess, und jede Biografie bietet Ansatzpunkte. In Gesprächen mit Aussteigern haben wir solche Beispiele gehört: Wir haben uns zu denen gesetzt, die auf den Doppeldeckerbussen müde und traurig in einer Ecke gesessen sind, und haben gefragt: Bruder, was kann ich tun? Und wenn der gesagt hat, meine Wohnung ist verschimmelt, ich habe keine Kraft, sie auszumalen, haben wir ihm geholfen, sie wieder schön zu machen. Das gilt überall auf der Welt: Rekrutierer lassen sich total auf die Jugendlichen ein.

profil: Im Beirat Ihres Mütterschulen-Projekts sitzen auch internationale Counterterrorismus-Experten. Braucht es - neben Prävention - mehr Intelligence Arbeit, die diesen Namen verdient?
Schlaffer: Auf jeden Fall. Ich werde nie die Mutter aus Brighton vergessen, die ihren Sohn in Syrien verlor. Er war schon lange tot, als wieder Verdachtsmomente gegen ihn auftauchten. Sie hat erzählt, dass die Beamten um drei Uhr in der Früh ihre Wohnung gestürmt, alle aus den Betten gerissen und auf den Boden geworfen haben. Sie fragte sie hinterher: "Warum haben Sie nicht angeläutet? Ich hätte aufgesperrt."

profil: Der Attentäter von Wien war am Radar mehrerer, auch ausländischer Behörden. Haben Sie eine Idee, wie er unter den Augen staatlicher Terrorismusbekämpfer seine Tat planen und ausführen konnte?
Schlaffer: Ich glaube, da sind wir alle ratlos. Es hat mehrere Stoppfaktoren gegeben: der versuchte Munitionskauf, grenzüberschreitende Vernetzung, Treffen mit Dschihadisten. Das BVT (Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung) müsste ein Kompetenzzentrum sein, ist komplett ausgefallen. Da wird es jedenfalls Antworten geben müssen. Darüber hinaus müssen wir gemeinsam mit der Zivilgesellschaft Alternativen aufbauen.

profil: In klandestinen Milieus haben es Polizei und Nachrichtendienste schwer, an Informationen zu gelangen. Arbeiten Sie mit Behörden zusammen?
Schlaffer: Natürlich sind wir im Austausch. Wir waren etwa an der Erstellung der nationalen Sicherheitsstrategie beteiligt. Aber es ist sehr wichtig, dass Mütter - wie auch Väter, die seit einiger Zeit an Father Schools teilnehmen - wissen, dass sie bei uns absolut sicher sind. Es ist schon ein Riesenerfolg, wenn sie in der Gruppe offen reden. Unser Ziel ist nicht nur, dass sie Frühwarnsignale erkennen und mit ihren Kindern in Verbindung bleiben, sondern sie sollen später auch als Role Models in der Community Verantwortung übernehmen.

profil: Österreich ist nicht Teil militärischer Bündnisse und hat auch keine koloniale Vergangenheit, an die Dschihadisten anknüpfen können. Andererseits gibt es eine seit vielen Jahren radikalisierte Szene. Warum blieb das Land so lange von einem Terrorangriff verschont?
Schlaffer: In Wahrheit ist ein Anschlag unkalkulierbar. Österreich ist auch jetzt noch kein vorrangiges dschihadistisches Angriffsfeld, anders als Frankreich, wo die Städte extrem polarisiert sind. Österreich hätte nun die einmalige Chance, ein Center of Excellence für die Präventionsarbeit aufzubauen und Antworten und praktische Strategien auf diese große Herausforderung des gewalttätigen Extremismus zu finden.

profil: Wo bleiben bei diesem Ansatz die Väter?
Schlaffer: Sie stärker hereinzuholen, war für uns der nächste Schritt. Sie haben Autorität, häufig aber nicht die notwendige Präsenz. Die Jugendlichen brauchen ein familiäres Umfeld, in dem sie erleben, dass ihre Mutter Respekt erfährt. Das ist der Mikrokosmos für die Geschlechterrollen. Darüber hinaus spielt Gewalt in der Familie bei der Radikalisierung eine wesentliche Rolle. Auch beim Attentäter von Wien soll es ein Klima der Gewalt gegeben haben. Die internationale Debatte beschäftigt sich seit Langem mit möglichen Push-und Pull-Faktoren. Ich denke, dass häusliche Gewalt ein übersehener Treiber ist, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.

Psychologie ist unsere schärfste Waffe

profil: Der französische Dschihadismusforscher Olivier Roy und der bereits erwähnten Soziologe Gilles Kepel streiten, ob wir es mit einer Islamisierung der Radikalität oder einer Radikalisierung des Islam zu tun haben. Wem stehen Sie näher?
Schlaffer: Diese hoch spannende Diskussion muss man verfolgen, aber es bringt nichts, sich einer Seite anzuschließen. Ich bin überzeugt, dass die meisten Radikalisierten wenig Ahnung vom Islam haben und nur nachbeten, was man ihnen vorbetet. Vor allem amerikanische Forscher sagen, wir bräuchten mehr Religion in der Prävention und Deradikalisierung. Ich glaube, das führt nur zu mehr Methodenstreit. Wir brauchen unter Umständen weniger Religion und stattdessen mehr Verankerung in der säkularen Welt. Psychologie ist unsere schärfste Waffe.

profil: In der Sicherheitspolitik führen Militärs, Juristen das Wort. Werden Mother Schools in diesen Kreisen belächelt?
Schlaffer: Überhaupt nicht. Hier gab es einen echten Paradigmenwechsel. Bei meinen ersten Gesprächen im State Department vor zehn Jahren musste ich immer ganz genau erklären, warum wir bei den Müttern ansetzen. Jetzt versteht es sich von selbst, dass wir sie als Verbündete brauchen. Es geht nicht mehr um das Warum, sondern um das Wie. Mütter sind an den Frontlinien, sie haben multiple Identitäten, arbeiten in Büros, in Krankenhäusern, als Lehrerinnen und üben in all diesen Rollen Einfluss aus, wenn sie anfangen, dieses Problem zu thematisieren. Wenn wir sie gewinnen wollen, müssen wir sie unterstützen, Ichstärke und Kompetenz aufzubauen. Und sie müssen raus aus der Vereinzelung. Unsere Netzwerke sind die Antwort auf die Netzwerke der Rekrutierer.

profil: Wie passiert in den Familien, wenn sich ein Kind radikalisiert?
Schlaffer: Wir haben in Belgien und in vielen anderen Ländern gesehen, dass sich dann in der Folge oft auch Geschwister radikalisiert haben, weil die Eltern kein Klima der Offenheit schaffen konnten und Depression und Isolation die Antwort in der Familie war. Wenn es nicht gelingt, jungen Menschen auf der Suche nach einer Rolle in ihrem Leben zu helfen, werden sie absolut verletzlich gegenüber toxischen Einflüssen von außen. Ich bin überzeugt, dass die Religion oft nur eine Rechtfertigung ist. In der Essenz geht es um Identitätsstiftung.

profil: Der Attentäter von Wien spritzte angeblich Steroide. Passt das für Sie ins Bild? Schlaffer: Ein harter Kerl zu sein, wird in Familien oft gefördert. Diese Vorstellungen von einer toxischen Männlichkeit sind eine Belastung, die an die nächsten Generationen weitergegeben wird. Oft wird den Söhnen viel zu früh viel zu viel erlaubt. Selbst Zwölfjährige gelten schon als junge Männer, und was sie darstellen sollen, ist die tägliche Erzählung in der Familie. Wenn der Sohn diese Erwartungen nicht einlöst, kann er zumindest ein einziges Mal ein harter Kerl sein, wenn er eine Kalaschnikow in die Hand nimmt und abdrückt.

 

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