Oberösterreich-Wahl: "Das sind keine Sozialisten mehr"

SOZIALDEMOKRATIN REITHOFER: Von Faymann hält sie "nichts“, und Gusenbauer habe nicht einmal bemerkt, als man ihn absägte.

SOZIALDEMOKRATIN REITHOFER: Von Faymann hält sie "nichts“, und Gusenbauer habe nicht einmal bemerkt, als man ihn absägte.

Friederike Reithofer ist 101 Jahre alt. In ihrem Leben spiegelt sich die versunkene Welt der Sozialdemokratie.

Sie ist schon so lange auf der Welt, dass sie keine Zeit mehr zu verlieren hat. Sie wäre gern Tänzerin geworden, doch war sie bis zu ihrer Pensionierung im Finanzamt Ried beschäftigt, und so empfängt sie in ihrer Buwog-Wohnung. Während man die Treppen hochsteigt und sich insgeheim fragt, wie sie das macht, in einem Haus ohne Lift, steht sie schon in der Tür: das graue Haar makellos frisiert, Bluse, Weste und Accessoires farblich aufeinander abgestimmt. Die alte Dame mustert einen mit zurückhaltender Neugier und bittet in ein kleines Wohnzimmer. Überall Bücher, gebundene Klassiker.

Am 28. August 1914, im Begeisterungstaumel der ersten Wochen des Ersten Weltkrieges, kam Friederike Reithofer in Ried in Oberösterreich zur Welt. Diese Welt einer neu entstehenden Arbeiterklasse gibt es heute nicht mehr. Arme Leute verdankten Bildung und Kultur der sozialdemokratischen Partei. Zusammenschluss und Solidarität waren zum Überleben notwendig. Ihr Vater hätte gern studiert, musste sich jedoch um das Fuhrwerkunternehmen der Familie kümmern. Er sah die Not und das Elend der Arbeiter und wollte die Welt verändern - ein Sozialdemokrat. Ebenso ihre Mutter. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie, als Frauen wählen und kandidieren durften, war Anni Reithofer die erste Gemeinderätin in Ried, die einzige Frau unter Männern. Sie gab ihr Mandat wegen einer schweren Krankheit jedoch bald ab.

Reithofer und ihre Schwester wurden in die "Kinderbewahranstalt“ geschickt, die tatsächlich offiziell so genannt wurde und in der man streng darauf achtete, dass die Bürgerkinder nicht mit den Kindern der Armen in Berührung kamen. Die Gruppen durften nicht zur selben Zeit im Garten spielen.


Was wir als Sozialisten mitmachen haben müssen in dieser Kleinstadt!

Auf Betreiben der Eltern und mit besten Schulnoten schaffte es Reithofer auf das Gymnasium. Sie lernte gern, aber sie hielt den Standesdünkel ihrer Mitschülerinnen nicht aus. "Was wir als Sozialisten mitmachen haben müssen in dieser Kleinstadt!“, seufzt die alte Dame.

Statt der Matura absolvierte sie einen Steno- und Maschinenschreibkurs. Sie war eine begeisterte Turnerin im Arbeiter-Turn- und Sportverein. Die Jugendlichen gingen wandern, sangen Lieder und "waren so anständig, kein Alkohol, keine Zigaretten, nichts“, sagt Reithofer. Nach dem niedergeschossenen Arbeiteraufstand im Februar 1934 wurde die Partei verboten.

Das junge Mädchen machte weiter. Als die Nationalsozialisten in Österreich die Macht übernahmen, sammelte sie für inhaftierte Genossen, ging zu verbotenen Treffen, half Kommunisten, hörte "Feindsender“ und boykottierte das Regime, wo es ging. Sie arbeitete auf dem Finanzamt, wurde von Arbeitskollegen verdächtigt, weil sie bei Siegesmeldungen nicht jubelte. Sie wurde vernadert, weil sie einem polnischen Zwangsarbeiter Brot und Zigaretten gab. Sie kam gerade noch davon. "Ich hatte einen Hang zum Risiko. Anders wäre das gar nicht gegangen“, sagt sie.


Reiche Nazi-Bauern aus unserer Umgebung haben Essen über die Mauern geworfen, denen ging es besser als uns.

In der Zweiten Republik blieb sie skeptisch. Das Land war befreit, die NS-Herrschaft beendet und die Sozialdemokratische Partei wieder auferstanden. Doch das alte Denken war noch immer da, auch der Antisemitismus. Sie musste zusehen, wie die in Glasenbach internierten höheren NS-Funktionäre hofiert wurden. "Die litten keinen Hunger. Reiche Nazi-Bauern aus unserer Umgebung haben Essen über die Mauern geworfen, denen ging es besser als uns“, erinnert sie sich. Und plötzlich waren auch diese Ehemaligen wieder in Amt und Würden.

Reithofer ist zeitlebens Sozialistin geblieben. Doch sie ist schwer enttäuscht. Das Beste seien noch die Kreisky-Jahre gewesen, meint sie. Seit den 1990er-Jahren gehe es mit der Partei jedoch steil bergab. Das waren die Haider-Jahre, da ging es um Ausländer und Privilegien. Sie habe dem Jörg Haider gut zugehört, doch die Sozialdemokratie habe keine Antworten gehabt. Sie hat damals an die SPÖ-Zentrale geschrieben: "Das ist das Ende der Sozialistischen Partei.“ Sie sieht es als Fehler, dass die SPÖ von vornherein eine Koalition mit der FPÖ ausschließt und sich dadurch der ÖVP ausliefert. Sie vermisst den Willen, den Zug zur Macht.

"Die SPÖ-ler sind keine Sozialisten mehr. Sie sagen zu allem Ja und Amen. Wenn wieder etwas gekürzt wird, wenn es wieder eine Teuerung gibt, schimpfen sie zwei Tage lang, und das war’s.“ Von Kanzler Werner Faymann hält sie "nichts“, ebenso wenig von seinem Vorgänger Alfred Gusenbauer - der habe es nicht einmal gemerkt, als man ihn absägte, sagt die alte Dame und schüttelt verwundert den Kopf. Sie hat auch keine Lösung für eine Welt, in der es zwar noch Unterprivilegierte gibt, aber kaum noch Arbeiter, schon gar keine klassenbewussten. Selbst wenn die SPÖ alles richtig machte - für wen?