Der leise Stammtisch: „... und wo bleibe ich?“

Stammtischgespräche: Je länger überzeugende Antworten auf sich warten lassen, desto ratloser und verunsicherter werden große Teile der Bevölkerung.

Stammtischgespräche: Je länger überzeugende Antworten auf sich warten lassen, desto ratloser und verunsicherter werden große Teile der Bevölkerung.

Sie fühlen sich eingeklemmt zwischen aggressiven, rechten Hasspostern und der zivilgesellschaftlichen Aufopferung auf den städtischen Bahnhöfen. Sie wollen Flüchtlingen helfen, sind aber voller Sorgen. Manche überlegen, erstmals die FPÖ zu wählen. profil traf Menschen aus der verdrossenen, meist schweigenden Mitte, deren Gemütslage die Landtagswahlen in Oberösterreich und Wien entscheidet.

Der Sack mit den warmen Pullovern in einer Tierarztpraxis in Oberösterreich, abgestellt neben einer Tür und hier stehen geblieben, ist ein stilles, aber besonders treffendes Bild für eine Gemütslage, die zwei Landtagswahlen prägt. Susanne Platzer*, 47, hat den Sack für Flüchtlinge hergerichtet und schafft es nun nicht mehr, ihn auch zu spenden.

Christian Rainer und Edith Meinhart über die aktuelle Titelgeschichte: „... und wo bleibe ich?

Ihr Impuls zu helfen erstarrte, als sie die Syrer im Fernsehen sah, gut angezogen, gebildet, und wie sie fand „lässig zurückgelehnt“. „Heidi kennen wir“, „Mozart“ und „schön ist es hier“, haben sie gesagt. Sie wurden mit Luftballons und Klatschen begrüßt von freiwilligen Helfern, die seit Wochen am Wiener Westbahnhof ausharren, um erschöpfte Männer, Frauen und Kinder aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und Eritrea mit Wasser, Mannerschnitten und freundlichen Worten aufzurichten. Der Oberösterreicherin kommt es „innerlich hoch“, wenn sie daran denkt: „Sind diese Leute wirklich so blauäugig?“

Platzer, die mit ihrem Mann gemeinsam die Tierarztpraxis führt, sagt, in ihrem Bekanntenkreis drehten sich die Gespräche pausenlos darum, wohin das alles führen soll. Zwei befreundete Ehepaare stritten beim Fortgehen und reden nun nicht mehr miteinander. Als Platzer ihren Kindern am Mittagstisch davon erzählte, seien auch sie sich in die Haare geraten.

Verwirrt und grimmig schaut die Oberösterreicherin auf „nicht und nicht versiegende Ströme“, beobachtet Flüchtlinge, wie sie beim Textildiskonter neue Sachen kaufen, hört, in den Lagern werde ihnen Biokäse serviert, und liest, ein paar von ihnen hätten Polizisten Wurstsemmeln ins Gesicht geworfen. „Viele, die da jetzt kommen, sind 50 und älter. Die werden wir durchfüttern müssen.
Gleichzeitig wird in Österreich überall gekürzt“, sagt Platzer. Wer koche für die Obdachlosen im eigenen Land, wer pflege die Alten, wer helfe dort, „wo keine Kameras sind“?

Lesen Sie die Titelgeschichte von Edith Meinhart in der aktuellen Printausgabe oder als E-Paper (www.profil.at/epaper)!