Österreichs brutale Abschiebepraxis: Der tragische Fall des Ahmed O.

Österreichs brutale Abschiebepraxis: Der tragische Fall des Ahmed O.

Österreich will 1500 Syrien-Flüchtlinge ins Land holen und schiebt gleichzeitig andere brutal ab. Der tragische Fall des Ahmed O.

Ahmed Omar ( Name von Redaktion geändert ) schlief auf der Matratze im Wohnzimmer seiner Schwester. Die Wunden am Bauch, die er sich selbst zugefügt hatte, waren verheilt. Er müsse keine Angst mehr haben, hätten die Ärzte gesagt. Fünf Wochen später rissen ihn Polizisten aus dem Schlaf hoch und fesselten ihn mit Handschellen.

"Ich habe nur ihre Gürtel gesehen"
"Wo ist er?“, hatten sie geschrien und jede Tür aufgestoßen. Seine Nichten, elf, sieben und vier Jahre alt, hatten zu weinen angefangen, seine Schwester vor Angst geschlottert. Zu zwölft waren sie durch die Dreizimmer-Wohnung in Graz galoppiert, große Kerle in Uniform: "Ich habe nur ihre Gürtel gesehen“, sagt der Schwager. Nach einer Viertelstunde waren sie weg. Und Ahmed Omar auch.

7. August 2014, Abschiebung eines syrischen Flüchtlings nach Ungarn. Man muss sich die europäische Flüchtlingspolitik wie eine Lotterie vorstellen: Man weiß nie, wer das richtige und wer das falsche Los zieht. Anders ist die Geschichte von Ahmed Omar, 31, kaum zu begreifen.

Vergangene Woche wartet der Mann, abgemagert bis auf die Knochen, an der Hauptstraße von Györ nach Vámosszabadi. Rechts erstreckt sich ein Gelände mit verrosteten Containern und bellenden Hunden, links das Flüchtlingsheim, in dem er es nicht länger aushalten will: "Viele Leute gehen nach Deutschland oder Italien weiter.“

Caritas: "Menschen wie Pakete hin und her geschoben"
Die Wachen des Anhaltelagers hielten sie nicht auf, sagt er. Ihm selbst habe man bei seiner Einvernahme nahegelegt, sein Glück auch besser anderswo zu versuchen. Die Auskunft ist falsch, wie so vieles in diesem EU-Regelwerk namens Dublin III. "Menschen werden wie Pakete in Europa hin und her geschoben, das muss ein Ende haben“, sagt Klaus Schwernter, Generalsekretär der Caritas Wien.

Im Juni 2013 war Ahmed Omar aus Syrien aufgebrochen und über die Grenze in die Türkei marschiert. In Griechenland schlüpfte er manchmal bei einem kurdischen Verein unter, oft schlief er auch auf der Straße. Dann ging es weiter durch Serbien, Mazedonien, schließlich Ungarn. Am 12. Februar hielt die Polizei in Szeged drei Autos auf. In einem von ihnen saß Ahmet Omar. Hunger, Kälte, Haft. Und endlich bei der Schwester in Graz.

Bis heute wollten die Behörden nur wissen, auf welchen Wegen er sich durchgeschlagen hatte, wie die Boote, die Autos und die Schlepper aussahen. Niemand fragte Ahmed Omar, warum er in der 50.000-Einwohner-Stadt im Nordosten Syriens, wo er für einen friedlichen Umsturz demonstrierte, nicht mehr leben konnte. Inzwischen herrschen dort Islamisten, Geheimdienste, Gewalt und Chaos. Ahmed Omar erzählt auf Kurdisch, sein Schwager und sein Neffe übersetzen. Die Polizei habe jede Nacht 40, 50 Leute mitgenommen. Auch ihn hätten sie "so lange geschlagen, bis ich den Zettel unterschrieben habe, dass ich mich nicht mehr an Protesten beteilige“. Ein Freund nach dem anderen sei tot auf der Straße gelegen oder ohne ein Lebenszeichen verschwunden.

Abschiebung in Boxershorts
Mit ein bisschen Glück wäre Ahmed Omar in das humanitäre Aufnahmeprogramm für syrische Flüchtlinge gefallen, mit dem Österreich sich brüstet. 500 Menschen dürften ins Land, hatten Innenministerin Johanna Mikl-Leitner und Michael Spindelegger, damals Außenminister, kurz vor der Nationalratswahl vergangenen Herbst versprochen. Vor acht Monaten wurde das Kontingent um 1000 aufgestockt. Noch sind erst 450 davon eingereist. Gleichzeitig wurde Ahmed Omar in Boxershorts außer Landes gebracht. Lotteriepech eben. Die Abschiebepolizisten hatten ihm nicht einmal erlaubt, die Hose anzuziehen, die ihm seine Schwester auf die gefesselten Hände gedrückt hatte, bevor sie ihn wegzogen. Dem Schwager sitzt die Amtshandlung bis heute in den Knochen: "Er ist doch kein Terrorist.“

Am 17. Februar hatte der 31-jährige Syrer in Österreich um Asyl angesucht. Doch er war über Ungarn, ein sicheres Drittland, gekommen, und das Nachbarland erklärte sich für sein Verfahren zuständig. Laut Dublin III durfte Österreich ihn abschieben, aber es musste ihn nicht abschieben. Warum in Handschellen und Unterhose? Warum der martialische Bestemm, der eine ganze Familie verstörte? Wie blanker Hohn liest sich eine Passage im Abschiebeauftrag vom 31. Juli: "Eine Eskorte durch besonders geschulte Einsatzbeamte wurde via BMI veranlasst.“ Im Innenministerium will man dazu nichts sagen und verweist an die Pressestelle der Polizei in Graz. Dort heißt es, "dem Mann wurde die Möglichkeit gegeben, sich anzuziehen und sich zu verabschieden. Aber er hat davon keinen Gebrauch gemacht.“

In Käfig gesperrt
Ahmed Omar war erst wenige Wochen vor seiner Abschiebung aus der Psychiatrie entlassen worden. Die Ärzte hatten eine "posttraumatische Belastungsstörung“ attestiert und seine aufgepeitschten Nerven mit Medikamenten besänftigt, nachdem er mit der Rettung am 25. Juni direkt aus der Polizeihaft eingeliefert worden war. Beim ersten Versuch, Ahmed Omar abzuschieben, waren bei ihm die Sicherungen durchgebrannt. In Ungarn hatte man ihn im Februar im Innenhof einer Polizeistation in einen Käfig gesperrt. 15 Menschen waren auf "drei Mal drei Metern Fläche“ zusammengepfercht, die Hände mit Kabelbindern gefesselt, eine Nacht lang in der Kälte im Freien gestanden. Als er in dieses Land zurückgeschoben werden sollte, nahm er eine Zahnpastatube und schnitt sich mit der scharfen Unterkante den Bauch auf. Drei Tage lang reagierte er nicht auf die SMS und Anrufe seiner Schwester. Über Facebook ließ er sie wissen, er sei im Krankenhaus. Ahmed Omar zieht das T-Shirt hoch und zeigt die Narben, die immer noch zu sehen sind.

Er würde nicht noch einmal versuchen, sich das Leben zu nehmen, hatte er den Ärzten versprochen. Zuvor hätten sie ihm versichert: "Du wirst nicht abgeschoben.“ Eine profil-Anfrage, worauf diese Auskunft gründete und was es am Befund geändert hätte, wäre Omar klar gewesen, dass er außer Landes geschafft werden kann, mündete in ein Dementi: "Es hat seitens des Wiener Krankenanstaltenverbundes keine Zusicherung gegeben, dass er nicht abgeschoben wird.“ In den Entlassungsbrief schrieben seine Ärzte, es bestehe nun kein Hinweis mehr auf eine "akute, ernstliche und erhebliche Selbst- und Fremdgefährdung“. Die Menschenrechtsaktivistin Gerlinde Grohotolsky jedoch meint, man hätte für ihn eine mobile psychiatrische Betreuung organisieren müssen, "statt ihn einfach heimzuschicken“.

Inzwischen klingt Ahmed Omar wieder sehr müde: "Ich kann nicht schlafen. Ich denke jede Nacht an Selbstmord.“