Ein Mann mit Brille und Anzug, es ist der Historiker Oliver Rathkolb, steht vor einem Bücherregal in Schwarzweiß.
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Gibt es ein Recht auf Lärm? Ist die westliche Gesellschaft der chinesischen überlegen? Pflegen wir eine Erinnerungsfolklore? Ist die Geschichtswissenschaft vor Schwarz-Weiß-Denken gefeit? Der Zeithistoriker Oliver Rathkolb im profil-Gespräch.

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In Ihrem neuen Buch „Ökonomie der Angst – Die Rückkehr des nervösen Zeitalters“ beschreiben Sie, wie der Chefredakteur der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“, Edmund Wengraf, im April 1911 ein „Recht auf Lärm“ forderte. Das würde sich heute kaum ein Chefredakteur mehr trauen.

Oliver Rathkolb

Als Folge der Turbo-Globalisierung in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg ist es in den urbanen Zentren zu einer Verkehrslawine gekommen. Damals war es beispielsweise am Wiener Opernring lauter als heute. Tramway, Fuhrwerke, Autos, Menschen, ein Riesentheater, überall Krach, Lärm, Wirbel. Und schon damals gab es eine starke Bewegung, die eine Rückbesinnung auf die Natur verlangte. In den USA wurde eine neue Nervenkrankheit diagnostiziert, die Americanitis, mit Müdigkeit, Schlafstörungen und Reizbarkeit. Die Menschen fühlten sich überfordert von Telefon, Telegraf, Elektrifizierung und Eisenbahn.

Auch Theodore Roosevelt, US-Präsident von 1901 bis 1909, lag darnieder.

Rathkolb

Roosevelt war eigentlich ein sehr kämpferischer Präsident, bekannt als leidenschaftlicher Jäger und Bärentöter. Auch ihn packte diese Erschöpfungskrankheit. Heute würde man es Burn-out nennen. Manche Zeitgenossen wie Chefredakteur Wengraf wollten die Moderne, die Urbanität aber verteidigen und wandten sich daher gegen die Zurück-zur-Natur-Bewegung, die sich wie heute gegen zu viel Beschleunigung und zu viel negative Umwelteinflüsse richtete.

Sie schildern die Zeit zwischen der zweiten industriellen Revolution ab 1870 und dem Ersten Weltkrieg als nervöses Zeitalter.

Rathkolb

Es reicht, wenn man Kafka liest. Da springt einen fast auf jeder Seite das nervöse Zeitalter an. Auch Kafka war immer wieder auf Kur, weil ihm alles zu laut, zu schnell gewesen ist. Heute finden wir aufgrund der sozialen Medien ebenfalls keine Ruhe mehr. Auch wir leben in einem nervösen Zeitalter. Damals wie heute versucht die Gesellschaft, sich gegen diese Nervosität zu wehren und zu flüchten.

Gernot Bauer

Gernot Bauer

ist seit 1998 Innenpolitik-Redakteur im profil und seit 2025 Leiter des Innenpolitik-Ressorts. Co-Autor der ersten unautorisierten Biografie von FPÖ-Obmann Herbert Kickl.