Ein Mann, der frühere ORF-Chef Weißmann, spricht in ein Mikrofon
Bild anzeigen
Der gestrauchelte Generaldirektor sieht sich vom Vorwurf der sexuellen Belästigung entlastet und fordert nun vier Millionen Euro vom ORF.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

In einem Tresor in ihrem Büro im sechsten Stock der ORF-Zentrale am Wiener Küniglberg verwahrt die neue ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher ein heikles Dokument: den Bericht der Compliance-Abteilung des Rundfunks zur Affäre um ihren zurückgetretenen Vorgänger Roland Weißmann. Es ist das einzige Exemplar – und nur Thurnher hat Einsicht; nicht Weißmann, nicht die Mitarbeiterin, die ihm sexuelle Belästigung vorwarf; und auch nicht die Mitglieder des ORF-Stiftungsrats, des Aufsichtsgremiums des ORF. Bloß die Kernaussage des Berichts auf Basis von Weißmanns Aussagen und jenen der Mitarbeiterin ist bekannt: Der frühere ORF-Chef habe sich keiner sexuellen Belästigung schuldig gemacht, weder im strafrechtlichen Sinn noch nach dem Gleichbehandlungsgesetz. Dies stellte der Wiener Anwalt Christopher Schrank in einem Gespräch mit Journalisten fest. Er war Mitglied im dreiköpfigen Untersuchungsgremium. Es sei für die betroffene Frau auch „kein negatives Arbeitsumfeld“ im ORF geschaffen worden. Schrank: „Uns hat sich auch der Eindruck ergeben, dass der Austausch für keine der beiden Seiten unerwünscht war.“ Bemerkenswert an dieser Conclusio ist, dass diejenigen internen und externen Juristen, die den Stiftungsrat des ORF bei Ausbruch der Affäre berieten, den Sachverhalt anders beurteilten. In jenen Chats, die profil einsehen konnte, weist die Betroffene Avancen von Weißmann zurück, lässt sich aber auch wieder auf Unterhaltungen ein.

Obwohl also aus Sicht des ORF keine sexuelle Belästigung stattfand, wurde Weißmann – er war formal im ORF mit der Gage eines Hauptabteilungsleiters geblieben – von Ingrid Thurnher gekündigt: wegen „eines unangemessenen Verhaltens“.

Dass der Compliance-Bericht zu seinen Gunsten ausfiel, begründete Weißmann am Mittwoch bei seinem ersten Auftritt seit seinem Rücktritt mit Material – Chats und Bildern –, das er seinerseits bei der Compliance-Befragung vorgelegt habe. Seine Kündigung will er anfechten. Wie sein Anwalt Oliver Scherbaum erklärt, fordert Weißmann bis zu vier Millionen Euro. Der Betrag setzt sich unter anderem aus dem entgangenen, wahrscheinlichen Generaldirektoren-Gehalt bis Ende 2031, Bonuszahlungen und einem Ausgleich für die erlittene Rufschädigung zusammen. Er wolle „Gerechtigkeit, nicht Rache“, so Weißmann. Sollten sich der ORF und Weißmann nicht außergerichtlich einigen, droht wohl ein jahrelanger arbeitsrechtlicher Prozess, mit entsprechender öffentlicher Begleitmusik.

Redaktioneller Hinweis: profil wird in seiner kommenden Ausgabe ausführlich über die Tumulte im ORF berichten. 

Gernot Bauer

Gernot Bauer

ist seit 1998 Innenpolitik-Redakteur im profil und seit 2025 Leiter des Innenpolitik-Ressorts. Co-Autor der ersten unautorisierten Biografie von FPÖ-Obmann Herbert Kickl.