Mehr Licht! Die gefährliche Lust an der Apokalypse

Frankenstein trifft auf seine Kreatur (1931)

Frankenstein trifft auf seine Kreatur (1931)

Panik und Versagen überall: Wie sind wir in diesen Abwärtsstrudel geraten? Edith Meinhart über die gefährliche Lust an der Apokalypse.

Endlich haben wir alle dreckige und schweißtreibende Mühsal abgestreift. Roboter kleben, schweißen und bauen die Güter zusammen, die wir zum Leben brauchen, und bringen uns dorthin, wo wir sein wollen. Rund um die Uhr. Das kostet nicht viel. Für uns ergeben sich dadurch ungeahnte Freiheiten. Und das Beste daran: Niemand ist empört, kaum jemand bleibt untätig. Wir spielen, lernen Sprachen und Instrumente, wir forschen, erfinden neue Geräte und unterhalten uns. Wir entwickeln uns weiter, pflegen und helfen einander. Was haben wir uns vor dem Monster gefürchtet, das wir geschaffen haben. Am Ende hat es uns doch nicht umgebracht.

In dem Frankenstein-Film aus dem Jahr 1931 steht der faustische Doktor in den Alpen seiner hässlichen Kreatur gegenüber. Sie wird ihn erledigen. Chris Müller, künstlerischer Direktor der Tabakfabrik Linz, erinnert die Szene an die kollektive Angstlust, mit der wir uns heute von einem Schrecken in den nächsten versetzen. Mary Shelley schrieb ihren Roman 1816 im berühmten Sommer ohne Licht. Wegen des Ausbruchs des indonesischen Vulkans Tambora war es in Europa finster und kalt geblieben. Gleichzeitig beflügelte eine neue Energiequelle schauerliche Fantasien. Ärzte brachten Leichen damit zum Zucken. Würden sie irgendwann auch Tote zum Leben erwecken können? Und was dann, arme Welt?


Heute finden wir Frankensteins Monster fast niedlich; wir haben es durch neue ersetzt: Roboter, entfesselte Finanzmärkte, Überwachung, Flüchtlinge, ohnmächtige Politiker.

Es kam anders. Elektrizität segnete die Menschen mit Licht und Wärme. Nicht auszudenken, wo wir ohne sie geblieben wären. „Doch das schöne Bild von hellen, geheizten Räumen konnte damals niemand malen“, sagt Müller. Die Zeichen standen auf Untergang. Heute finden wir Frankensteins Monster fast niedlich; wir haben es durch neue ersetzt: Roboter, entfesselte Finanzmärkte, Überwachung, Flüchtlinge, ohnmächtige Politiker. Die Kriminalität nimmt überhand. Es braucht Notverordnungen, Schnitte ins letzte soziale Netz. Grenzen werden undicht, Gesetze missachtet, Kuverts kleben nicht mehr. Was klappt noch? Liegt nicht alles im Argen? Das ganze Land ist in Aufruhr und sucht nach Zeichen des Niedergangs.

In diesen Abwärtsstrudel sind wir nicht erst gestern geraten. Er dreht sich nur immer schneller. Seit mehr als zehn Jahren schon zeichnet sich ab, dass das Aufstiegsversprechen nicht mehr gilt. Industriearbeiter, Lehrerinnen und Beamte finanzierten ihren Töchtern und Söhnen ein Studium. Die Kinder sollten es besser haben. Doch das ist passé. Am Horizont zeigt sich keine Institution, keine Partei, keine herausragende Figur, die den Pfeil wieder nach oben biegen könnte. Stattdessen: Flüchtlinge, Armut auf der Straße. Weitere Millionen, die sehnlich darauf warten, nach Europa zu kommen. Das alles ist jedenfalls anstrengend, im schlimmsten Fall bedrohlich.
Wir könnten Erholung brauchen. Stattdessen stürzen wir uns ins schrille Geschehen eines grotesk übersteuerten Jahrmarkts. Ohne Pause und ohne Filter setzen wir uns sozialen Medien und dem Boulevard aus, bis das Gefühl uns lähmt, dass die Welt aus den Fugen gerät und der Wahnsinn die Oberhand gewinnt. Übergriffe, Terror, Betrügereien, Verschwörungen, komplettes Versagen. Krach in der Koalition. Wackelt jetzt womöglich auch der Nachwahltermin? Die Demokratie wird zum Kasperltheater. Häme, Hass und Halbwahrheiten bleiben nicht mehr am Stammtisch. Jeder Wutausbruch, der als Leserbrief nicht gedruckt würde, weil er die Mindestanforderungen des zivilisierten Umgangs verletzt, kann zum viralen Ereignis ausarten. Algorithmen treiben das Verrückte, Unglaubliche und Beleidigende nach oben; das Maßhaltende fällt zurück.


Dabei wären Vermittlung und Ausgleich wichtiger denn je. Wir verlieren die öffentlichen Plätze, auf denen unterschiedliche Positionen sich annähern können.

Wir verhärten, um das auszuhalten, gerieren uns zynisch oder halten den Mund, um der FPÖ keine Munition zu liefern. Doch das Gegenteil von Gehässigkeit ist nicht Verschweigen oder Schönfärben, sondern etwas, das mit dem durch unsachgemäßen Gebrauch vielleicht bald verschlissenen Begriff Kritik gemeint ist. Wer die Einladung ausschlägt, sich am Schadenfreudenstanz und an der Angstlust zu beteiligen, muss damit rechnen, Relativierer geschimpft zu werden. Dabei wären Vermittlung und Ausgleich wichtiger denn je. Wir verlieren die öffentlichen Plätze, auf denen unterschiedliche Positionen sich annähern können. Selbst in der akademischen Welt verschwinden die offenen Foren, weil die Vertreter einer Schule sich nur noch ungern mit Vertretern anderer Schulen austauschen. Wissenschafter enthalten sich öffentlicher Beiträge, die nicht das eigene, symbolische Kapital vermehren.

Ein leiser, aber schmerzhafter Verlust, der für den Politikwissenschafter Bernhard Perchinig einer längerfristigen „Enttextlichung der Welt“ geschuldet ist. Bis in die 1990er-Jahre war das Internet – so wie traditionellerweise Zeitungen – ein Textmedium. Mittlerweile ist es zum Bildmedium mutiert, so Perchinig: „Nur in Texten aber können andere Positionen einbezogen werden. Ein Bild ist nicht reflexiv und erkennt nichts an als das Bild selbst.“ Jörg Haider erkannte früher als alle anderen Politiker in Österreich, dass es in dieser Form von Öffentlichkeit auf Gesten, Darstellung und Inszenierung mehr ankommt als auf die Qualität der Argumente.

Die Suche nach einer gültigen Sichtweise erübrigt sich damit. Man verschanzt sich mit den Seinigen, bespiegelt einander in den eigenen Anschauungen und schießt auf alle anderen draußen. Um Interessen, die man verhandeln und über längere Zeiträume ausgleichen kann, geht es kaum noch, sondern um Identität. Auf diesem Feld gibt es wenig zu verhandeln. Man gehört dazu oder nicht. Selbst die Zukunft schrumpft auf diese Weise vom gemeinsamen Anliegen zum partikularen Interesse. Die Rendite der damit einhergehenden gesellschaftlichen Destabilisierung schöpft die FPÖ ab. Ihr Metier ist es, Vertrauen und Zuversicht zu zerstören. Wenn „das System“ Norbert Hofer verhindern wolle, donnert er einem nicht näher beschriebenen Kollektiv entgegen: „Je mehr ihr mich bekämpft, umso stärker werde ich.“ Die Blase generiert ihre eigenen Medien. Gegenteilige Realitäten werden nicht akzeptiert. Nimm das, Lügenpresse!


Zuversicht lässt sich nicht verschreiben. Es könnte uns aber die Lust am Untergang ein wenig vergehen, wenn wir ihr Geheimnis enträtseln.

Die FPÖ findet willige Helfer bei allen, die Hysterie verbreiten und realistische Handlungsmöglichkeiten ausblenden. Das ist kein Appell, Übelstände unter dem flauschigen Mantel des Schweigens verschwinden zu lassen, sondern eine Absage an die Rhetorik der verbrannten Erde. Kritik ist keine Lizenz zum vernichtenden Angriff, sondern eine Kunst der Beurteilung, die Klarheit, Aufrichtigkeit und Genauigkeit braucht, wenn sie uns weiterbringen soll. Zerstören hingegen kann fast jeder. Über Korruption, Missbrauch und Behördenversagen zu berichten, ist nicht das Gleiche wie die Beschwörung der Apokalypse. Ohne Zweifel und Kritik entwickeln wir uns nicht weiter, ohne Bilder von einer guten Zukunft aber auch nicht.

Zuversicht lässt sich nicht verschreiben. Es könnte uns aber die Lust am Untergang ein wenig vergehen, wenn wir ihr Geheimnis enträtseln. Sie verrät uns nämlich vor allem, wie schlecht es um unsere Lust bestellt ist, so wie unser perfektionistisches Streben vor allem unsere Schwäche offenbart, mit Unschärfen umzugehen. Natürlich dürfen verklebte Wahlkuverts nicht aufgehen. Aber der Tag, an dem wir nur noch supersupersupersauber wählen dürfen, wird der Tag sein, an dem wir es gar nicht mehr dürfen. Dass jede Panne inzwischen sofort Alarmstufe Rot auslöst, bringt uns dem vermeintlichen Ideal der Fehlerlosigkeit keinen Millimeter näher, sondern führt dazu, dass jeder Verantwortliche jede Verantwortung so lange von sich weist, bis sie am kleinsten Rädchen im Getriebe hängen bleibt.

Was bringt uns wieder ins Lot? Die Erkenntnis, dass vieles selbst in Zeiten noch funktioniert, in denen tatsächlich einiges schiefläuft, ist ein Anfang. Vielleicht könnten wir es mitten in den immer gleichen Verschwörungen auf der einen Seite und den immer gleichen sarkastischen Witzen auf der anderen wagen, hinter unsere Gebirge aus Angst vor Arbeitslosigkeit, Armut und Ausländern eine Vorstellung von Zukunft zu projizieren, die uns entspannt.

Im Film tötet Frankensteins Monster seinen Schöpfer. Was ist ein längst vergangener Sommer des verfinsterten Himmels gegen 200 Jahre Elektrizität? Ein bisschen Optimismus tut nicht weh.