Pop-Dschihadisten: Wie radikalisierte Jugendliche dem IS-Terror verfallen

Pop-Dschihadisten: Wie radikalisierte Jugendliche dem IS-Terror verfallen

Auf Facebook & Co gerät eine radikalisierte Jugend außer Rand und Band. Ein Österreicher und ein deutscher Gangsta-Rapper haben sich zu Chefpropagandisten für den IS-Terror aufgeschwungen.

Das Medium hat Sprengkraft, mittlerweile auch für Gotteskrieger. Laut "Sky News“ verbreitet die terroristische IS-Miliz ihre Enthauptungsvideos allein über Twitter auf mehr als 60.000 Accounts. Seit einigen Wochen geistern Postings des 19-jährigen Österreichers Firas Houidi durch die sozialen Netzwerke. Nach Kenntnis von Interpol befindet er sich bei den IS-Brigaden in Syrien oder im Nord-irak. Auf seiner Facebook-Seite, die zuweilen verschwindet und unter einem Alias-Namen wieder auftaucht, gibt er Anleitungen zum Bombenbasteln. Er kündigt an, dass den gefangenen Gegnern in seinem Keller nun bald "das Messer an die Kehle gesetzt“ werde. Er meldet den Märtyrertod eines Wiener Freundes. Er posiert in Kampfmontur, Arm in Arm mit dem ehemaligen deutschen Gangsta-Rapper Deso Dogg, der sich heute Abu Talha al Almani nennt und laut deutschem Verfassungsschutz zum Führungszirkel der IS gehört. Houidis Facebook-Freunden "gefällt“ das. Und sie werden von Tag zu Tag mehr. Derzeit sind es knapp 3000.

Die beiden Dschihadisten haben bereits eine Art Kultstatus erworben. Und das ist nicht lustig, sondern Teil der IS-Strategie für Rekrutierungen im deutschsprachigen Raum.

Ein ehemaliger Freund von Houidi sagt, er verstehe nicht, was da abgehe. Ab und zu versuche er, Firas auf Facebook an sein früheres Leben zu erinnern. Die meisten "Freunde“ finden Houidis Seite jedoch offenbar cool: Splitterwesten, Kalaschnikows, Videoclips mit Kampfgetöse und Auftritte von übergeschnappt wirkenden Jugendlichen, die mit einem Palästinensertuch um den Kopf "predigen“.

Die überwiegende Mehrheit der "Freunde“ sind deutsche und österreichische Jugendliche mit Migrationshintergrund. Viele deklarieren sich als "Diener Allahs“. Mehr als 200 geben immerhin als Wohnort Wien und ihren Arbeits- und Ausbildungsplatz an. Es sind Lehrlinge, HTL-Schüler, Gymnasiasten und Angestellte. Eine Kellnerin aus einem beliebten Wiener Multikulti-Restaurant ist dabei, ein Koch, ein Krankenpfleger aus dem AKH, ein Jugendgewerkschafter, eine Verwaltungsangestellte bei der Wiener Polizei, Personenschützer, Bankangestellte, Kampfsportler, Fitness-Freaks. Es geht quer durch alle Berufe. Junge Männer zeigen Tätowierungen und Bizeps, Mädchen posieren im üblichen Porn-Schick, wie viele andere auf Facebook in diesem Alter. Manche äußern auch ihre Ansichten zu religiösen Fragen, debattieren über islamische Vorschriften und fragen, was etwa mit der Kriegsbeute geschehe, ob man sie behalten dürfe.

Ein Video, das in diesen Kreisen als besonders hip gilt und eifrig weitergeschickt wird, zeigt einen 30-jährigen einschlägig bekannten Deutschtürken: Er brüllt: "Die Umma (die islamische Gemeinschaft, Anm. d. Red.) brennt.“ Er fordert: "Liebe Jugendliche, kehrt um. In Syrien werden die Brüder abgeschlachtet. Wie könnt ihr in diesen Tagen in der Disco sein und den Frauen hinterherrennen? Man darf keine Angst haben. Wir gucken zu, lassen uns demütigen. Die Herzen sind blind geworden. Die Scharia wird mit Füßen getreten.“ Seine Stimme überschlägt sich. Die Gesellschaft habe ihn zu einem "Asi“ (Asozialen) machen wollen, doch Allah habe ihn dazu gebracht, den Koran zu studieren. "Seid bereit zu sterben!“ Was dann noch kommt, geht unter in MG-Geknatter und Detonationen.

Noch beliebter sind die Videoclips des früher mäßig erfolgreichen Gangsta-Rappers Deso Dogg, mit bürgerlichem Namen Denis Cuspert, 39 Jahre alt, Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers, der bald nach Denis’ Geburt aus Deutschland abgeschoben worden war. Seit einigen Jahren schon präsentiert er sich als radikaler Salafist, der dem HipHop, der im Salafismus verbotenen Musik insgesamt und den Drogen abgeschworen hat, nur noch Allah verherrlichende Gesänge ins Netz stellt, den Märtyrertod preist, "Angsthasenprediger“ verhöhnt und vorführt, wie er die Leichen der "Ungläubigen“ schändet. In seinen Liedern singt er von den eigenen Lebenserfahrungen der sozialen Ausgrenzung und strickt daraus das Bild einer globalen Opfergemeinschaft der Muslime. Allah habe ihn davor bewahrt, ganz nach oben zu kommen und in Sünde zu sterben. Mit seiner Hilfe habe er erkannt: "Du bist eine arme Seele, die gefangen ist zwischen Rampenlichtern und Fans und Groupies.“

Cusperts Videos sind hochprofessionell gefertigt. Seine Gesänge untermalen Kampfszenen, in denen IS-Krieger wie Hollywood-Jedi-Ritter in schwarzen Kapuzengewändern, die Kalaschnikow gen Himmel gereckt, zum Angriff übergehen. Kämpfer sterben in diesem Video mit einem Lächeln auf den Lippen, denn die Jungfrauen sind schon bei ihnen, so der unterlegte Text.

"Hooliganisierung des Salafismus durch Pop-Dschihadisten“ nennt das der Schweizer Islamwissenschafter Reinhard Schulze. Es habe sich eine eigenständige radikale Jugendsubkultur entwickelt, die "selbst von salafistischen Hardlinern nur noch bedingt dirigierbar ist“, warnt die Berliner Islamismus-Expertin Claudia Dantschke.

Der Sozialwissenschafter Thomas Tartsch, der Firas’ Facebook-Site seit Wochen beobachtet, spricht von einer beunruhigenden Vermischung des militanten Kerns mit Jugendlichen, die an sich nichts mit dem dschihadistischen Milieu zu tun haben, aber aus einer gewissen Protesthaltung heraus mit dabei sind. Die Ideologie werde dabei verbreitet und verharmlost.

Soweit bekannt, wurden bisher sämtliche Selbstmordattentate der IS von ausländischen Kämpfern ausgeführt. Davon ist im Netz keine Rede. Stattdessen finden sich Fotos und Filme mit idyllischen Szenen: Tschetschenen, die im Swimmingpool plantschen oder Karten spielen. Ausreisewilligen Mädchen wird suggeriert, sie würden dort in Villen mit allen Schikanen untergebracht.

Am Donnerstag vergangener Woche stellte Firas Houidi das Foto eines Wiener Polizisten ins Netz und schrieb dazu: "Dieser Hund hat mir am 10. Oktober 2013 den Reisepass weggenommen …“ Auch das "gefiel“ vielen. "Ihr wisst, was zu tun ist, haha“, postete einer der "Freunde“.