Porträt: Die eilige Johanna Mikl-Leitner

Mikl-Leitner und Pröll anlässlich seines 70. Geburtstags.

Mikl-Leitner und Pröll anlässlich seines 70. Geburtstags.

Kartoffelkirtag, Kürbis-Staatsmeisterschaft und ein halbes Dutzend Spatenstiche: Emsig tourte Johanna Mikl-Leitner durch Niederösterreich. Seit April 2016 war sie Landeshauptmannstellvertreterin. Nun beerbt sie Erwin Pröll nach seinem Rücktritt.

Dieser Text erschien im profil Nr. 41/2016 vom 10.10.2016.

Schön muss er nicht sein - es geht ums Gewicht. Der Gabelstapler senkt den blass-orangenen Riesenkürbis, der den Umfang eines Traktorreifens hat, behutsam auf die Waage. Der Moderator redet sich in Stimmung: "Die Kürbis-Staatsmeisterschaft ist spannend wie nie zuvor!“ 100 Schaulustige blicken am Sonntag vor zwei Wochen auf die Anzeigetafel: 621,7 Kilo. Johanna Mikl-Leitner eilt zum jungen Kürbiszüchter Mathias aus Niederösterreich, der mit seinem wuchtigen Gemüse eben den Staatsmeistertitel geholt hat. "Super“, sagt sie, streicht ihm über die Schulter und streckt den Daumen hoch, in Richtung der Fotografen und Kameraleute.


Mikl-Leitner ist zu Höherem berufen. Der Landeshauptmann hat klargestellt, wer im Falle seines Abganges diese Funktion übernehmen soll.

Seit April ist Mikl-Leitner, 52, zurück in Niederösterreich, als Stellvertreterin von Landeshauptmann Erwin Pröll. Die "Heimholung der Hanni“ (ÖVP-Klubobmann Klaus Schneeberger) war eine Vorentscheidung in der Erbfolgeregelung der mächtigen Landespartei. Schneeberger, der als Intimus von Pröll gilt: "Mikl-Leitner ist zu Höherem berufen. Der Landeshauptmann hat klargestellt, wer im Falle seines Abganges diese Funktion übernehmen soll.“


Die gebürtige Weinviertlerin und ÖVP-Arbeitnehmerbündlerin Mikl-Leitner, die mit ihrem Mann und den beiden Töchtern in Klosterneuburg lebt, muss sich einstweilen mit dem Prinz-Charles-Schicksal begnügen, als Nummer zwei auf Abruf - Zeitpunkt der Thronübergabe ungewiss. Weggefährten des Langzeit-Landeshauptmannes, der am 24. Dezember 70 Jahre alt wird, schließen nicht aus, dass er nach 1993, 1998, 2003, 2008 und 2013 übernächstes Jahr, voraussichtlich im März 2018, in seine sechste Landtagswahl ziehen könnte - wenn die Gesundheit mitspielt. Kurz danach, am 27. April 2018, wäre Pröll längstdienender Landeshauptmann Österreichs und würde den bisherigen Rekordhalter, den früheren oberösterreichischen ÖVP-Landeshauptmann Heinrich Gleißner, ablösen, der im Mai 1971 nach 9320 Tagen im Amt zurücktrat.

Nach dem, wie sie selbst sagt, "härtesten Job in der Bundesregierung“ versucht Mikl-Leitner, ihr Image als eiserne Lady abzustreifen, und übt sich auf die Rolle der jovialen Landesmutter ein. Sie gibt die Politikerin zum Angreifen, ihre Leutseligkeit kommt ihr dabei zugute.

Auf dem Messegelände der Gartenausstellung Garten Tulln ehrt sie die Züchter der schwersten Kürbisse. Es ist einer dieser Wohlfühltermine, die Landespolitiker lieben: Wasserfontänen schießen meterhoch aus dem Teich unweit der Bühne, die Band intoniert "Ich lieb dich, Niederösterreich“, Mikl-Leitner schunkelt dazu im Takt und klatscht. Die Bilder der Landeshauptmannstellvertreterin, lächelnd vor Kürbissen, werden tags darauf in der quotenstarken ORF-Bundeslandsendung "Niederösterreich heute“ zu sehen sein. "Den kann ich mir nicht leisten“, deutet Mikl-Leitner nach der Ehrung auf das Sieger-Gewächs. "Und wo tät’ ich den hin?“, scherzt sie mit den Kürbiszüchtern. Dann schüttelt sie bei den Marktständen am Messegelände noch ein paar Hände und kauft einen handlichen orangen Kürbis. "Den stellen wir uns vors Haus“, sagt sie zu ihrer elfjährigen Tochter.

Noch vor wenigen Monaten war Mikl-Leitner mit permanent überfüllten Flüchtlingsunterkünften wie dem Erstaufnahmezentrum Traiskirchen befasst und lieferte sich mit dem Koalitionspartner SPÖ eine Posse um die passende euphemistische Bezeichnung für den Grenzzaun in Spielfeld. Sie nutzte die politische Stimmung, um zusätzliche Budgetmittel für ihr Ressort herauszuschlagen - für Panzerfahrzeuge, Hubschrauber und Personalaufstockungen.


Der Landeshauptmann und ich haben nächtens die Hanni Mikl-Leitner nahezu gezwungen, den Innenminister zu machen

Dabei wollte Mikl-Leitner nie in die Bundespolitik. Nach dem Rücktritt von Josef Pröll als Vizekanzler und ÖVP-Chef beorderte dessen Onkel, Landeshauptmann Pröll, seine Vertraute ins Innenressort. "Das war alles andere als lustig“, erinnert sich Schneeberger, seit 16 Jahren ÖVP-Klubobmann im Landtag: "Der Landeshauptmann und ich haben nächtens die Hanni Mikl-Leitner nahezu gezwungen, den Innenminister zu machen - aber mit dem Versprechen, sie nach maximal fünf Jahren zurückzuholen.“

Das Versprechen wurde gehalten. Aus ihrem Faible für die neue Funktion im Landhaus an der Traisen macht Mikl-Leitner kein Hehl: "Es ist eine Freude, dass ich wieder zu Hause bin“, sagte die Heimkehrerin gegenüber der Zeitung "NÖN“ zum Amtsantritt. Anstatt sich in Wien mit fehlerhaften Wahlkarten herumzuschlagen, kann sie in St. Pölten der Repräsentation frönen. Die Prämierung des schönsten Friedhofs von Niederösterreich, Schlüsselübergaben und mehr als ein halbes Dutzend Spatenstiche hat die studierte Wirtschaftspädagogin inzwischen absolviert. Vor zwei Wochen war sie im Dirndl beim Erdäpfelkirtag in Geras im Waldviertel. Als die Gemeinde Engelhartstetten im Bezirk Gänserndorf das 30-Jahres-Jubiläum der Verleihung des Marktwappens feierte, gab Mikl-Leitner in ihrer Festrede die gönnerhafte Landesfürstin: "Es lebe Engelhartstetten!“ Zuvor waren zwei Millionen Euro aus Landesgeldern zur Finanzierung des Gemeindezentrums geflossen.

Schützenhilfe bei ihrer Charmeoffensive kommt von der Landespartei. Im Sommer wurde eine Info-Tour durch die Bezirke organisiert, Mikl-Leitner ging auf Tuchfühlung mit den wichtigsten Parteifunktionären im Land. Auf einer Website mit ihrem Konterfei ist zu lesen: "Gemeinsam. Weiter. Vorne. Niederösterreich.“ Noch mehr Landesmutter-Pathos geht eigentlich nicht.


Hier kommen wir rascher zu klaren Entscheidungen, das hätte ich mir im Bund auch öfter gewünscht

Die ÖVP regiert im schwarzen Kernland unumschränkt; sie stützt sich auf die einzige absolute Mehrheit, die es österreichweit auf Landesebene noch gibt. 434 der insgesamt 573 Gemeinden werden von schwarzen Bürgermeistern regiert. Die Medien sind wohlwohlend, die Opposition ist vernachlässigbar, was auch daran liegt, dass sie kleingehalten wird: Mit der SPÖ wurde ein Harmonie stiftendes Arbeitsübereinkommen geschlossen. Grüne und FPÖ können im Landtag selbstständig keine Anträge einbringen, dazu sind sechs Landtagsabgeordnete notwendig - österreichischer Höchstwert. "Hier kommen wir rascher zu klaren Entscheidungen, das hätte ich mir im Bund auch öfter gewünscht“, sagt Mikl-Leitner.

In ihrem neuen Büro in St. Pölten, auf dem Schreibtisch stehen Heidelbeeren in einem Kaffeehäferl, ist Leopold Figl in dreifacher Ausführung präsent. Die Porträts eines Wiener Kriminalbeamten im Stil von Andy Warhol zeigen Figl als Bauernfunktionär in Grün, als Bundeskanzler in Rot-Weiß-Rot und als niederösterreichischen Landeshauptmann in den blau-gelben Landesfarben. "Wenn jemand kommt und sagt, er braucht noch einmal mehr Geld, dann zeig ich auf den Figl und zitiere ihn scherzhaft: ‚Ich kann euch nichts geben!‘“, witzelt Mikl-Leitner über Budgetverhandlungen. Von ihrem Vorgänger Sobotka übernahm sie neben den Finanzagenden auch jene für Wohnbau, Arbeit und Gemeindeangelegenheiten - kein einfacher Job im Bundesland mit der zweithöchsten Pro-Kopf-Verschuldung.

Hinter ihrem Schreibtisch hängt ein Bild von Erwin Pröll. Die politische Liaison begann an einem Oktoberabend 1992, Mikl-Leitner war damals 28 Jahre alt, HAK-Lehrerin und hatte keine politische Erfahrung, Erwin Pröll war eben erst Landeshauptmann geworden. In der rustikalen Mauerbacher "Waldschenke“ im Wienerwald stellte der Journalist Hubert Wachter damals seine Biografie über den neuen Landeschef vor. Knapp 300 Interessierte waren gekommen, sie wollten den Neuen sehen - unter ihnen auch Mikl-Leitner, die derart beeindruckt war, dass sie wenig später die "Initiative für Erwin Pröll“ mitbegründete, ein Personenkomitee für die Landtagswahl 1993. "Das war eine Riesenhetz“, erinnert sich Andrea Stransky, die mit Mikl-Leitner das Komitee leitete. Ihre einstige Weggefährtin beschreibt Stransky als "geerdet“. Die beiden organisierten Cocktailabende für Zielgruppen wie Künstler oder Sportler und ließen Pröll-Ansteckbuttons produzieren.

Auf den Wahlkampf - die ÖVP hielt trotz Verlusten Platz eins - folgte für Mikl-Leitner ein Traineeship bei der Industriellenvereinigung, danach wurde sie auf Wunsch Prölls Marketingchefin der ÖVP Niederösterreich. Landesgeschäftsführer war zu jener Zeit Ernst Strasser. Gemeinsam mit ihm und Wolfgang Sobotka organisierte sie den Landtagswahlkampf 1998. Danach stieg sie selbst zur Landesgeschäftsführerin auf.


Als Landesgeschäftsführerin ist ihr der Ruf als Hardlinerin vorausgeeilt. Wenn ein Vorschlag von der SPÖ kam, galt das als Majestätsbeleidigung

"Geschäftsführer der ÖVP Niederösterreich führen ein straffes Regiment“, sagt Madeleine Petrovic. Sie war ab 2002 Landessprecherin der Grünen und sitzt bis heute im Landtag. Bei der Kremser Gemeinderatswahl 2002 habe Mikl-Leitner einem Kameramann des ORF Niederösterreich Anweisungen gegeben, erinnert sich Petrovic: "Sie hat ihm gesagt, wo er stehen soll, wo der Landeshauptmann reinkommen wird und wo er dann hinschwenken soll.“ In teils harschen Presseaussendungen geißelte Mikl-Leitner etwa die "Chaotentruppe FPÖ“, "sozialistische Kumpanei“ oder "Grüne Pflanz“.

Die frühere SPÖ-Landesrätin Christa Kranzl, die in ihrer Gemeinde nun eine Bürgerliste führt und deshalb aus der Partei ausgeschlossen wurde, zeichnet ein doppelköpfiges Bild von Mikl-Leitner: "Als Landesgeschäftsführerin ist ihr der Ruf als Hardlinerin vorausgeeilt. Wenn ein Vorschlag von der SPÖ kam, galt das als Majestätsbeleidigung.“ Nach dem erfolgreichen Landtagswahlkampf 2003, bei dem die ÖVP Niederösterreich die Absolute zurückholte, wurde Mikl-Leitner Landesrätin für Familien. In dieser Rolle hat sich Mikl-Leitner in Kranzls Wahrnehmung gewandelt, ihre ehemalige Regierungskollegin sei "umgänglich“ gewesen - "mit Handschlagqualität“. Unter all den Männern habe sie Mikl-Leitner "angenehm empfunden“.

Schon im Jahr 2000 schrieb Mikl-Leitner in der Festschrift zum 55-Jahres-Jubiläum der ÖVP Niederösterreich über die "private und berufliche Diskriminierung“ von Frauen und über die Notwendigkeit der "Gleichstellung von Mann und Frau auf beruflicher und gesellschaftlicher Ebene“. Kühn für eine Konservative, die jeden Abend mit einem Gebet abschließt.

Erste Frau im Land. Vergangenen Dienstag ist sie es bereits, zumindest theoretisch. Pröll weilt zu dieser Zeit in der Steiermark: Landeshauptleutekonferenz. Mikl-Leitner ist für einen Tag die höchstrangige Politikerin im Landesgebiet.


Ich meine, wenn eine Frau, egal in welchem Bundesland, dieses Amt in der heutigen Zeit inne hat, dann wäre die richtige Bezeichnung ‚Landeshauptfrau‘

Da wäre noch die Frage der Anrede zu klären. "Frau Landeshauptmann“ klingt etwas holprig. Dennoch bestand Waltraud Klasnic, 1996 in der Steiermark zur ersten Landeschefin Österreichs gewählt, auf dieser Bezeichnung, im Gegensatz zur Salzburgerin Gabriele Burgstaller, die zwischen 2004 und 2013 die Anrede "Landeshauptfrau“ präferierte.

Welche Anrede würde Mikl-Leitner wählen? Sie denkt ein paar Augenblicke nach: "Ich meine, wenn eine Frau, egal in welchem Bundesland, dieses Amt in der heutigen Zeit inne hat, dann wäre die richtige Bezeichnung ‚Landeshauptfrau‘.“

Fraglich ist, ob sie die Anrede in naher Zukunft brauchen wird - oder Erwin Pröll noch einmal in Verlängerung geht.