Kharkiv - Die Zerstörungen in der Ukraine sind mittlerweile enorm

Kharkiv - Die Zerstörungen in der Ukraine sind mittlerweile enorm

© Aris Messinis / AFP

profil-Morgenpost
03/30/2022

Die Stunde des Sprengstoffs

Umzingelt von Schrecken ist der Mensch. Lesen hilft ein wenig. Sätze aus der Notfallapotheke.

von Wolfgang Paterno

Nach Pandemiejahren und Kriegswochen darf sich eine gewisse Sprachlosigkeit einstellen. Warum nicht auch gleich den Billigweisheiten für alle Lebenslagen abschwören? Besonders jener, die behauptet, man möge in interessanten Zeiten leben. Es sind keine interessanten Zeiten, wenn fortlaufende Atombombendrohungen einen wachrütteln, an den Weltuntergang zu denken. Das Leben kann grausam und ungerecht sein, am grausamsten und ungerechtesten ist es aber zu denen, die Krankheit, Krieg und Flucht erleiden. Schrecken also allerorten, der einen dann und wann verstummen lässt. Zum Glück gibt es andere, denen die Stimme nicht abhandengekommen ist. Lesen hilft, im Allgemeinen und im Besonderen. Zumindest kurzfristig, wenn nicht mittelfristig. Vier Zitate, die wertvolle Dienste leisten können. Sätze aus der Notfallapotheke.

„Denn Zynismus ist das Eingeständnis des Scheiterns. Wem nur noch die spöttische Betrachtung bleibt, der hat kapituliert.“ (Nicol Ljubić, „Ein Mensch brennt“, dtv)

„Jung sein heißt, jeden Tag und jedes Ereignis unmittelbar erschauen können, unbeirrt durch Ziele, Zwecke und Erfolge. Jung sein heißt, das Leben sehen, wie es ist, gegenwärtig, nackt, grausam. Und deshalb heißt jung sein, Kritik üben zu müssen, unbarmherzig und gerecht. Das alles sind unbequeme Eigenschaften. Es ist außerordentlich peinlich, fortwährend als Sprengstoff herumzulaufen, manchmal sogar lächerlich. Die einen geben nach, die anderen zersplittern sich in schlechten Gedichten und wieder andere spielen Fußball. Das ist schade.“ (Maria Lazar, „Leben verboten“, Das vergessene Buch)

„Wir haben nur ein Leben, das ist ganz offenkundig. Wir können unser Leben nicht verlassen und wieder zu ihm zurückkehren. Kaum ist man sich seiner selbst bewusst geworden, stellt man fest, dass man in dieser kontinuierlichen Partie eingeschlossen ist, die uns von Akt zu Akt führt, von Stunde zu Stunde, vom Schlaf zum Wachen, ohne Zäsur oder Unterbrechung, ohne Pause und ohne Zwischenspiel, ohne Einhalt und Ruhe – ohne eine sichere ,Rast‘: In dieser Partie gibt es kein Draußen, von wo aus man seinen Platz neuerlich einnehmen könnte.“ (François Jullien, „Ein zweites Leben“, Passagen Verlag)

„Es ist später, als du denkst.“ (Melitta Breznik, „Mutter“, Luchterhand)

Kommen Sie gut durch den Tag,

Wolfgang Paterno