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Österreich
05/29/2020

profil-Morgenpost: Liebes Tagebuch!

Guten Morgen!

von Clemens Neuhold

Clemens Neuhold

Wissen Sie noch, wie es Ihnen in der ersten Woche des Shutdowns Mitte März erging? Wie es sich anfühlte, in ein kollektives Gefängnis gesteckt zu werden, damit das Kollektiv nicht erkrankt? Wie Österreich heruntergefahren wurde auf einen öffentlichen und privaten Notbetrieb? Wie ihr Leben so richtig auf Krisenmodus schaltete?

Ich beneide alle, die Tagebuch schreiben. Sie haben mit den Einträgen vom 16. bis 22. März ihr eigenes Zeitdokument über die wohl surrealste Woche in der Zweiten Republik verfasst. Aber wer hatte damals schon Zeit und Nerven für selbstreflexive Zeilen? 12 Österreicher haben wir dazu genötigt. Sei es den Supermarkt-Manager am Abend nach einem Tag im Hamster-Rad, den Busfahrer nach seiner Geister-Tour, den Anästhesisten nach seiner Vorbereitung auf die Corona-Station im Wiener AKH oder die Security nach ihren Runden durch ein leeres Einkaufszentrum.

Zehn Wochen nach dem Shutdown schildern unsere Corona-Chronisten nun, wie sich ihr Alltag verändert hat, seitdem die Republik wieder hochfährt. Es zeigt sich: Wer damals schon zu tun hatte, blieb in voller Fahrt und gewöhnte sich rasch an Masken, Abstände und neue Umgangsformen. Wer damals schon außerhalb des Notbetriebs angesiedelt war, im kleinen Modegeschäft, Hotel oder Kulturbetrieb, musste hingegen zusehen, wie der kollektive Ausnahmezustand zum persönlichen mutierte. Zum nackten Kampf um die Existenz.

Diese persönlichen Einschläge dokumentieren nicht nur unsere Corona-Chroniken, sondern auch Gastronomen und Hoteliers in einer Gesprächsrunde, die Sie im Wirtschaftsteil des Heftes finden. Den Ernst der Lage zeigen die Prognosen auf, die unsere Protagonisten zwischen Vorarlberg und Wien anstellen. „30 bis 40 Prozent der Hotels werden nachhaltig vom Markt verschwinden“, rechnet der Hotelier in Lech am Arlberg in seinem Tagebuch-Update vor. In der Wirtschafts-Geschichte stellt ein Wiener Gastronom seine Prognose für die Wiener Innenstadt an, und er erhöht auf „50 Prozent Schließungen im Handel und in der Gastronomie“.

Ob der frühere ÖVP-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel sein ganz persönliches Corona-Tagebuch führt, erschließt sich aus dem Gespräch mit Innenpolitik-Chefin Eva Linsinger nicht. Im Verlauf des Interviews beantwortet der „Schweigekanzler“ wider Willen aber mehr Fragen, als er sich wohl ursprünglich vorgenommen hatte. Und er gibt profil-Lesern Einblicke in seine früheren Tagebücher in Skizzen-Form.

Liebes Tagebuch, heute war ich wieder profil-Morgenposter. Ich stelle mir vor, wie ich Leser ohne Abo auf den Geschmack gebracht habe. Wie Sie sich ein Heft besorgen, darin vertiefen und die eine oder andere Passage laut am Küchentisch zitieren. Eine schöne Vorstellung.

Clemens Neuhold

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