© shutterstock.com

profil-Morgenpost
10/19/2021

Setzt den Boulevard auf Entzug!

Die ÖVP-Inseratenaffäre darf nicht ohne Folgen bleiben. Kritische Berichterstattung hat in Österreich offensichtlich ihren Preis.

von Michael Nikbakhsh

Ich bin jetzt mal gespannt, ob die ÖVP-Inseratenaffäre – endlich – eine breite und vor allem folgenreiche Debatte über das Werbeverhalten der öffentlichen Hand anstößt. Wir haben in der aktuellen Titelgeschichte eine Forderung an die Bundesregierung formuliert, die eigentlich keiner Kontextualisierung bedarf: Setzt den Boulevard auf Entzug.

Eine Zweiklassengesellschaft

Es wird nämlich wirklich Zeit. Schon vor Sebastian Kurz waren die steuergeldfinanzierten Werbeetats der Ministerien zunehmend dazu verwendet worden, um ausgewählte Medien zu bedienen, unter Kurz uferte das Ganze aus. „Gegenleistungen“ offenbar inklusive. Michael Ludwig ist wiederum nicht der erste SPÖ-Bürgermeister Wiens, der die Gratismedien „heute“ und „Österreich“ als Teil der städtischen Infrastruktur betrachtet. Und auch in den Bundesländern werden Zeitungen herausgegeben, die sich über mangelnde einschlägige Aufmerksamkeit nicht beklagen dürfen. Und während die einen artig danke sagen, bleibt für die anderen nur die Erkenntnis, dass kritische und unabhängige Berichterstattung eben ihren Preis haben.

Bei uns, also bei profil, lag dieser Preis in den vergangenen drei Jahren übrigens zwischen 60 und 76 Cent. Wir haben uns für die Recherche angeschaut, wie viel die Ministerien 2018, 2019 und 2020 in profil inseriert haben. Das Volumen haben wir gegen die Zahl unserer Leserinnen und Leser gerechnet und festgestellt, dass die Ministerien im Vorjahr für jede profil-Leserin und für jeden profil-Lesern rechnerisch 76 Cent ausgegeben haben, 2019 waren es 60 Cent und 2018 70 Cent. Das ist ein Bruchteil dessen, was Tageszeitungen erhielten. Ein Wochenmagazin lässt sich zwar nicht eins zu eins mit einer Tageszeitung vergleichen, das nachfolgende Missverhältnis lässt sich damit aber nicht befriedigend erklären.

Fellners „Österreich“ kam nach Erhebungen des Medienhauses Wien 2020 auf 8,22 Euro pro Leser, die „VN“-Gruppe in Vorarlberg auf 7,4 Euro, „heute“ auf 6,86 Euro, „Die Presse“ auf 6,18 Euro, die „Kronen Zeitung“ auf 3,94 Euro, der „Kurier“ auf 3,75 Euro, der „Standard“ auf 2,73 Euro (da sind die erhöhten Ausgaben in Zusammenhang mit Corona-Informationen natürlich enthalten. Die Schieflage bestand allerdings auch in den Jahren davor. Die ganze Geschichte lesen Sie hier und im aktuellen Heft. Wir sind zwar nicht käuflich. Aber kaufbar! Hier geht’s zum Abo!)

Drei Jahre Kanzler Kurz, drei U-Ausschüsse

Willkürliche Presseförderung also, finanziert aus Steuergeldern. Ein Teil des Problems wird alsbald im Parlament behandelt. Der „Ibiza“-Untersuchungsausschuss musste schließen, der nächste steht bevor. Anfang kommenden Jahres soll das „System Kurz“ aufgearbeitet werden. Im Kern geht es um den Einsatz von Steuergeldern in ÖVP-regierten Ministerien, um vermuteten Postenschacher und politische Einflussnahmen auf staatsanwaltschaftliche Ermittlungen.

Wann genau die Befragungen beginnen, wird maßgeblich von der Kooperationsbereitschaft der ÖVP und der ÖVP-geführten Ministerien abhängen. Transparenz – die Türkisen haben das Wort bekanntlich stets verlacht.

So oder so ist dies nach BVT und Ibiza der dritte Ausschuss, der die Amtszeit von Bundeskanzler Kurz berührt. Und das ist auch eine Leistung, wenn man bedenkt, dass Kurz insgesamt kaum mehr als drei Jahre im Amt war.

Korruption. Jetzt reden zwar alle davon, aber was ist das eigentlich? Wo fängt sie an? Was hat es mit diesem „Anfüttern“ auf sich? Gegen wen wird derzeit weshalb ermittelt? Wir haben uns mit Blick auf die kommende profil-Titelgeschichte gefragt, wie wir die ziemlich unübersichtliche Gemengelage für Sie sortieren können. Auf die Antwort dürfen Sie gespannt sein. Den Arbeitstitel haben wir uns – wie soll es sonst sein – bei Thomas Schmid geklaut: „Kriegst eh alles, was du willst.“

Michael Nikbakhsh

PS: Hat Ihnen die Morgenpost gefallen? Dann melden Sie sich jetzt an, um Ihren Werktag mit aktuellen Themen und Hintergründen aus der profil-Redaktion zu starten:

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.