Putins Plan für ein neues Österreich-Ungarn
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Russlands Präsident Wladimir Putin hat ein neues Projekt, das vielen hierzulande gefallen dürfte. Wien soll wieder zum politischen Zentrum Mitteleuropas werden. So steht es in einem geheimen Plan seiner Trollfabrik „Social Design Agency“, die für den russischen Diktator riesige Einflussoperationen im Westen durchführt. In Europa soll ein neuer Machtblock entstehen: ein „Mitteleuropa“-Bündnis aus Österreich, Ungarn und der Slowakei, verbunden durch „konservative Werte“, kulturelle Nähe und die gemeinsame Geschichte in der Habsburgermonarchie.
Die Visegrád-Gruppe – Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn – soll durch ein „Wiener Abkommen“ ersetzt werden. Am Ende, so die Idee, könnte daraus sogar ein neuer Bundesstaat werden. Ein neues Österreich-Ungarn. Ohne Kaiser, aber mit Facebook-Werbung, Telegram-Kanälen und russischer Starthilfe.
Das Ziel: die Wiederherstellung von Österreichs „Einfluss“ in den ehemaligen Kronländern, die Durchsetzung ungarischer Gebietsansprüche auf das ukrainische Transkarpatien, das Budapest nach dem Ersten Weltkrieg verlor, und politische Unabhängigkeit von EU und USA.
„Ehemalige Teile Österreich-Ungarns stehen nach wie vor unter starkem kulturellen und historischen Einfluss Wiens“, heißt es in dem Papier. Daraus soll politisches Kapital geschlagen werden. Dafür will man Wahlen und die europäischen Gesellschaften mittels Kampagnen auf Social Media, gefakten Medienberichten und Aktionen vor Ort manipulieren. Beim Analysieren der Dokumente sieht man schnell: Putin scheut bei der Umsetzung seiner Ziele weder Ressourcen noch Geld.
profil liegt ein ganzes Datenleak vor, das im Rahmen einer internationalen Recherchekooperation mit Delfi Estonia, dem Recherchenetzwerk OCCRP und vielen anderen Medien ausgewertet wurden. Es finden sich darin Projektanträge, die die Trollfabrik dem Kreml vorgelegt hat. Auswertungen von durchgeführten Spezialoperationen, Chat-Screenshots oder operative Notizen. Die Unterlagen zeigen, wie in Moskau über Europa nachgedacht wird – nicht theoretisch, sondern praktisch.
Die Agentur
Hinter diesen Operationen steht die russische Präsidialverwaltung – und die Social Design Agency, kurz SDA. Sie ist keine gewöhnliche Trollfabrik, die mit einem Haufen Fake-Accounts schlechte Memes postet. Die SDA ist eine Moskauer Polittechnologie-Agentur, eine Art Dienstleister für den Informationskrieg.
Eine grinsende, dämonische Gestalt mit roten Farbspritzern hält ein Tablet in der Hand.
Putins Trollfabrik
© Grafik: profil
Eine grinsende, dämonische Gestalt mit roten Farbspritzern hält ein Tablet in der Hand.
Putins Trollfabrik
In einer Selbstpräsentation, beschreibt sich die seit 2002 aktive Agentur für „elektorale und sozio-politische Technologien“, mit mehr als 200 Projekten in Russland, den GUS-Staaten, dem „nahen Ausland“ (gemeint sind die postsowjetischen Staaten) und der internationalen Informationsagenda.
Als Kompetenzen nennt sie PR, Social Media, Unterstützung für Spitzenpolitiker, komplexe Informationskampagnen, Soziologie, Analyse, Medienarbeit und Content-Produktion – Texte, Grafiken, Videos. Die SDA baut nicht nur Inhalte, sie baut ganze Ökosysteme. In den Unterlagen präsentiert sie etwa ein eigenes Mediennetzwerk namens SNG-Media, das Millionen an Menschen erreicht. Gründer und Direktor der SDA ist ein gewisser Ilya Gambashidze.
profil hatte bereits 2024 im Rahmen der Recherche #FactoryofFakes über Gambashidze und die SDA berichtet. Damals lag ein Datenleck mit Tausenden Sitzungsprotokollen, Strategieplänen, Analysen, E-Mails, Memes, Posts, Screenshots von Überweisungen und Kontaktlisten vor. Es zeigte: Die Projekte der SDA wurden direkt mit dem Kreml abgestimmt und von ihm finanziert.
Westliche Behörden haben erkannt, welche Gefahr von der SDA ausgeht und gehen darum auch mit aller Härte gegen sie vor. Das US-Finanzministerium sanktionierte Gambashidze und die SDA im März 2024, weil sie „auf Anweisung der russischen Präsidialverwaltung“ und betrieben sie unter dem Projektnamen „Doppelgänger“ ein Netz gefälschter Webseiten, die legitime Medien imitierten.
Großbritannien legte im Mai 2026 nach und sanktionierte 49 Personen, die für die SDA arbeiteten – Autoren, Übersetzer und Videoproduzenten. Sie sollen via SDA vom Kreml beauftragt und finanziert worden sein, um Operationen umzusetzen, die Demokratien untergraben und Unterstützung für die Ukraine schwächen sollen.
Der Europäische Auswärtige Dienst (EEAS) führt solche Operationen unter dem Begriff FIMI – Foreign Information Manipulation and Interference. Im vierten EEAS-Bericht vom März 2026 heißt es, die Ukraine war 2025 weiter das häufigste Ziel solcher Angriffe, gefolgt von Frankreich, Moldau und Deutschland. Insgesamt dokumentierte der EEAS 540 Vorfälle; mehr als 10.500 Social-Media-Kanäle und Webseiten seien genutzt worden, um Desinformation zu produzieren oder zu verstärken.
Der Plan
Unter „Project Goal“ für „Mitteleuropa“ (übrigens in den Unterlagen auf Deutsch) steht: „Entscheidungsträger, Meinungsmacher und politisch aktive EU-Bürger sollen für die Erzählung gewonnen werden, dass enge politisch-ökonomische Beziehungen zwischen Staaten und Territorien möglich seien, die früher Teil Österreich-Ungarns waren – vor allem Österreich, Ungarn und die Slowakei.“ Langfristig solle daraus ein „einzelner, starker, unabhängiger Akteur“ entstehen.
Die ideologische Grundlage: Wien habe noch immer kulturellen und historischen Einfluss auf ehemalige Teile Österreich-Ungarns. Der Begriff „Mitteleuropa“ existiere bereits, habe aber noch keine politische Verkörperung. Daraus soll ein Gegenmodell gebaut werden: konservativer als Frankreich und Deutschland, weniger US-freundlich als Polen, Tschechien, die Ukraine und die baltischen Staaten, religiös und gesellschaftspolitisch anders als Skandinavien, wirtschaftlich stärker und arbeitsamer als Südeuropa.
Wladimir Putins Trollfabriken agieren in Europa
© Grafik/profilSchillinger
Wladimir Putins Trollfabriken agieren in Europa
Russland muss dafür keine neue Ideologie erfinden. Es genügt, vorhandene Selbstbilder und Ressentiments zu bedienen.
Praktisch sollte das Projekt über drei neue Medienangebote laufen, auf Deutsch, Ungarisch und Slowakisch. Die Plattformen: Facebook, X und Telegram. In einer Vorphase sollten Kurzprofile über Meinungsmacher und Entscheidungsträger gesammelt, Medienkarten erstellt, potenzielle Autoren identifiziert und kulturelle sowie soziale Initiativen in den drei Ländern analysiert werden – die hat die SDA auch schon in ihren Schubladen, wie profil aus anderen Recherchen weiß. In der Wachstumsphase sollten bezahlte Facebook-Werbung und bezahlte Platzierungen bei Bloggern und Influencern Reichweite bringen.
Das Wiener Abkommen
Die Thesen, die verbreitet werden sollten: Ein politisch-ökonomisches Bündnis aus Österreich, Ungarn und der Slowakei könne den Wunsch nach einem unabhängigen Akteur erfüllen – unabhängig von den „EU-Lokomotiven“ und den USA.
Die Visegrád-Gruppe sei ein nicht funktionierendes Werkzeug und solle durch ein „Wiener Abkommen“ ersetzt werden, heißt es. Später könne dieses „Wiener Abkommen“ zu einem konföderativen Staat und EU-Mitglied werden, dem auch Nachbarstaaten oder einzelne Regionen beitreten könnten, wird da fantasiert.
Zusatzaufgaben: Die Situation in Transkarpatien, solle „ständig aufgeheizt“ werden. Telegram solle als Nachrichtenressource popularisiert werden. Die Parlamentswahlen 2026 in Ungarn sollten beeinflusst werden, ebenso die Wahlen in Slowenien. Kroatien und Slowenien sollten schrittweise in die Umlaufbahn des Projekts gezogen werden.
Wie der Plan genau umgesetzt wurde, steht nicht in den Dokumenten – klar ist aber: Die Wahlen in Ungarn und Slowenien fanden unter massivem russischem Einfluss statt. Putin-Freund und Ex-Premier Victor Orbán hat die Wahlen in Ungarn zwar verloren. Aber in Slowenien ist eine prorussische Partei ins Parlament eingezogen, die jetzt den Parlamentspräsidenten stellt.
Putins Allmachtsfantasien
Putin schickt seine Trollarmeen
© profil/Grafik
Putins Allmachtsfantasien
Putin schickt seine Trollarmeen
Warum Österreich?
Österreich ist in diesem Papier nicht zufällig zentral. Das Land ist politisch polarisiert, ganz so, wie Russland das mag. Die FPÖ liegt in Umfragen klar vor ÖVP und SPÖ.
Herbert Kickl ist Parteichef einer der russlandfreundlichsten Parteien Westeuropas: 2016 schloss die Partei ein Freundschaftsabkommen mit Putins Partei „Einiges Russland“, im Parlament hört man regelmäßige Kritik führender FPÖ-Politiker an Russland-Sanktionen, die sich auf die österreichische Neutralität und die Ablehnung engerer Kooperation mit der NATO berufen.
Dazu kommen Ibiza (der Ex-Parteichef der FPÖ diente sich einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte an), die wohl von Russland angezündete BVT-Affäre, der geflüchtete Wirecard-Boss Jan Marsalek, der in Moskau sitzt und beste Kontakte zur FPÖ pflegte und mutmaßliche russische Geheimdienstnetzwerke in Österreich. Erst vergangene Woche wurde ein ehemaliger Verfassungsschützer, der engstens mit FPÖ-Politikern kooperierte, von einem Geschworenengericht wegen Russlandspionage zu einer Haftstrafe verurteilt – nicht rechtskräftig.
Egisto Ott
Egisto Ott vor Gericht.
© APA/ROLAND SCHLAGER
Egisto Ott
Egisto Ott vor Gericht.
Das beweist noch nicht, dass die FPÖ den Mitteleuropa-Plan kannte oder beteiligt war. Solche Schlüsse lassen die profil vorliegenden Unterlagen nicht zu. Sie zeigen aber, warum Österreich aus russischer Sicht interessant ist: ein EU-Staat mit Neutralitätsreflex, starker rechter Opposition, alten Russlandkontakten, Ukraine-Müdigkeit in Teilen der Bevölkerung und einem Milieu, in dem EU-Skepsis und Souveränitätsrhetorik anschlussfähig sind.
Ungarn nach Orbán
Laut Dokumenten wollte die Social Design Agency die ungarischen Parlamentswahlen 2026 beeinflussen, die für Viktor Orbáns Partei Fidesz schwierig zu werden versprachen. Der Plan ging bekanntlich nicht auf.
Alte Freunde: Orban und Putin
© APA / AFP / POOL / Alexander NEMENOV
Alte Freunde: Orban und Putin
Der Machtwechsel in Budapest macht den Mitteleuropa-Plan nicht weniger interessant. Im Gegenteil. Das Papier zeigt, auf welche Themen Russland im Wahljahr setzte: rechte Konservative, EU-Konflikte, freundliche Haltung gegenüber Moskau, Transkarpatien, Telegram als Verbreitungskanal Nummer eins, ein angeblich unabhängiges Mitteleuropa.
Das Leak dokumentiert den Versuch, Orbáns außenpolitische Sonderrolle in eine größere historische Erzählung zu übersetzen: Nicht Ungarn blockiert Europa, sondern Ungarn baut mit Österreich und der Slowakei ein neues Zentrum. Nicht Moskau spaltet die EU, sondern „Mitteleuropa“ emanzipiert sich von Brüssel und Washington.
Der vulnerabelste Teil in diesem Komplex ist Transkarpatien. Die Region gehört zur Ukraine, dort lebt eine ungarische Minderheit. Budapest spielt sich gegenüber Kyiv als Schutzherr der ukrainischen Ungarn auf. Im Plan der SDA wird daraus ein geopolitischer Köder. Ungarn soll nicht nur mehr Einfluss bekommen, sondern ein Stück Ukraine. Damit dient der Mitteleuropa-Spin einem größeren Ziel: Die Ukraine soll als historisch fragiler, territorial umstrittener Staat erscheinen.
Auch nach Orbáns Niederlage bleibt das Thema heikel. Der durchaus rechtskonservative Wahlsieger Peter Magyar hat zwar verkündet, dass er Ungarns Verhältnis zur EU reparieren will, aber der Konflikt mit Kyiv über Minderheitenrechte ist damit nicht automatisch verschwunden. Magyar will Orbáns Widerstand gegen Waffenlieferungen an die Ukraine und gegen eine rasche EU-Aufnahme Kyivs nicht einfach aufgeben.
Eine seine ersten Auslandsreisen führte übrigens nach Wien – bereits in seiner Antrittsrede hat er verkündet, die österreichisch-ungarische Freundschaft wieder mehr aufblühen lassen zu wollen – er rief eine neue Ära der Gemeinsamkeit aus. Für Putin ist in Ungarn also noch nicht alles verloren.
Es geht immer um die Ukraine
Die Ukraine ist der eigentliche Kern vieler dieser Operationen. Das steht auch in einem anderen Strategiepapier aus dem Leak. Dort werden für Telegram-Kanäle auf „feindlichem Territorium“ vier zentrale narrative Linien genannt: Diskreditierung der militärisch-politischen Führung, Spaltung der Eliten, Desorganisation der Bevölkerung und Demoralisierung der Streitkräfte.
Offene prorussische Propaganda sei dafür riskant, heißt es sinngemäß. Sie kompromittiere die Kanäle. Deshalb sollten die Ressourcen so wirken, als kämen sie aus der Ukraine selbst. Sogar proukrainische Inhalte seien nützlich, um den Auftraggeber zu verschleiern.
Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der Fall „Burj Khalifa“. In einer breit aufgesetzten Medienkampagne wird behauptet, Wolodymyr Selenskyj habe seiner Mutter ein Luxusapartment in Dubai gekauft – 3,2 Millionen Dollar, 186 Quadratmeter, Armani Residences, 11. Stock. Angeblich habe sich die Nachricht auf „Al Arabiya“ und das staatliche „Dubai Land Department“ gestützt. Die ukrainische Stelle zur Bekämpfung von Desinformation dementierte; auf „Al Arabiya“ gebe es keine solche Information.
Heute weiß man, woher die Story kam: Sie stammt aus Gambashidzes SDA, und war aus deren Sicht höchst erfolgreich. Laut interner Auswertung wurde das Material per Werbung auf Social Media Kanälen gepuscht und erzielten damit 10.178.900 Views. Organische Verbreitung im ausländischen Segment brachte weitere 35.971.000 Views.
Russische Medien und Blogs veröffentlichten 415 Beiträge mit insgesamt 39.664.400 Views. Zusammen mit Dementis kam der Fall laut Dokument auf 86.225.100 Views. Auf Englisch: 21.405.200. Auf Russisch: 39.664.400. Auf Französisch: 5.950.400. Auf Deutsch: 148.300. Vielleicht haben Sie den Artikel damals auch irgendwo gesehen?
Das ist die Logik solcher Kampagnen. Eine Lüge muss nicht halten, sondern laufen. Sie muss von Bloggern aufgegriffen werden, in russischen Medien landen, Dementis provozieren, Wut erzeugen und irgendwo als Verdacht hängen bleiben: Da war doch etwas mit Selenskyj und einer Wohnung in Dubai für seine Frau Mama. Für einen Präsidenten, dessen Land auf westliche Unterstützung angewiesen ist, ist der Vorwurf fatal: Korruption, Luxus, Steuergeld, Krieg.
Thinktank statt Trollaccount
Thinktanks spielen in den russischen Operationen eine wichtige Rolle. In einem SDA-Projekt namens „Playing Openly“ wird vorgeschlagen, eine englisch-, deutsch- und französischsprachige Plattform für die europäische Expertenwelt aufzubauen. Zielgruppe: Journalisten, Analysten, wissenschaftliche Institute, Thinktanks und Behörden. Täglich sollten drei bis vier kurze Analysen erscheinen, basierend auf westlichen Quellen wie RAND, CSIS, Atlantic Council, Chatham House, Bruegel oder IFRI – aber mit einem russlandfreundlichen Spin versehen.
Das Ganze soll nicht wie Propaganda aussehen, sondern wie seriöse Analyse: Quellenlinks, kompakte Reviews, sachlicher Ton, akademischer Anstrich. Ziel ist laut Dokument, einen stabilen Pool europäischer Leser aufzubauen – Journalisten und Analysten –, die diese Seite als autoritative Quelle für eigene Texte und Expertisen verwenden.
Ein anderes SDA-Papier schlägt vor, auch in Israel einen prorussischen Thinktank zu gründen.
Das ist der Unterschied zur alten Trollfabrik. Es geht nicht mehr nur um Bots in Kommentare. Es geht um Informationsarchitektur. Um scheinbar neutrale Quellen. Um Experten. Um Fußnoten. Um Thinktank-Papiere, die dann in Medien, Politik und Social Media weiterwandern.
Corvinus: Wo Ideen zu Infrastruktur werden
Wie attraktiv solche Räume für Einflussoperationen sind, zeigt ein aktueller Fall aus Ungarn. Das Mathias Corvinus Collegium, kurz MCC ist Bildungsinstitution, Denkfabrik, Kaderschmiede, Veranstaltungsmaschine und politisches Netzwerk in einem. Offiziell geht es um Talentförderung und Ausbildung. Politisch ist das MCC eines der wichtigsten Instrumente im ideologischen Umfeld Viktor Orbáns (gewesen).
Orban und Herbert Kickl
Orban pflegt hierzulande Kontakte zu Mitte-Rechts bis Rechts-Rechts
© APA/TOBIAS STEINMAURER
Orban und Herbert Kickl
Orban pflegt hierzulande Kontakte zu Mitte-Rechts bis Rechts-Rechts
MCC ist kein russisches Projekt. Aber es ist ein Beispiel dafür, warum Thinktanks für autoritäre und illiberale Machtpolitik so wichtig geworden sind. Das MCC wurde unter Orbán mit viel Geld massiv ausgebaut – auch im Ausland. In einer gemeinsamen Aussendung mit der Modul University Vienna beschreibt sich das MCC als größte multidisziplinäre Fachkollegium Ungarns, mit mehr als 7000 Schülern und Studenten, 28 Bildungszentren und einer Rolle als Denkfabrik in der ungarischen und europäischen Wissenschaftslandschaft.
Das MCC ist auch in Wien seit 2023 präsent. Damals verkaufte die bisherige Mehrheitsgesellschafterin „Talents Squared Limited“ ihre 90-Prozent-Beteiligung an der Modul University Vienna an eine Tochtergesellschaft des ungarischen Mathias Corvinus Collegium – und dort fanden sich dann im Universitätsrat altbekannte Gesichter und Vertraute aus dem Umfeld von Ex-Kanzler Sebastian Kurz. Zum Beispiel sitzt Ex-Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger dort noch immer im Uni-Rat.
MCC hat in Österreich gut im konservativen Establishment angedockt. profil berichtete im Februar 2026, dass Ex-Kanzler Sebastian Kurz mit seinem früheren Kabinettschef Bernhard Bonelli die GSI GmbH gegründet, deren neuer Firmenzweck unter anderem Publizieren, wissenschaftliche Beiträge, Veranstaltungen, Kongresse, Talentförderung und kostenpflichtige Mitgliedschaften umfasst. GSI stehe für das „Global Shift Institute“ – ein neuer Thinktank, der im Herbst dieses Jahres auch öffentlichkeitswirksam seine Arbeit aufnehmen soll.
Aus dem Umfeld von Kurz hieß es gegenüber profil, das Mathias-Corvinus-Collegium werde dabei mitspielen. Kurz und Bonelli pflegen enge Kontakte zum Collegium; Kurz besuchte mehrere MCC-Events, und profil liegen Einladungen zu gemeinsamen Veranstaltungen in Wien vor – und es gab Gegeneinladungen: Zum Beispiel zu Kurz exklusivem Treffen in Seefeld.
Auch das ist kein Beleg für eine Verwicklung Russland. Aber es zeigt, wie dicht diese Sphäre geworden ist – das untermauert auch der erst vergangene Woche aufgepoppte Fall von Artur Sushkov. Das ungarische Medium „VSquare“ berichtete im Mai 2026, Ungarn habe den russischen Diplomaten still und leise ausgewiesen. Ungarische Behörden identifizierten ihn laut „VSquare“ als verdeckten Offizier des russischen Auslandsgeheimdienstes SVR.
Russische Spione im Thinktank
Sushkovs Zielgebiet waren laut „VSquare“ nicht Fabriken, Kasernen oder Ministerien im klassischen Sinn, sondern rechte und außenpolitische Thinktanks im Umfeld der Orbán-Regierung – also Einrichtungen, in denen Außenpolitik, Sicherheitsfragen, Ideologie und Nachwuchsausbildung zusammenlaufen. Sushkov soll dort Informanten geführt und mögliche Quellen gesucht haben.
Sebastian Kurz
Kurz ist mit Corvinus in engem Kontakt, und gründete gerade selbst einen Thinktank
© APA/HANS KLAUS TECHT
Sebastian Kurz
Kurz ist mit Corvinus in engem Kontakt, und gründete gerade selbst einen Thinktank
Der Fall Corvinus zeigt damit, worum es bei Thinktanks heute geht. Sie sind nicht nur Orte, an denen Studien geschrieben werden. Sie sind Umschlagplätze für Begriffe, politisches Personal, hochrangige Kontakte und politische Deutungen In genau diese Welt will die russische Propagandamaschine hinein: nicht nur an die Empörung der Masse, sondern in die Sprache der Eliten.
Der russische Plan „Mitteleuropa“, der Österreich, Ungarn und die Slowakei zu einem neuen konservativen Machtblock zusammendenkt, bewegt er sich also nicht im luftleeren Raum. Er dockt an eine reale Infrastruktur an: Orbáns Denkfabriken, dem Wiener Ableger, konservative Konferenzen, rechte Medien, politische Ex-Netzwerke. Genau dort verschwimmen die Grenzen zwischen Debatte, Einfluss und Machtpolitik.
Fake it till you make it
Armenien zeigt, wie solche Operationen in einem Wahlkampf ganz konkret aussehen können. „Bei Armenien hatten wir einen Erfolg“, schreibt laut Sofia Zakharova in einem profil vorliegenden Chat. Zakharova ist in Putins Propagandakrieg eine Schlüsselperson. Sie gehört zu seinen Vertrauten, arbeitet in der Präsidialverwaltung des Kremls und ist dort federführend für Propaganda zuständig.
Sie schickt ein Dokument, in dem eine Falschmeldung bilanziert wird: Der armenische Premier Nikol Paschinjan habe mit veruntreutem Geld eine Villa in Marseille um 3,1 Millionen Euro gekauft. Die Geschichte erreichte laut interner Auswertung mehr als zehn Millionen Views; knapp zwei Millionen davon auf Armenisch. Für eine Sprache, die weltweit nur von wenigen Millionen Menschen gesprochen wird, sind das enorme Zahlen.
Armenien wählt am 7. Juni ein neues Parlament. Der prowestliche Premier Paschinjan steht für eine vorsichtige Abkehr von Moskau. In den SDA-Dokumenten wird die Zielsetzung offen formuliert: Es gehe darum, „eine ablehnende Haltung gegenüber Premier Paschinjan zu wecken sowie eine positive Einstellung gegenüber jenen Vertretern der armenischen Politik zu fördern, die sich für eine möglichst enge Anbindung an Russland einsetzen“.
Putin und der armenische Pemier Nikol Paschinjan
Weil Paschinjan sich von Moskau abwenden will, versucht Putin alles, um die Wahl in Armenien zu manipulieren.
© EPA/MICHAIL KLIMENTYEV/SPUTNIK/KREMLIN POOL
Putin und der armenische Pemier Nikol Paschinjan
Weil Paschinjan sich von Moskau abwenden will, versucht Putin alles, um die Wahl in Armenien zu manipulieren.
Ein Teil der Kampagne ist die Seite EREVAN.ONE, benannt nach der armenischen Hauptstadt Jerewan. Sie ist Teil des SNG-Media-Netzwerks der SDA – einem Netzwerk an vermeintlich seriös aussehenden Nachrichtenseiten voller Propaganda-Meldungen. In einem internen Projektpapier zu EREVAN.ONE wird die Zielgruppe klar definiert: armenische Communities in Russland und russischsprachige Armenier in Armenien. Mit klarer anti-Paschinjan und prorussischer Ausrichtung. Das Projekt rechnete mit bis zu 2,5 Millionen Unique Usern pro Monat.
Die Negativkampagne nimmt teilweise skurrile Züge an. In den Unterlagen findet sich sogar ein Text, der Paschinjans politische Zukunft astrologisch deutet. Sein Horoskop wird zur Analyse seiner Machtchancen. Das wirkt lächerlich. Aber es zeigt, wie breit der Werkzeugkasten ist: Fake-News, Diaspora-Medien, SEO-Projekte, Horoskope, Videos, Expertenanalysen – alles, was in irgendeiner Zielgruppe andocken könnte.
Ein weiteres armenisches Projekt schlägt eine selbstbefüllende Wissensdatenbank vor, quasi einen Wikipedia-Klon auf Russisch und Armenisch. Die Seite soll von der SDA produzierte Inhalte automatisch übernehmen, für Suchmaschinen optimieren und an besonders sichtbaren Stellen gewünschte Narrative einbauen. Nach sechs Monaten, so die Prognose, könnten Projektseiten bei mehr als 50 Prozent der Ziel-Suchanfragen auf der ersten Suchergebnisseite landen.
Das ist nicht mehr nur Desinformation im engeren Sinn. Russland versucht, eine neue Informationsinfrastruktur aufzubauen: Seiten, die aussehen wie Medien; Thinktanks, die aussehen wie Forschung; Wissensdatenbanken, die aussehen wie neutrale Nachschlagewerke; Social-Media-Kanäle, die aussehen wie lokale Debatten.
Hass schüren
Noch brutaler wird der russische Werkzeugkasten in Frankreich und Deutschland. Auf einem Foto aus dem Leak türmen sich abgetrennte Schweinsköpfe auf einem Tisch. Auf ihnen steht in blauer Farbe „Macron“, der Nachname des französischen Präsidenten. Auf einem anderen Bild liegt einer dieser Schweinsköpfe vor dem Metalltor einer Moschee.
Laut den Unterlagen handelt es sich um Beweisfotos für eine vom Kreml in Auftrag gegebene Aktion in Paris. In der Nacht auf den 9. September 2025 wurden vor neun Moscheen und muslimischen Einrichtungen in Paris und seinen Vororten Schweinsköpfe abgelegt. In einer geleakten Datei wird dokumentiert, wo die Köpfe platziert wurden und welche Medien über den Vorfall berichteten. Der Erfolg wird nicht moralisch bewertet, sondern medial: Welche Schlagzeile? Welche Reichweite? Welche internationale Aufmerksamkeit?
Es war nicht die einzige Aktion dieser Art. Auch hinter einer Attacke auf mehrere jüdische Einrichtungen in Paris soll Moskau als Drahtzieher stehen. Die Gebäude wurden mit grüner Fabe und antisemitischen Botschaften beschmiert. In den Unterlagen wird das Ziel der Aktion beschrieben: französische Behörden diskreditieren, sie als unfähig darstellen, eine Welle islamischen Antisemitismus zu stoppen, und Macrons Image beschädigen. Die Attacken trafen unter anderem Synagogen, das Holocaust-Mahnmal und ein koscheres Restaurant.
„Die Deutsche Welle schreibt über uns“, heißt es in einer anderen Chatnachricht an Zakharova. Es geht um eine Sabotageserie in Deutschland, bei der Auspuffe von Autos mit Bauschaum verstopft wurden. Auf den Fahrzeugen klebten Sticker mit dem Gesicht des ehemaligen Grünen Wirtschsftsministers Robert Habeck und dem Spruch „Sei grüner!“. Laut den Unterlagen wurden 270 Autos beschädigt.
Das Konzept ist klar: Konflikte schüren und verstärken. Muslime gegen die Mehrheitsgesellschaft. Juden gegen Muslime. Klimaschützer gegen Autofahrer. Es geht nicht darum, eine positive Erzählung aufzubauen. Es geht darum, möglichst viele negative Erzählungen gleichzeitig laufen zu lassen.
Zurück nach Wien
Vor diesem Hintergrund wirkt der „Mitteleuropa“-Plan weniger skurril. Er ist kein abseitiger Traum eines Kreml-Monarchisten. Er ist die subtilere Variante derselben Methode. In Frankreich werden Schweinsköpfe vor Moscheen gelegt. In Deutschland werden Auspuffe sabotiert. In Armenien werden Fake-Villen erfunden. In der Ukraine wird Selenskyj mit einer angeblichen Luxuswohnung diskreditiert. In Österreich soll die Habsburg-Karte gezogen werden.
Der Plan muss nicht funktionieren, um Wirkung zu entfalten. Er muss nur anschlussfähig sein. Und das ist er. Offene Putin-Propaganda stößt in Österreich schnell an ihre Grenzen. Habsburg-Nostalgie nicht.
Raphael Bossniak
ist seit Juli 2025 im Außenpolitik-Ressort. Davor freier Journalist für APA, Kurier und die deutsche Nahostfachzeitschrift zenith. Schwerpunkt Nahost / Kaukasus / Osteuropa.
Anna Thalhammer
ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.