Korinna Schumann, 60, steht für das große Ganze aller Roten: die soziale Frage. Aus dieser leitet die SPÖ ihren Anspruch auf das Sozialressort ab. Noch in jeder Regierung der Zweiten Republik mit SPÖ-Beteiligung stellte sie den Sozialminister.
Da die soziale Frage vor allem das Schicksal der Werktätigen und Lohnabhängigen betraf, sehen in der Sozialdemokratie die Gewerkschafter das Ressort bis heute als ihr Erbamt. Daher handelte es sich bei den SPÖ-Sozialministern fast ohne Ausnahme um Spitzengewerkschafter: Rudolf Hundstorfer (Sozialminister von 2008 bis 2016) war zuvor gar ÖGB-Präsident. Schon der erste SPÖ-Sozialminister der Zweiten Republik, Karl Maisel (1945 bis 1956), war Obmann der Gewerkschaft der Metallarbeiter.
Obwohl sie ÖGB-Vizepräsidentin war, startete Korinna Schumann mit einem eklatanten Bekanntheitsmangel ins Amt: „Korinna Who?“ betitelte die nicht gerade zu Despektierlichkeiten neigende Austria Presse Agentur ein Porträt im März 2025. Untertitel: „Schumann krönt unauffällige Gewerkschaftskarriere“. Bemerkenswert an ihrer Laufbahn als Arbeitnehmervertreterin ist immerhin, dass diese in der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) stattfand, die als einzige von den Christgewerkschaftern dominiert wird.
In der schwarzen Gemeinde der Bundesbeamten gilt ein Ressort als eine Art Karl-Marx-Hof: das Sozialministerium, in dem Schumann ab 1989 in der Koordinierung der Fachbereiche Behinderung, Pflege, Sozialhilfe und Gesundheit arbeitete. Schon 1990 engagierte sie sich in der Personalvertretung und stieg bis zur Vorsitzenden des Dienststellenausschusses und damit zur höchsten Personalvertreterin im Ressort auf.
Die Beamtengewerkschaftslaufbahn ging weiter: Vorstandsmitglied in GÖD und ÖGB; von 2018 bis zur Übernahme des Ministeramts dessen Vizepräsidentin. Das Bundesratsmandat ist in der SPÖ-Machtlogik an die Gewerkschaftsfunktion gekoppelt. Von Juli bis Dezember 2022 diente Schumann als Präsidentin der Länderkammer und hatte damit formal eine der höchsten Staatsfunktionen inne.
Als Beamtin, Personalvertreterin, Gewerkschaftsfunktionärin und Bundesrätin hat Schumann ihr gesamtes Berufsleben im geschützten Bereich verbracht, wo Rückkehrrechte vor Arbeitslosigkeit bewahren. Seit 2018 ist sie karenziert beziehungsweise dienstfreigestellt. Hört sie morgen als Ressortchefin auf, könnte sie übermorgen bereits beantragen, als Beamtin im Rang einer Amtsdirektorin ins Sozialministerium zurückzukehren.
Die Zahlen der öffentlichen Haushalte bilden die Macht von Korinna Schumann ab. Insgesamt beliefen sich die Staatsausgaben im Jahr 2025 auf 283 Milliarden Euro, davon flossen allein 117 Milliarden (41 Prozent) in den Aufgabenbereich „Soziale Sicherung“. Der zweitteuerste von zehn staatlichen Aufgabenbereichen ist mit 50 Milliarden Euro (17,8 Prozent) das Gesundheitswesen. Grob dargestellt verwaltet Korinna Schumann somit – direkt oder indirekt – fast 60 Prozent der Staatsausgaben.
Roter Rotstift
Als Spitzenfunktionärin der Gewerkschaft fiel es Korinna Schumann leicht, die Politik der ÖVP-FPÖ-Koalition (2017 bis 2019) und der schwarz-grünen Regierung (2020 bis 2025) zu kritisieren.
Im August 2023 bezeichnete sie Pläne, beim Arbeitsmarktservice „den Rotstift anzusetzen“, als „völlig verfehlt“. Im Mai 2026 ist es Schumann, unter deren Regie bei AMS-Förderungen für die Einstellung von Langzeitarbeitslosen gespart werden könnte.
Wenn Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl mahnt, „in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten“ sei es „entscheidend, in gute Beratung, in Qualifizierungen und in eine bessere Beschäftigungsintegration der Menschen zu investieren“, darf sich Schumann mitgemeint fühlen.
In ihrer Funktion als rote Arbeitsministerin reibt sich Schumann gern an ÖVP-Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer. So forderte sie die Einführung eines gesetzlich verankerten Anspruchs auf Stundenerhöhung für Teilzeitkräfte – als Kontrapunkt zu Hattmannsdorfers Kritik an der „Lifestyle-Teilzeit“. Spricht sich der Wirtschaftsminister für eine steuerliche Begünstigung von Überstunden aus, revanchiert sich Schumann mit der Kritik, dass die Beschäftigten hierzulande 42 Millionen Überstunden jährlich leisten, die von den Dienstgebern nicht bezahlt würden.
Auch bei den Pensionen vertrat Schumann als Gewerkschafterin gern Maximalpositionen, die sie als Ministerin nicht ganz einhalten kann. Vergangene Woche verkündete die Regierung, dass die Pensionen für 2027 nur knapp unter der Inflationsrate angepasst werden. Auch wenn es sich um einen „maßvollen Beitrag“ der Pensionisten zur Budgetkonsolidierung handelte, plagte die Ministerin offenbar ein derart schlechtes Gewissen, dass sie sich dazu nicht öffentlich äußerte und die Kommunikation der ÖVP-Finanzstaatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl und Neos-Sozialsprecher Johannes Gasser überließ.
Die Angst vor dem Boulevard mag ein Grund für Schumanns Zurückhaltung gewesen sein. Wie Neos-Staatssekretär Sepp Schellhorn geriet Schumann vor einem Jahr unter Druck von „heute“ und „Kronen Zeitung“, als bekannt wurde, dass sie zwei Dienstwagen nutzte, darunter wie Schellhorn einen X-Large-Audi A8.
Tatkraftmangel
Vergangenen Mittwoch brachte die „Kronen Zeitung“ sogar zwei Themen aus Schumanns Bereich groß heraus. Die Schlagzeile auf der Titelseite lautete: „Sozialhilfe als Fass ohne Boden“. Die Vereinheitlichung der Sozialhilfe beziehungsweise der Mindestsicherung in den Bundesländern ist im Regierungsprogramm festgehalten. Am Donnerstag traf Schumann mit den Soziallandesräten zusammen. Eine baldige Einigung scheint unwahrscheinlich, zu weit liegen die Beträge auseinander. Während Wien im Jahr 2024 rund 980 Millionen Euro für die Sozialhilfe ausgab, waren es in Niederösterreich 65 Millionen Euro und in Oberösterreich 32 Millionen Euro.
In ihrem Politikteil berichtete die „Krone“ über den „Frust“ der Österreicherinnen und Österreicher über Ärztemangel und lange Wartezeiten in Spitälern und Ordinationen. Die Reform des Gesundheitssystems ist Schumanns größte Herausforderung – zumal sie sich in diesen Bereich erst einarbeiten musste. Als Ministerin leitet sie die Untergruppe „Gesundheit“ in der sogenannten Reformpartnerschaft aus Bund, Ländern und Gemeinden. Das Problem: In der politischen Praxis hat ein Gesundheitsminister kaum Macht, selbst wenn es sich um jemanden mit mehr Tatkraft als Schumann handelte. Die Ministerin gilt als zögerlich und hält vor Entscheidungen regelmäßig Rücksprache mit ihren früheren Kollegen in Gewerkschaft und Arbeiterkammer – sicher ist sicher. Sie selbst formuliert es gern positiv: „Hudeln bringt nichts.“
Doch gerade im Gesundheitsbereich wäre etwas mehr Speed gefragt. Derzeit ringen Länder und Sozialpartner als Träger der Gesundheitskassen darum, wer die viel zitierte „Finanzierung aus einer Hand“ kontrollieren soll. Als ehemaliger ÖGB-Vizepräsidentin sollten Schumanns Präferenzen klar sein. Allerdings soll sie von den eigenen Gewerkschaften kaum einbezogen werden. Auch die Gesundheits- und Sozialsprecher von ÖVP, SPÖ und Neos sprechen sich nicht immer mit der zuständigen Ministerin ab.
Personalfluktuation
Schumanns Terminkalender ist dennoch übervoll. Gearbeitet wird von der Früh bis in die Nacht. Als einziges – oder dazu eingeteiltes – SPÖ-Regierungsmitglied nahm sie vergangenen Mittwochabend an der Präsentation eines fünfbändigen Werkes mit mehr als 800 gesammelten Reden des früheren Bundespräsidenten Heinz Fischer im Empfangssalon des Parlaments teil. Small Talk ist Schumanns Sache im Allgemeinen nicht, weder bei Empfängen und auch nicht beim zwanglosen Geplauder unter Regierungskollegen vor dem Ministerrat.
Bei Schumann dürfte es sich nicht gerade um die umgänglichste Chefin handeln. Bereits im ersten Jahr gab es in ihrem Kabinett eine auffällig hohe Fluktuation unter den Mitarbeitern. Ein Grund: Schumann neigt zu Misstrauen und will sich vor allem auf ihre Vertrauten aus den Reihen der Gewerkschaft verlassen. Ulrike Königsberger-Ludwig zählt nicht dazu. Die SPÖ-Gesundheitsstaatssekretärin aus Niederösterreich wird von der eigenen Ministerin mit Argwohn bedacht, sobald sie medial in Erscheinung tritt. Auch Katharina Reich, Chief Medical Officer im Ministerium, verfügt nicht unbedingt über das Wohlwollen ihrer Chefin. Im März richtete Schumann – trotz Spardrucks in der Verwaltung – eine zusätzliche Gesundheitssektion in ihrem Ressort ein, der Abteilungen aus Reichs Sektion (Öffentliche Gesundheit) übertragen wurden. Wer das Vertrauen der Ministerin genießt, darf sich dagegen über Beförderungen freuen. So wurde Schumanns stellvertretende Kabinettschefin im März zur Leiterin der Sektion VI (Humanmedizinrecht) ernannt, obwohl sie in diesem Bereich über wenig Erfahrung verfügt.
In ihrem früheren Politleben als Spitzengewerkschafterin und ÖGB-Bundesfrauenvorsitzende setzte sich Schumann für die Gleichberechtigung ein. In ihrer Ministerfunktion verantwortet sie die Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie (siehe Seite 32) – und zeigt dabei unerwartete Entschlossenheit. Sollten sich die Sozialpartner nicht auf ein Modell einigen, will sie kommende Woche einen eigenen Entwurf vorlegen.
Merke: Hudeln bringt was.