Rektor der Medizinischen Universität Wien Markus Müller 

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Österreich
06/03/2022

Rektor Markus Müller: „Lange vorbereitetes Komplott“

Walter Klepetko führte die Wiener Lungentransplantation an die Weltspitze. Ein vermeintlicher Organspende-Skandal drohte sein Lebenswerk zu zerstören. Wer hat ihn angezettelt?

von Franziska Dzugan, Edith Meinhart

Zur Vorgeschichte: Im Herbst 2019 berichtete die Süddeutsche Zeitung erstmals über schwerwiegende – aber anonyme - Anschuldigungen gegen den Wiener Transplantationsmediziner Walter Klepetko. Kurz gesagt, sollen Patienten für Geld schneller zu einer Lunge gekommen sein. Die Staatsanwaltschaft begann zu ermitteln. Interne Untersuchungen nahmen ihren Lauf. profil berichtete ausführlich. Nun sind die Erhebungen eingestellt, sämtliche Vorwürfe lösten sich in Luft auf.

profil: Zweieinhalb Jahre wurde ermittelt, nun hat die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt. Fazit: An den anonym erhobenen Vorwürfen gegen den Chirurgen Walter Klepetko ist nichts dran. Was bedeutet das für die MedUni?

Markus Müller: Inhaltlich gar nichts, weil sich bestätigt hat, was wir schon zu Beginn, also im Herbst 2019, angenommen haben, nämlich, dass alles korrekt gelaufen ist. Meine Zuversicht gründete sich damals auf das Ergebnis eines Audits, das wir 2017 in Auftrag gegeben haben.

profil: Zwei Jahre vor dem angeblichen Skandal. Gab es dafür einen Anlass?

Müller: Zu Transplantationen kursieren viele falsche Vorstellungen, und es geht um ein heikles Umfeld. In Deutschland waren Transplantationszentren in Kritik gekommen. Wir hatten keinerlei Anhaltspunkte für Unregelmäßigkeiten in Österreich. Aber keine Institution ist frei von Fehlern, so sehr wir uns bemühen, sie zu vermeiden, aufzudecken und Verfahren zu verbessern. Dieses Audit war ein Versuch bei den Lungentransplantationen genau hinzuschauen.

profil: Zwei Jahre später schien der „Transplantationsskandal“ aus Deutschland überzuschwappen.

Müller: Es hat uns allerdings sofort stutzig gemacht, dass die erste Information über ein Medium kam.

profil: Warum? Gab es damals Intrigen im Haus?

Müller: Wie Sie vermutlich wissen, hat Professor Klepetko nicht nur Freunde. Es wurden Narrative gegen ihn in die Welt gesetzt. Wie gesagt, ich habe mich sicher gefühlt, dass trotz der hohen Zahl an Transplantationen alles korrekt funktioniert. Aber die Berichterstattung 2019 war trotzdem nicht angenehm. Die Schlagzeilen waren teilweise brutal, bei allem Verständnis für Skandalisierung und Empörung.

profil: Konkret ging es um den Fall einer 47-jährigen Griechin, die gegen Geld schneller zu einer Lunge gekommen sein soll.

Müller: Die Vorstellung, dass Organe unter der Hand vergeben werden, ist völlig irreal. Eurotransplant hat sehr rasch schriftlich klargestellt, dass die Vergabe korrekt war, das war dann auch in der ZIB 2, einem Leitmedium des Landes. Dennoch waren einige Zeitungen noch lange an der Geschichte dran, gefüttert mit Informationen, die offensichtlich aus dem Haus stammten.

profil: Wissen Sie inzwischen, wer die Quelle der Anschuldigungen ist?

Müller: Nicht so abgesichert, dass wir einen Namen nennen können. Offensichtlich aber war schon, dass es ein Komplott war, das lange vorbereitet war.

profil: Whistleblowing ist manchmal notwendig. Dass in einem anderen Fall ein Chirurg hunderte OP-Protokolle gefälscht hat, wäre anders vielleicht nie aufgeflogen.

Müller: In diesem Fall hat jemand anonym den Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV; jetzt WIGEV) informiert. Daraufhin kam eine KAV-Innenrevision in Gang. Monate später hat man mir das Ergebnis auf den Tisch gelegt. Da stand, zusammengefasst, dass – im Gegensatz zu anderen Chirurgen nur bei besagtem Operateur - eine exorbitante Zahl an OP-Protokollen offensichtlich  falsch waren  und ich als direkter Vorgesetzter und Rektor der MedUni Wien disziplinarrechtliche Schritte gegen diesen Chirurgen zu überlegen hätte.

profil: Worin unterscheiden sich diese beiden Fälle von Whistleblowing?

Müller: Im letztgenannten Fall nahm der anonyme Aufdecker wenigstens teilweise einen Dienstweg. Im Fall Klepetko ging das sofort an die Medien, und zwar mit der Absicht, nicht nur einen Missstand aufzuzeigen, so einer da wäre, sondern einen weltweit bekannten Chirurgen – und davon haben wir in Österreich gar nicht so viele – persönlich zu desavouieren.

profil: Sie haben dem Druck letztlich nachgegeben und noch einmal eine Prüfung initiiert.

Müller: Wir haben internationale Gutachter bestellt und eine Innenrevision durchgeführt. Das sind ja mehrere Ebenen: Es gibt das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (GÖG), das  die Organbilanzen in Österreich erhebt und Eurotransplant, Erst mit etwas Verzögerung  wurde letzlich bestätigt, dass alles korrekt gelaufen ist.

profil: Wenn Sie mit dem Abstand von fast drei Jahren darauf zurückblicken…

Müller: … muss ich sagen, das war eine Sauerei.

profil: Haben Sie mit der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft zusammengearbeitet, die ja sofort zu ermitteln begonnen hat?

Müller: Natürlich. Am 24. September 2020 wurde ich dann sechs Stunden lang von der Korruptionsstaatsanwaltschaft einvernommen. Das war eine interessante Erfahrung. Wenn in einer Institution ein Verdacht auftaucht, kommt die gesamte Institution in Verdacht, und natürlich auch ihr Leiter, in diesem Fall der Rektor, also ich.

profil: Wie haben Sie sich nach den sechs Stunden Einvernahme gefühlt?

Müller: Ich bin mit dem Gefühl weggegangen, dass das zwar anstrengend, aber okay war. Es ist beruhigend, dass die Justiz ihre Aufgabe erfüllt.

profil: Auch weil Sie von einer Intrige ausgegangen sind?

Müller: Ich würde von einem Komplott sprechen, weil es darum ging, Professor Klepetko massiv zu beschädigen. Möglicherweise auch die Institution, die Universität als Ganzes.

profil: Einer der internen Kritiker Klepetkos ist der ebenfalls angesehene Herzchirurg Günther Laufer. Er hat in Sitzungen und vor der Staatsanwaltschaft den Verdacht von „Transplantationstourismus“ und „Transplantationskommerzialisierung“ geschürt. Er dementierte profil gegenüber, die Quelle der Anschuldigungen zu kennen. Wie hat sich der vermeintliche Skandal auf den internen Betrieb ausgewirkt?

Müller: Klepetko war Klinikchef, als die Ermittlungen begonnen haben. In der Chirurgie arbeiten hunderte Leute, dauernd wurde etwas in den Medien geschrieben, der Chef war in eine Wolke der Unsicherheit eingehüllt. Einfach war das nicht. Wir haben die Chirurgie schließlich in fünf Einheiten aufgeteilt: Herz, Lunge, Plastische, Kinder und Allgemeinchirurgie. Es gibt nun eine eigene Klinik für Thoraxchirurgie, die von Konrad Hötzenecker geleitet wird. Professor Klepetko wollte sich langsam zurückziehen. Professor Laufer leitet die Uniklinik für Herzchirurgie.

profil: Hat sich Prof. Laufer Ihnen gegenüber dazu geäußert, dass von den Vorwürfen gegen die Wiener Lungentransplantation nichts übriggeblieben ist?

Müller: Professor Laufer hat bald, nachdem die Geschichte losgegangen ist, gegenüber dem Unirat und mir klargestellt, dass er sie nicht lanciert hat. Whistle blowing ist unter bestimmten Umständen wichtig und okay. Aber wenn wir erfahren, dass es zu Brüchen der Vertraulichkeit gekommen ist, und das war hier in hohem Ausmaß eindeutig der Fall, hätte das sicher dienstrechtliche Konsequenzen. Aber dazu braucht es ein objektives Substrat, ein gut begründeter Verdacht reicht nicht aus.