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Der bizarrste Kriminalfall des Jahres: Sanela G.

Nach dem Amoklauf in Graz sammelte Sanela G. unter falschen Angaben Zehntausende Euro für Hinterbliebene. Sie erfand Geschichten, manipulierte Spenderinnen und Spender und entpuppte sich als eine der bizarrsten Figuren des Jahres 2025.

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Kurz nach dem Amoklauf in Graz tauchte eine Frau auf, die für viele zuerst wie ein Teil dieser tragischen Geschichte wirkte. Dann wurde Sanela G. zur zentralen Figur eines der bizarrsten Betrugsfälle des Jahres.

Am 11. Juni 2025, einen Tag nach dem Amoklauf in Graz, legte jemand auf der Crowdfunding-Plattform „GoFundMe“ einen Spendenaufruf an: „Amoklauf Graz – Hilfe für Hinterbliebene und Betroffene“. Was für viele zunächst ein spontaner Akt der Solidarität war, sollte sich bald als große Lüge entpuppen. Der Account gehörte nicht etwa trauernden Familienangehörigen, sondern einer 33-jährigen Frau. Gemeinsame Recherchen von profil und „Datum“ deckten auf, dass Sanela G. sich in ihren Erzählungen als Angehörige der Opfer ausgab, obwohl dafür keinerlei Hinweise existierten.

In wenigen Wochen sammelte sie so 37.262 Euro von mehr als 600 Menschen, oft mit persönlichen Botschaften des Mitgefühls und der Hoffnung auf gemeinsame Trauerbewältigung. Doch das Narrativ hinter dem Spendenaufruf war ein bizarres Konstrukt aus Halbwahrheiten, emotionaler Manipulation und dreisten Lügen, das Sanela G. über Wochen und Monate pflegte. Sie inszenierte sich als Figur, die sie in Wahrheit nicht war: eine Helferin, eine Leidende, eine, die den Schmerz mit anderen teilen wollte.
Auf die gemeinsame Recherche von profil und „Datum“ zu Sanela G. folgten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Graz, im September 2025 klickten die Handschellen. Sanela G. wurde in Leibnitz festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft in der Justizanstalt Graz-Jakomini. Die Vorwürfe gegen sie lauten auf Spenden- und Sozialleistungsbetrug, da auch der Verdacht besteht, sie habe durch gefälschte Aufnahmebestätigungen Pflegestipendien des AMS in Höhe von 23.000 Euro erhalten. Eine weitere Auszahlung von 14.000 Euro wäre unmittelbar bevorgestanden. Von den Spenden habe sie laut Polizei und Ermittlern nur minimale Beträge wirklich an Betroffene weitergegeben, insgesamt wohl knapp 2000 Euro. Der Großteil des Geldes ist weg.

Der Fall Sanela G. ist aber mehr als eine klassische Betrugsgeschichte. In Chats und Gesprächen ergibt sich ein Bild, das an die Grenzen des Vorstellbaren stößt: Schon Monate vor dem Amoklauf spielte sie mit Identitäten, erfand Rollen und schuf Narrative, die Menschen dazu brachten, ihr zu glauben – ein Herz für Lügen, das die Gutgläubigkeit der Menschen ausnutzte.

Der Kipppunkt war der Amoklauf: Ein Ereignis, das kollektiv emotional aufgeladen war, wurde von Sanela G. instrumentalisiert, um aus Trauer Kapital zu schlagen und die kollektive Solidarität zu missbrauchen. Der Fall wirft auch Fragen auf, die über Sanela G. hinausreichen: Wie konnte eine einzelne Person so viele Menschen täuschen? Und wie kann sichergestellt werden, dass echte Trauerhilfe nicht durch Betrug untergraben wird?

Sanela G. bleibt jedenfalls vorerst hinter Gittern. Die Ermittlungen gehen weiter, auch zu möglichen weiteren Betrugsfällen, etwa im Zusammenhang mit möglichen Pflegekindern. profil liegen Chats und ein psychologisches Gutachten vor, die darauf hindeuten, dass Sanela G. möglicherweise zwei Pflegekinder in ihrer Obhut hatte. 

Was bleibt, ist die Erkenntnis aus einer ungewöhnlichen Recherche: Die Täuschung kann viele Formen annehmen, und Vertrauen lässt sich leicht missbrauchen. Inmitten von Sanela G.s Geflecht aus Lügen und Manipulation steht die nüchterne Feststellung: Betrug lässt sich nur schwer erkennen, selbst wenn er im Licht der Öffentlichkeit geschieht.

Daniela Breščaković

Daniela Breščaković

ist seit April 2024 Innenpolitik-Redakteurin bei profil. War davor bei der „Kleinen Zeitung“.