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„Sarajevo Safari“: Ermittlungen gegen zwei Österreicher wegen Sniper-Tourismus

Laut Ermittlerkreisen sollen ein rund 60-jähriger Niederösterreicher und ein weiterer Mann aus seinem Umfeld als Sniper-Touristen in Sarajevo beteiligt gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft Krems hat Ermittlungen aufgenommen.

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Mit Kleinflugzeugen über Italien nach Belgrad und weiter nach Sarajevo: Reiche Touristen sollen während des Bosnienkriegs zwischen 1992 und 1995 in die belagerte bosnische Hauptstadt gereist sein, um dort Jagd auf Menschen zu machen. Der italienische Journalist Ezio Gavazzeni hat diese Vorwürfe in seinem Buch „I cecchini del weekend. L'inchiesta sui safari umani a Sarajevo“ zusammengetragen. 

Über Jahre hinweg sprach er mit Zeugen, die die mutmaßlichen Vorgänge beobachtet haben wollen. Sie berichten von reichen Männern und Frauen in hochwertiger Jagdausrüstung, ausgestattet mit Präzisionsgewehren, die in Gruppen an bestimmte Scharfschützenpositionen über der Stadt gebracht worden seien, um von dort aus auf Zivilistinnen und Zivilisten zu schießen.

50.000 Euro für ein Kind

Für diese „Menschenjagden“ sollen erhebliche Summen bezahlt worden sein. Heute entspricht das rund 25.000 Euro für einen erschossenen Mann, 40.000 Euro für eine Frau und 50.000 Euro für ein Kind. Auf Grundlage von Gavazzenis Recherchen eröffnete die Mailänder Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen die Sniper-Touristen. Die mutmaßlichen Täter sollen aus Italien, Frankreich, Belgien, der Schweiz, Russland und Österreich stammen.

Wie profil erfuhr, ermittelt seit dem 25. April auch die Staatsanwaltschaft Krems gegen zwei Männer. Aus „ermittlungstaktischen Gründen“ wolle man derzeit jedoch keine näheren Angaben machen, heißt es. Erst durch eine parlamentarische Anfrage der ehemaligen Justizministerin Alma Zadić (Grüne) wurden die Ermittlungen öffentlich. Im Fokus stehen laut Justizministerium ein Österreicher und eine bislang unbekannte Person. Das geht aus der Beantwortung der Anfrage hervor. 

Weitere Informationen wollte das Justizministerium auf Nachfrage nicht bekannt geben. „Bei den Vorwürfen handelt es sich um schwerste Kriegsverbrechen, denen nachgegangen werden muss. Diese müssen lückenlos untersucht und verfolgt werden. Dass Menschen offenbar dafür bezahlt haben sollen, gezielt auf Zivilistinnen und Zivilisten, sogar auf Kinder, zu schießen ist kaum vorstellbar in seiner Grausamkeit“, sagt Zadić.

Aus Ermittlerkreisen heißt es gegenüber profil, bei dem Hauptverdächtigen handle es sich um einen rund 60-jährigen Niederösterreicher. Er soll zwischen 1992 und 1996 mehrfach während der Belagerung Sarajevos in die bosnische Hauptstadt gereist sein, um dort als Scharfschütze auf Zivilistinnen und Zivilisten zu schießen. Die zweite Person soll ebenfalls ein Österreicher sein und aus dem Umfeld des mutmaßlichen Täters stammen. 

Beide Männer dürften keinen Migrationshintergrund haben. Der entscheidende Hinweis, der zu den Ermittlungen führte, soll aus der Bevölkerung gekommen sein. Diesen Vorwürfen geht nun die Staatsanwaltschaft Krems nach. Dass die mutmaßlichen Taten mittlerweile mehr als 30 Jahre zurückliegen, erschwere die Ermittlungen aber erheblich, heißt es.

Laut Gavazzenis Recherchen sollen beteiligte Österreicher vorwiegend auf Serben geschossen haben. Sarajevo galt vor dem Krieg als multikulturelle Stadt, in der Bosniaken, Kroaten, Serben sowie jüdische Gemeinden lebten. Während der Belagerung wurde die Stadt jedoch entlang ethnischer und militärischer Linien geteilt. Personen, die die mutmaßlichen Touren organisierten, sollen die ausländischen „Menschenjäger“ entweder auf die kroatische oder die serbische Seite geschleust haben, von wo aus sie auf die Stadt schießen konnten.

Auch für die wohlhabenden „Touristen“ waren die kriegsverbrecherischen Ausflüge nicht völlig ungefährlich. Doch gerade das habe den sogenannten Sniper-Touristen besonders gefallen. Zeugen schildern laut Gavazzeni, dass ihnen eine völlig risikofreie Jagd zu langweilig gewesen wäre – ihnen habe dann das Adrenalin gefehlt. Problematisch wurde es erst, wenn jemand schwer verletzt oder getötet wurde. In diesen Fällen habe man Ärzte benötigt, die Totenscheine ausstellten, sowie bestochene Grenzbeamte, um den Rücktransport der Särge zu ermöglichen. Den Familien habe man erzählt, die Betroffenen seien an Herzinfarkten oder Schlaganfällen gestorben. Die Särge seien dabei nie geöffnet worden.

Der Dreh- und Angelpunkt in Gavazzenis Recherchen ist eine US-amerikanische Agentur mit Verbindungen zu einer belgischen Organisation. Auch Personen mit militärischem Hintergrund sollen involviert gewesen sein, die Transporte in die Kriegsgebiete organisiert haben. Die Reisen seien meist mit Kleinflugzeugen über Triest erfolgt, teilweise aber auch in Kleinbussen über Österreich, Slowenien und weiter nach Kroatien und Bosnien-Herzegowina.

Österreichische Exportkrieger

Dass mit dem Zerfall Jugoslawiens Anfang der 1990er-Jahre zahlreiche Männer und Frauen aus Österreich in die Kriegsgebiete am Balkan zogen, um an den jeweiligen Fronten zu kämpfen, war keine Seltenheit. Sie wurden „Wochenendkrieger“ genannt, weil sie nach ihren Einsätzen wieder zurück nach Österreich fuhren, wo sie mittlerweile lebten. Es waren vor allem Gastarbeiter, die ursprünglich aus Serbien, Kroatien oder Bosnien-Herzegowina stammten und sich vor Ort paramilitärischen Einheiten anschlossen. 

Diese Gruppen wurden im Verlauf der Kriege für einige der schwersten Verbrechen verantwortlich gemacht: Ethnische Säuberungen, Exekutionen, Folter, Vergewaltigungen und Plünderungen gehörten vielerorts zum Kriegsalltag. Wie viele Menschen aus Österreich tatsächlich in den Kriegen am Balkan kämpften, wurde nie systematisch erfasst. Schätzungen gehen jedoch von mehreren Tausend aus.

Aus heutiger Sicht fällt auf, wie wenig strafrechtliche Aufarbeitung es in diesen Fällen in Österreich tatsächlich gegeben hat. Vieles lässt sich Jahrzehnte später auch kaum mehr rekonstruieren.

Mit der Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien – das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag – im Sommer 1993 verlagerte sich die juristische Zuständigkeit zunehmend ins Ausland. Für viele der „Wochenendkrieger“ endete damit auch die Zeit der Kämpfe an der Front. Sie zogen sich zurück und schweigen zum
Teil bis heute über ihre Taten. Auch deswegen, weil für viele Österreich zum neuen Lebensmittelpunkt wurde. Wer hier lebte, hatte wenig Interesse daran, durch eigene Aussagen oder öffentliche Aufmerksamkeit die eigene Sicherheit oder den Aufenthaltsstatus zu gefährden.

Im Fall der Sniper-Touristen in Sarajevo versuchen Ermittler in Österreich und anderen Ländern nun herauszufinden, ob hinter den jahrzehntealten Erzählungen mehr steckt als bloße Kriegslegenden.

Daniela Breščaković

Daniela Breščaković

ist seit April 2024 Innenpolitik-Redakteurin bei profil. War davor bei der „Kleinen Zeitung“.