Schulden für die Zahnarztrechnung: Wenn Medizin zum Luxus wird
Es sind immer wieder dieselben Fragen: Soll ich die Schmerzen aushalten und hoffen, dass sie vergehen oder doch zum Arzt gehen? Was, wenn es was Ernstes ist? Was, wenn ich es mir nicht leisten kann? Fragen, die sich Menschen wie Maria, Annabell, Viktoria oder Elif immer wieder stellen müssen. Die vier Frauen heißen eigentlich anders, sie wurden von der Redaktion auf eigenen Wunsch anonymisiert. Sie sprachen mit profil über ihre Angst vorm Zahnarzt, beziehungsweise vor der Zahnarztrechnung. Während man sich früher vor Schmerzen, dem Bohrer und den Spritzen fürchtete, bereiten heute viel eher die Rechnungen nach dem Arztbesuch vielen Patientinnen und Patienten Sorgen. Annabell, Elif, Maria und Viktoria stehen mit ihren Geschichten sinnbildlich für einen wachsenden Teil der Gesellschaft, für den der Zahnarztbesuch immer schwerer leistbar wird.
In Österreich werden stetig mehr Zahnbehandlungen zu Privatleistungen und verteuern sich. Nach dem Scheitern der Verhandlungen zwischen Kammer und Sozialversicherung über die Finanzierung von Zahnfüllungen infolge des Amalgamverbots müssen Patienten die Kosten nun selbst tragen. Zusätzlich steigt ab 1. Mai der Selbstbehalt für Versicherte weiter – etwa für Kronen oder Kunststoffprothesen. Auch Parodontose-Therapien verteuern sich, zudem steigt der Selbstbehalt bei Zahnspangen. Seit Anfang März gelten außerdem strengere Regeln für die Kostenübernahme von Kieferregulierungen: Zwei Leistungen wurden aus dem Katalog gestrichen.
Vor allem Geringverdiener betroffen
Wer ist für diese zunehmende Privatisierung verantwortlich? Aus Sicht der Zahnärztekammer (ÖZAK) änderte die ÖGK ihre Satzung und Krankenordnung im Alleingang. In einer Aussendung dazu zeigt sich das Hickhack zwischen Zahnärztekammer und ÖGK: Die ÖZAK kritisiert die Leistungseinschränkungen, denn die Erhöhung der Selbstbehalte bei unentbehrlichem Zahnersatz treffe vor allem Geringverdienerinnen und Mindestpensionisten – sie sei eine „sozial völlig inadäquate Maßnahme“.
Die Niederösterreicherin Annabell, 67, kann davon ein Lied singen. Sie ist alleinerziehende Mutter einer 23-jährigen Tochter mit Down-Syndrom und bezieht Mindestpension – große Ausgaben kann sie sich nicht leisten. Derzeit macht sie aufgrund eines Tumors in ihrer Brust eine Chemotherapie, die dafür sorgt, dass auch ihre Zähne schwach werden und viele ihrer Füllungen nicht halten. Bisher hat sie bei ihrer mittlerweile pensionierten Zahnärztin Amalgam-Plomben bekommen, seit dem Verbot wechselte sie zu Zementplomben: „Zwischen den Chemotherapien brechen meine Füllungen dauernd raus. Das Amalgam hat besser gehalten“, erzählt Annabell. Für die Arztbesuche muss die 67-Jährige, die im Bezirk Sankt Pölten-Land lebt, 45 Autominuten zum nächsten Zahngesundheitszentrum in Sankt Pölten fahren – ein erheblicher Aufwand für Annabell, die derzeit von ihren Chemotherapien ohnehin geschwächt ist.
Im Mai 2024 beschloss die EU das Verbot von Amalgamfüllungen, weil diese umweltschädigend sind. Bis zu diesem Zeitpunkt waren Amalgamfüllungen die einzigen Plomben, die von den Krankenkassen bezahlt wurden, die Verwendung von Dentalamalgam bei Kindern unter 15 Jahren und bei schwangeren oder stillenden Frauen war allerdings bereits davor verboten. Mit 1. Jänner 2025 wurde das Verbot auf alle Personen in der EU ausgeweitet – österreichweit sind 7,4 Millionen Versicherte betroffen.
Streit zwischen den Institutionen
Seit dem Verbot gibt es keine Alternative, Zahnärztekammer und Gesundheitskasse ÖGK diskutieren über eine neue Plombenlösung auf Kasse. Die Ständevertretung der österreichischen Zahnärztekammer machte im Dezember 2024 erstmals ihre Bedenken zum Amalgamverbot und der fehlenden Lösung kund. Anfang November 2024 wurden die Verhandlungen zwischen Zahnärztekammer und der Gesundheitskasse ÖGK abgebrochen.
Die Zahnärztekammer verwies darauf, dass das damalige Angebot der ÖGK aus „wirtschaftlichen Gründen“ unannehmbar sei. Es hätte zu massiven Einkommensverlusten und in Folge dessen zu einer Ausdünnung der flächendeckenden zahnärztlichen Versorgung geführt. 2025 gab es Gespräche, verwiesen wird aktuell auf den Gesamtvertrag, der für Anfang Sommer 2026 angekündigt wurde. Details werden nicht kommuniziert.
Eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) aus dem Jahr 2024 zeigt, dass Zahnärztinnen und Zahnärzte mit 23 Prozent die zweitgrößte Gruppe von Fachärztinnen und -ärzten in Österreich sind. Laut der Erhebung ist ihr Medianeinkommen mit 150.000 Euro im Jahr 2024 das niedrigste unter den Fachärzten.
Wie teuer kommt die Zahnmedizin dem Dachverband der Sozialversicherungsträger zu stehen? Insgesamt gaben die Krankenkassen 2024 27,5 Milliarden aus, davon waren fünf Prozent für Zahnbehandlung und Zahnersatz (1,4 Milliarden). Im Vergleich zu 2023 sind das zehn Prozent mehr.
Wie könnte eine Alternative zum verbotenen Amalgam aussehen? Weder Zahnärztekammer, noch Sozialversicherungsträger äußern sich hierzu. In Betracht für den Seitenzahnbereich kommen plastische Füllungsmaterialien wie Glasionomerzemente oder Alkasite. Im Front- und Eckzahnbereich werde seit Jahren aus kosmetischen Gründen amalgamfrei gearbeitet. Eine kassenfinanzierte Lösung müsse also für den Seitenzahnbereich her. Die SVS rechnet beispielsweise Füllungen mit Glasionomerzement für Kinder bis zum 15. Lebensjahr, Schwangere und Stillende ab.
Das Klima zwischen ÖGK und ÖZAK scheint jedenfalls angespannt zu sein, die Zahnärztekammer fühlt sich von der Kommunikation der Gesundheitskasse vor den Kopf gestoßen, auf Anfrage von profil wird von beiden Seiten immer wieder ausgerichtet, dass man keine offiziellen Informationen weitergeben kann.
Einen Sonderweg geht lediglich Vorarlberg: Hier sind Amalgam-Alternativen Kassenleistung. Man hatte sich bereits 2024 anstelle eines Kassenvertrags auf ein Abrechnungs-Abkommen geeinigt.
Als ich gespürt habe, dass eine der Zementplomben rausgefallen ist, habe ich mich nicht getraut, wieder zum Arzt zu gehen, bis ich den Schmerz irgendwann nicht mehr ausgehalten habe.
Alternative Zahngesundheitszentrum?
Einkommensschwache Patientinnen und Patienten können Zahngesundheitszentrem der ÖGK aufsuchen – in ganz Österreich gibt es 61, sie gelten als preiswert und verlässlich. Laut ÖGK wurden in den Zahngesundheitszentren 2025 etwa 270.000 Füllungen gesetzt, das sind 5,5 Prozent mehr als 2024. Behandelt wird zu „fixen, leistbaren Tarifen“, oder als Vertragsleistung. Doch vor allem in ländlichen Gebieten sind diese Praxen schwer erreichbar: Während es in Wien acht Zentren gibt, steht Burgenländerinnen und Burgenländern nur eines in Eisenstadt zur Verfügung.
Patientinnen und Patienten, die nicht versichert sind und sich gar keinen Zahnarzt leisten können – darunter fallen beispielsweise Migranten, Langzeitarbeitslose oder Obdachlose –, müssen zu einem der Amber Med-Zentren gehen, in denen Ärztinnen und Ärzte sie ehrenamtlich medizinisch versorgen. Auch das Neunerhaus bietet so eine kostenlose ärztliche Versorgung an.
Annabell und Maria besuchten beide die Zahngesundheitszentren der ÖGK – Annabell in Sankt Pölten, die 60-jährige Maria in Linz. 430 Euro musste die Invaliditätspensionistin für zwei Füllungen inklusive Betäubungsspritze entrichten: „Ich wusste zuerst nicht, ob und wie viel ich für die Betäubungsspritze zahlen musste. Ich hätte nein gesagt, aber das Bohren tat einfach zu sehr weh“, so Maria: „Der Betrag war mehr, als ich auf dem Konto hatte. Ich musste mir von meiner Familie Geld leihen und es in Raten abbezahlen.“ Die Rechnung reichte sie bei der Krankenkasse ein, mit der Hoffnung, einen Teil zurückzubekommen – 85 Euro waren es. Viel zu wenig, findet die Linzerin: „Ich lebe ohnehin schon am Limit. Als ich gespürt habe, dass eine der Zementplomben rausgefallen ist, habe ich mich nicht getraut, wieder zum Arzt zu gehen, bis ich den Schmerz irgendwann nicht mehr ausgehalten habe.“
Generell gilt bei der Zahnarztversorgung: Bei Wahlärzten müssen Patientinnen und Patienten selbst zahlen und können die Rechnung dann beim zuständigen Krankenversicherungsträger einreichen. Gleiches gilt für Rechnungen bei Vertragszahnärzten über nicht vertraglich geregelte Leistungen. Der Krankenversicherungsträger ersetzt 80 Prozent jenes Betrages, den ein Vertragspartner für die gleiche Behandlung bekommen würde.
Etwas besser gestellt sind die Versicherten der BVAEB, der Versicherungsanstalt, öffentlich Bediensteter, Eisenbahner und Bergbauarbeiter: Sie zahlen zehn Prozent der vorgesehenen Behandlungskosten. Hier wurde auch ein Pilotprojekt verhandelt, das seit Anfang des Jahres gilt: Zahnärzte können nun der BVAEB mehr Geld verrechnen, Honorare werden teils um die Hälfte erhöht oder auch verdoppelt. Das heißt, die Zahnärzte bekommen von der BVAEB mehr Geld. Der Selbstbehalt bleibt bei zehn Prozent.
Du willst gar nicht mehr in Gesellschaft etwas essen. Du traust dich gar nicht mehr, überhaupt zu sprechen.
Krebs durch kranke Zähne?
Zahngesundheit ist nicht nur für ein schönes und hygienisches Lächeln wichtig – kranke Zähne können gesundheitliche Auswirkungen haben. „Es gibt einen Zusammenhang zwischen Lebensqualität, Lebenserwartung und der Qualität der Zähne“, sagt Anton Sculean, Professor für Parodontologie an der Universität Bern in einem profil-Interview, das im September 2025 erschien: „Eine Parodontitis ist eine offene Wunde in der Mundhöhle, von der Bakterien in den Körper eindringen können“. Infektionen fördern Bluthochdruck, Migräne oder psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout. Ersten Studien zufolge wurde festgestellt, dass Personen, die einen oder mehrere Zähne durch Parodontitis verloren haben, ein erhöhtes Risiko haben, an Magen- oder Speiseröhrenkrebs zu erkranken. Außerdem konnten Forschende Keime in Tumoren und Krebsvorstufen finden, die häufig an Entzündungen des Mundraums beteiligt sind.
„Wir begegnen uns überall mit unserem Lächeln und Gesprächen. Wenn man das nicht mehr tun kann, weil man sich für sein Gebiss geniert, leiden Beziehungen oder Freundschaften darunter“,
sagt Martin Schenk, Armutsforscher, Menschenrechtsaktivist und stellvertretender Direktor der Diakonie Österreich.
Die Auswirkungen kranker Zähne reichen aber noch weiter, nicht nur gesundheitlich, sondern auch sozial. „Wir begegnen uns überall mit unserem Lächeln und Gesprächen. Wenn man das nicht mehr tun kann, weil man sich für sein Gebiss geniert, leiden Beziehungen oder Freundschaften darunter“, erklärt Martin Schenk, Armutsforscher, Menschenrechtsaktivist und stellvertretender Direktor der Diakonie Österreich: „Betroffene ziehen sich vermehrt zurück und sitzen zu Hause anstatt rauszugehen.“ Fehlende Zähne oder ein krankes Gebiss sorgen außerdem für Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt: „Für Leute, die immer wieder prekäre Jobs haben und oft arbeitslos sind, stellen Bewerbungsgespräche eine besonders große Herausforderung dar, weil es beim zukünftigen Arbeitgeber nicht gut ankommt, wenn man Zahnlöcher oder sichtbaren Karies hat“, so Schenk.
Maria stimmt dem Armutsforscher zu: „Du willst gar nicht mehr in Gesellschaft etwas essen. Du traust dich gar nicht mehr, überhaupt zu sprechen.“ Nachdem eine ihrer Plomben herausgebrochen ist, versuchte sie – aus Angst – den Zahnarztbesuch so lange wie möglich hinauszuzögern und zog sich infolgedessen immer weiter zurück.
Die Teuerungen in der Zahnmedizin und die Angst vor der Zahnarztrechnung betreffen aber nicht nur armutsgefährdete Personen wie Maria oder Annabelle.
Zum Beispiel Viktoria. Die Wienerin ist 24 Jahre alt und macht gerade ihren Master. Viktoria ist ein gesundes Gebiss wichtig – immer schon gewesen. Ein- bis zweimal im Jahr suchte sie ihre Zahnärztin für eine Kontrolle auf, bis diese 2025 in Pension ging und Viktoria sich einen Ersatz suchen musste. „Die alte Ärztin hat mir bei der Kontrolle immer gesagt, dass alles in Ordnung sei. Meine neue Ärztin stellte mir dann allerdings eine andere Diagnose“, erzählt die Studentin. Die 24-Jährige hatte Kariesbefall und benötigte acht Plomben. Kostenvoranschlag: 1200 Euro. „Ich wusste erstmal nicht, wie ich damit umgehen soll, weil das so viel Geld war. Ich wusste aber schon, dass das gemacht werden muss, weil: je länger man wartet, desto schlimmer wird es.“
Viktoria beschloss daher, einen Zahnarzt in ihrem Heimatland Polen aufzusuchen und sich ihren Karies dort behandeln zu lassen. Sie zahlte für den Arztbesuch umgerechnet 706 Euro – also fast 500 Euro weniger. Im Dezember reichte sie die Rechnung bei der ÖGK ein und wartet immer noch auf eine teilweise Rückerstattung.
Ich möchte mich nicht mehr zwischen Plomben und Sommerurlaub entscheiden müssen.
Zahnarzttourismus
Viktoria ist nicht die einzige, die extra ins Ausland fährt, um sich die Zähne reparieren zu lassen. Auch die Wienerin Elif erkundigte sich nach Zahnärzten in Ungarn, als sie nach ihrem letzten Zahnarztbesuch einen Kostenvoranschlag von 16.000 Euro bekam. Auf der Liste: sechs Revisionen, vier Kronen und zwei Implantate: „Ich kann und werde das nicht machen, weil diese Kosten inzwischen so hoch sind wie der Preis eines guten Gebrauchtwagens“, so die 28-Jährige, die selbstständig und bei der SVS versichert ist.
In Ungarn blüht währenddessen das Geschäft mit den Zähnen. Besonders die Stadt Sopron, in der Nähe der österreichischen Grenze, ist beliebt und bekannt für ihre preiswerten Zahnkliniken. Im Internet finden sich etliche Anzeigen auf Deutsch: Die Kosten werden als Fixpreise angeboten, auch der Transport aus Österreich wird organisiert. Es gibt Tarife, bei denen auch Hotel und Transfer „GRATIS“ angeboten werden, also im Preis inkludiert sind. Um das österreichische Publikum herrscht ein reger Wettbewerb.
Wie stark unterscheiden sich die Preise für ein schönes Lächeln? In Sopron gibt es Mundhygiene ab 30 Euro, Implantate kosten zwischen 500 und 900 Euro, Füllungen ab 50 Euro. Auch Röntgen kostet weniger als hierzulande.
Zum Vergleich: In den ÖGK-Zahnzentren kostet Mundhygiene 83 Euro, Implantatberatung gibt es ab 190 Euro, für Implantate werden 999 Euro verlangt. Nur: Auf verschiedenen Bewertungsportalen polarisieren die Rezensionen ungarischer Zahnkliniken zwischen ausgezeichnet und unterirdisch. Man kann sich also nicht sicher sein, ob sich die Reise ins Nachbarland wirklich auszahlt.
Schönes Lächeln nur für die Reichen und Schönen
Laut Martin Schenk gibt es eine direkte Korrelation zwischen Bildungsabschluss und Inanspruchnahme medizinischer Leistungen. Sprich: Je geringer der Abschluss, desto seltener geht man zum Arzt. Eine Erhebung der Statistik Austria aus dem Jahr 2017 macht deutlich, dass Personen in Haushalten mit niedrigem Einkommen häufiger als Personen in Haushalten mit mittleren oder hohen Einkommen auf eine zahnmedizinische Behandlung verzichten, obwohl sie sie dringend benötigen würden – zu mehr als drei Viertel werden dafür finanzielle Gründe genannt: „Zahnärzte sind am ehesten etwas, wo man noch sparen kann, wenn man es muss“, erklärt Schenk.
Im Sommer dieses Jahres soll es endlich zu einer Einigung in den Verhandlungen kommen, heißt es seitens ÖGK.
Selbst wenn es wieder Füllungen auf Kassenleistung gibt, bleiben andere zahnmedizinische Behandlungen teuer. Elif, Maria, Annabell und Viktoria können das als Patientinnen nicht nachvollziehen. Sie wünschen sich, dass die Krankenkassen mehr Kosten übernehmen. „Ich möchte mich nicht mehr zwischen Plomben und Sommerurlaub entscheiden müssen“, so Viktoria.