Die geheime Gästeliste
profil liegt nun die lange nicht öffentliche Gästeliste vor. Darauf finden sich prominente Namen wie der serbische Außenminister Marko Đurić, Albaniens Premier Edi Rama sowie Katharina Reiche, deutsche Wirtschaftsministerin und Lebensgefährtin zu Guttenbergs. Reiche betonte später, sie habe ausschließlich privat teilgenommen – ebenso wie der österreichische ÖVP-Digitalstaatssekretär Alexander Pröll. Beide scheinen jedoch inklusive Kurz-Biografie im offiziellen Programm auf, was parlamentarische Anfragen in Deutschland und Österreich nach sich zog.
Auch weitere amtierende Spitzenpolitiker waren geladen: der türkische Finanzminister Mehmet Şimşek, der estnische Außenminister Margus Tsahkna und der griechische Verteidigungsminister Nikolaos Dendias. Letzterer durchbrach die vereinbarte Vertraulichkeit nach den Chatham-House-Regeln und machte seine Teilnahme öffentlich. Während Kurz gegenüber profil Dendias Anwesenheit bestritt, bestätigte dieser sie selbst – auf seiner Website.
Neben politischem Einfluss war auch erhebliches Kapital vertreten: mehrere Prinzen aus Bahrain, der frühere Google-CEO Eric Schmidt sowie der österreichische Investor Alexander Schütz. Aus Österreich reisten zudem die ehemaligen Minister Gernot Blümel, Elisabeth Köstinger und Alexander Schallenberg an.
Das Verhältnis von Kurz zu Medien ist seit Jahren angespannt. Er beklagt eine aus seiner Sicht ungerechte Behandlung, Journalistinnen und Journalisten wiederum kritisieren Message Control und selektive Wahrheiten. Gleichzeitig pflegt Kurz zu einzelnen Medienvertretern enge Kontakte – und lud auch sie nach Tirol ein. Auf der Gästeliste: Paul Ronzheimer, stellvertretender Chefredakteur der „Bild“ (kam dann nicht), Claus Strunz, einst TV-Moderator und heute CEO von Euronews, sowie Yalda Hakim, Anchor bei Sky News. Auch sie nahmen, so die offizielle Lesart, privat teil. Öffentlich berichtet wurde jedenfalls nicht.
Neues Instrument
Der Gipfel markierte keinen Abschluss, sondern den Auftakt. Ähnliche Veranstaltungen sollen künftig regelmäßig stattfinden. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Kabinettschef Bernhard Bonelli gründete Kurz die GSI GmbH. Seit Jahresbeginn wurde der Unternehmenszweck erweitert: Inhalte für klassische und soziale Medien, wissenschaftliche Publikationen, Kongresse und Events, Talentförderung sowie kostenpflichtige Mitgliedschaften. GSI steht für „Global Shift Institute“.
De facto hat Kurz damit einen Thinktank geschaffen, in dem sich politische Ambitionen bündeln lassen. Geplant sind Vorträge, Diskussionsformate, Salons und Veröffentlichungen. Aus dem Umfeld von Kurz hieß es gegenüber profil mehrfach, dass das Mathias Corvinus Collegium (MCC) eingebunden sein soll. Der staatlich finanzierte ungarische Thinktank gilt als rechtskonservativ, als Nachwuchsschmiede und als Plattform rechter Publizisten – bekannt für EU-Skepsis und Nähe zu Russland.
Die engen Beziehungen zwischen Kurz, Bonelli und dem MCC sind dokumentiert. Kurz trat wiederholt bei Veranstaltungen auf, machte dort zuletzt Peter Thiel mit Viktor Orban bekannt, und bewarb dies in sozialen Netzwerken. profil liegen zudem Einladungen zu gemeinsamen Events in Wien vor; auch der Leiter des MCC zählte zu den Teilnehmern des Tiroler Treffens.
Das MCC hält außerdem 90 Prozent an der Wiener Modul University. Auch dort finden sich Verbindungen ins türkise Umfeld: Elisabeth Köstinger als Universitätsrätin, Paul Olsacher, ehemaliger Parteisprecher, war bis vor Kurzem für Marketing und Kommunikation zuständig.
Start im Herbst
Bonelli, der den Gipfel maßgeblich organisierte, soll nun auch das Global Shift Institute leiten. Fünf bis sechs fixe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind vorgesehen, ergänzt durch Freiwillige. Der offizielle Start ist für den Herbst geplant, inklusive Website. Die Arbeit des Instituts soll – so heißt es – transparent nachvollziehbar sein.
Die Finanzierung will Kurz im ersten Jahr selbst tragen. Wie es danach weitergeht, ist offen. Klar ist: Seit seinem Rückzug aus der Politik hat er Zugang zu einem Netzwerk wohlhabender Unternehmer, für die eine Mitgliedschaft in einem solchen Thinktank attraktiv sein könnte. Und ein Jahr später stünde bereits die nächste Nationalratswahl an – falls Kurz sich entscheidet, nicht nur über Politik zu sprechen, sondern wieder aktiv einzugreifen.
Gerüchte über ein Comeback kursierten bereits im Frühjahr 2025. Nachdem ÖVP-Kanzler Karl Nehammer mit Koalitionsverhandlungen mit SPÖ und Neos gescheitert war und Gespräche mit der FPÖ anstanden, wurde parteiintern intensiv über eine Rückkehr von Kurz diskutiert. Schließlich gilt er als jemand, der weiß, wie man mit den Freiheitlichen regiert. Es wurde sondiert, telefoniert, spekuliert. Am Ende blieb es beim Gerücht – auch weil Kurz nicht die gewünschte Rückendeckung erhielt und er schon früher nur unter klaren Bedingungen bereit war, Verantwortung zu übernehmen: mit umfassender Kontrolle und dem Anspruch, die Partei grundlegend umzubauen.
Think-Tanks und Medien als trojanische Pferde
Thinktanks können im Wahlkampf ein entscheidender Hebel sein – das zeigte Donald Trump mit der Heritage Foundation. Der konservative Thinktank bereitete mit „Project 2025“ seine Wiederwahl und die erste Phase einer weiteren Amtszeit detailliert vor. Mit Geld von Milliardären wurden Programme entwickelt, Personal rekrutiert und geschult – weitgehend außerhalb klassischer Parteistrukturen. Das verschaffte Trump einen strategischen Vorsprung.
Ein weiterer Vorteil solcher Konstruktionen: Finanzierungsströme unterliegen deutlich geringeren Transparenzregeln, insbesondere bei ausländischem Kapital. In Österreich wären solche Zuwendungen in Parteistrukturen unzulässig. Oder, wie es ein Werbeslogan einst formulierte: Geld macht glücklich – wenn man rechtzeitig dafür sorgt, dass man es hat, wenn man es braucht.
Dass Kurz für Trump und die MAGA-Bewegung eine gewisse Bewunderung hat, lässt er in sozialen Medien regelmäßig erkennen. Die Heritage Foundation ihrerseits arbeitet intensiv daran, ihre Ideen aus den USA nach Europa zu exportieren, Europa zu wandeln. Dafür schließt man sich mit genau solchen erzkonservativen Netzwerken und Think-Tanks zusammen. Dass MCC und die Heritage Foundation zusammenarbeiten ist da nur wenig verwunderlich: Gemeinsam entwickelt man etwa Pläne, die EU umzubauen und Institutionen so zu schwächen, dass der Staatenverbund am Ende nur noch eine leere Hülle wäre. Kurz selbst ist kein Anti-Europäer - aber durchaus EU-kritisch, vor allem wenn es um Liberalisierung der Wirtschaft geht.
Zurück zu seinen Vorbildern: Dass er internationale politische Erfolgsmodelle adaptieren kann, hat er bereits mehrfach bewiesen. Dazu zählt jetzt auch der Aufbau eigener Medienökosysteme jenseits klassischer journalistischer Standards. In Österreich nimmt diese Rolle das Medium Exxpress ein, gegründet von Eva und Alexander Schütz, Vertrauten und Geschäftspartnern von Kurz.
Stellvertretende Chefredakteurin ist dort Lena Sachslehner, eine enge Weggefährtin aus Kurz’ Anfangsjahren. Exxpress gehört teilweise dem deutschen rechtskonservativen Portal Nius, gegründet von Ex-„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. Dessen Geschäftsführerin Vera Regensburger ist zugleich Geschäftsführerin eines gemeinsamen Unternehmens von Schütz und Kurz – und auch von Exxpress.
Der Befund ist eindeutig: Sebastian Kurz errichtet ein politisches Machtinstrument außerhalb klassischer Parteien und Institutionen. Offen bleibt nur eine Frage – wofür er es letztlich einsetzen will.