Aufgedeckt: Der Spion in der SPÖ-Zentrale

Das ungarische Parlamentsgebäude in Budapest.

Das ungarische Parlamentsgebäude in Budapest.

Ein SP-Bibliothekar arbeitete bis 1988 unerkannt für den Geheimdienst Ungarns und der Tschechoslowakei. Ein ungarischer Historiker entdeckte nun seine Berichte im Historischen Archiv des Nachrichtendienstes in Budapest.

In der SPÖ-Zentrale in der Wiener Löwelstraße fiel er nur durch Freundlichkeit und Übergewicht auf. Richard K. arbeitete dort seit dem Jahr 1963 als Bibliothekar. "Wenn man einen Parteitagsbeschluss gesucht hat, hat er dir ihn innerhalb weniger Minuten besorgt“, erinnert sich sein Zimmernachbar Franz Schäfer: "Er war sehr belesen und ein wandelndes Lexikon.“

Von seinem Doppelleben weiß bis heute niemand etwas, weder in der SPÖ-Zentrale noch im Renner-Institut, wo er bis zu seiner Frühpensionierung im Jahr 1987 tätig war: Doch K. war bis zu seinem Tod im Jahr 1988 jahrelang als Spion für den ungarischen und später auch tschechoslowakischen Geheimdienst tätig. Seine Berichte lagerten bis vor Kurzem unbeachtet im Historischen Archiv des ungarischen Nachrichtendienstes in der Budapester Eötvös-Straße. Dort fand sie der ungarische Historiker Lajos Gecsényi vor einem Jahr und übergab eine Auswahl exklusiv profil. "Herr K. war ein guter Fang für den ungarischen Nachrichtendienst“, analysiert Gecsényi. "Er lieferte Berichte, Dokumente und Briefe und erhielt dafür - je nach Bedeutung der Dokumente - alle zwei, drei Monate zwischen 8000 und 10.000 Schilling.“

Auch wenn der Bibliothekar - aus heutiger Sicht - keine großen Geheimnisse verriet, so belegen die Akten die Sammelwut östlicher Geheimdienste im Kalten Krieg. Auch banalste Einschätzungen oder interne Telefonbücher waren wertvoll. Und schließlich brauchten auch die Führungsoffiziere einen Tätigkeitsnachweis.


Über die Poststelle in der SP-Zentrale konnte sich K. offizielle Briefe beschaffen.

"Herick“, so der ungarische Tarnname von Richard K., war das genaue Gegenteil von Helmut Zilk, dessen Karriere als CSSR-Spion "Holec“ gerade in einem neuen Spielfilm nacherzählt wird: kein schillernder Frauenheld und Medienstar, sondern ein braver kleiner Parteimitarbeiter, der alleine in einer mit Büchern zugeräumten Gemeindewohnung im 15. Wiener Bezirk hauste. "Insgesamt eine tragische Figur“, erinnert sich sein früherer Chef, Erich Fröschl, der damals das Renner-Institut leitete. "Er trank zu viel Alkohol und ging schon mit 42 Jahren in Frühpension.“

Doch sein unauffälliger Lebenswandel war zugleich seine beste Tarnung. Als Bibliothekar hatte er Zugang zu internen Partei-Dokumenten und Briefen, die er im Büro oder daheim mit einem von Ungarn beigesteuerten Kopiergerät vervielfältigte.

Im Warschauer Pakt hatte Ungarns Nachrichtendienst die Aufgabe übernommen, Infos über sozialdemokratische Parteien im deutschsprachigen Raum zu sammeln. Interessant waren auch Aktivitäten der Sozialistischen Internationale oder der deutschen "Friedrich Ebert“-Stiftung. Herick lieferte emsig Informationen über die Verstaatlichte Industrie. Oder die neu eingeführte Spannocchi-Doktrin für das Bundesheer, die statt großer Panzerschlachten auf Guerillataktik setzte. K’s Einschätzungen über österreichische Politiker wurden von seinen Auftraggebern in Budapest oft gelobt. So beschrieb er 1983 den damaligen Chef der "Sozialistischen Jugend“ Alfred Gusenbauer als "interessanten Mann“, der "brauchbarer als Josef Cap“ sei und "mehr interne Arbeit (linke Politik) leisten kann“.

Lajos Gecsényi: Der ungarische Historiker und Univeristätsprofessor durchforstete 45 Ordner mit Berichten des Wiener Spions.

Lajos Gecsényi: Der ungarische Historiker und Univeristätsprofessor durchforstete 45 Ordner mit Berichten des Wiener Spions.

Über Außenminister Alois Mock erfuhren die Auftraggeber wenig Schmeichelhaftes. Dieser sei - so K. - ein "größenwahnsinniger Kleinbürger“, der 1987 eine Wende in der österreichischen Außenpolitik eingeleitet habe. Für Mock war der EU-Beitritt Österreichs wichtiger als Beziehungen zur Dritten Welt. Zu den "Ostländern“ habe Mock "kein gutes Verhältnis“, auch nicht zum "linken SPÖ-Flügel“, schwadronierte K., der auch die Kürzung der Entwicklungshilfe beklagte.

Über die Poststelle in der SP-Zentrale konnte sich K. offizielle Briefe beschaffen. Im Archiv in Budapest finden sich daher gleich drei Originalbriefe der indischen Premierministerin Indira Gandhi an Bruno Kreisky, in denen sie neue Trends in der Entwicklungspolitik beschreibt, dazu noch diverse Schreiben von österreichischen Botschaften. Zudem lieferte K. genaue Berichte über das Privatleben von Sekretärinnen in der SPÖ-Zentrale, offenbar für eventuelle Anwerbungen.


Die Übergabe von Akten und Geld fand in Wien in der Regel auf offener Straße statt, in der Nähe von K’s Wohnung.

Skurril wirkt ein fünfseitiger handschriftlicher "Bericht über die Sicherheitsverhältnisse im Parteihaus“. Penibel zählt K. 1984 darin die Anbringung von Videokameras und Steckdosen bis zu den Dienstzeiten des Portiers auf. In den Panzerschränken im internationalen Büro der SPÖ lagere "wertvolles Material“. Die gewünschten Farbfotos und Schlüsselabdrucke würde er erst später liefern.

Herick muss Nachschlüssel für den Zutritt in die Parteizentrale und zu manchen Büros geliefert haben. Denn in den ungarischen Akten tauchten Vollzugsmeldungen über "Operationen“, bei denen Profi-Agenten nachts in die SPÖ-Büros eindringen konnten, auf. Der Verdacht, dass dabei manche Büros auch verwanzt wurden, liegt nahe.

Der damalige SPÖ-Zentralsekretär Karl Blecha, der K. als "unauffälligen Menschen, der immer freundlich grüßte“ schildert, kann es kaum glauben, dass die Parteizentrale im Kalten Krieg so genau ausgekundschaftet wurde. "Nachdem ich 1983 Innenminister wurde, habe ich die Büros in der Löwelstraße auf Abhöreinrichtungen durchsuchen lassen. Aber es wurde damals nichts gefunden“, so Blecha heute.

Der Spion war bereits 1975 von ungarischen Agenten angeworben worden, bei einem Besuch in Budapest. Laut Unterlagen wurde K. bald darauf in Jugoslawien in einem Hotel in der Nähe von Dubrovnik von ungarischen ND-Offizieren ausgebildet. Wien war für den ungarischen Geheimdienst ein wichtiger Horchposten mit eigener "Residentur“. In Budapest arbeiteten während des Kalten Krieges bis zu 40 Mitarbeiter in der für Deutschland und Österreich zuständigen Hauptgruppe 3/Gruppe1/Abteilung 3. Auch in der Botschaft Ungarns in Wien waren ständig mehrere ND-Offiziere - als Diplomaten getarnt - tätig.

Die Übergabe von Akten und Geld fand in Wien in der Regel auf offener Straße statt, in der Nähe von K’s Wohnung. Anschließend ging der Führungsoffizier mit seinem Schützling in ein Wiener Beisl essen.

Nach einer 1977 getroffenen Vereinbarung des sowjetischen KGB-Chefs (und späteren KPdSU-Chefs) Igor Andropow musste der ungarische Nachrichtendienst die von westlichen Spionen gelieferten Unterlagen komplett nach Moskau weiterleiten. In den Akten findet sich ein Schreiben des damaligen sowjetischen KGB-Offiziers in Budapest, Bulaj, an den ungarischen Nachrichtendienstchef, Generalmajor Bogye, in dem Bulaj für die Übermittlung von drei Dokumenten Hericks Ende 1984 dankt: Dazu gehört ein Bericht über den Ost-West-Handel 1983-1984 sowie einer über die "Energiepolitik Österreichs im Rahmen der Sicherheitspolitik“.

Das Historische Archiv des ungarischen Nachrichtendienstes in der Budapester Eötvös-Straße.

Das Historische Archiv des ungarischen Nachrichtendienstes in der Budapester Eötvös-Straße.

Eindrucksvoll ist die Fülle an Material über Österreich, das der ungarische Geheimdienst allein von einem einzigen Spion in Wien sammelte und übersetzte. 45 dicke Ordner mit Berichten von Herick füllen mehrere Regale im Archiv in Budapest.

K. lieferte, was ihm unter die Finger kam: Briefe von österreichischen Botschaftern in Washington und Moskau, einen Bericht von Außenminister Leopold Gratz über österreichische Rüstungsexporte oder Dokumente der österreichischen Friedensbewegung vom Juni 1985. Wie eng die damaligen KP-Geheimdienste weltweit vernetzt waren, fand der Historiker Gecsényi anhand eines Briefs von Andreas Khol als damaligem Chef des konservativen Parteienbundes EDU (Europäische Demokratische Union) heraus, in dem er über das Regime der Sandinisten klagt. Ungarische ND-Offiziere leiteten das Schreiben umgehend an ihre Kollegen in Nicaragua weiter.

Zum Bundeskanzleramt hatte K. keinen Zugang. Die wenigen Schriftstücke zu Bruno Kreisky stammen aus dem Büro der Sozialistischen Internationale. Laut Recherchen von Gecsényi saß auch im Bundeskanzleramt ein Mitarbeiter des ungarischen Geheimdienstes. Unter dem Tarnnamen "Dr. Livingstone“ lieferte dieser jahrelang Unterlagen nach Budapest, wenn auch in weit geringerem Ausmaß als K.

"Richard hat total bescheiden gelebt“, so sein Bürokollege Franz Schäfer. "Er hat kein Auto besessen, keine teuren Reisen gemacht. Sein ganzes Interesse galt seinen Büchern und leider auch dem Alkohol.“

Dabei zeigt seine Karriere den erstaunlichen Aufstieg eines Bauhilfsarbeiters aus dem Burgenland.

K. wurde im März 1945 in Punitz bei Güssing geboren und kam 1961 als junger Hilfsarbeiter nach Wien. Er trat 1962 der SPÖ bei und heuerte im SPÖ-Zentralsekretariat an. Nun holte er Hauptschulabschluss, Handelsschule und Matura in Abendkursen nach und leitete schon ab 1965 die 20.000 Bände umfassende Karl-Marx-Bibliothek der SPÖ. Daneben begann er auch ein Studium der Geschichte, das er aber nicht abschloss.


K. und Zilk wurden nie strafrechtlich belangt.

Ein Privatleben wollten ihm seine Führungsoffiziere - sehr zum Unterschied von Helmut Zilk - nicht zugestehen. Als er 1977 eine Kellnerin heiraten will, untersagen ihm die Profi-Agenten eine Ehe, da seine Braut aus "Berufsgründen“ ein Sicherheitsrisiko darstelle.

K., der dem linken Parteiflügel der SPÖ angehörte, wurde im atheistischen "Freidenkerbund“ der SPÖ aktiv, den er nach Albrecht Konecny übernahm und von 1978 bis 1985 auch leitete. "K. war ein harmloser, netter Typ. Ich fand es rührend, wie sich die Partei um ihn bis zuletzt kümmerte“, so Konecny. K. wurde im August 1988 nach einem Herzinfarkt tot in seiner Wohnung aufgefunden. An der Feuerbestattung auf dem Wiener Zentralfriedhof nahm auch der frühere SPÖ-Zentralsekretär Fritz Marsch teil.

Der tschechoslowakische Geheimdienst, der K. unter dessen Decknamen "Voral“ in den Akten führt, streicht ihn 1988 aus der Mitarbeiter-Liste. Unter den Aktenstücken findet sich im Prager Archiv eine von K. unterzeichnete Verpflichtungserklärung, in der er zusichert, "alle Arbeiten und Aufgaben korrekt und ehrlich zu verrichten“.

Der Geheimdienst-Experte an der Universität Graz, Siegfried Beer, sieht den Fall K. als "typischen Informanten im Kalten Krieg, durchaus vergleichbar mit Helmut Zilk oder Erwin L. vom Bundespressedienst, der ähnlich lange an den tschechoslowakischen Militärgeheimdienst geliefert hat und dafür ein Jahr Kittchen ausfasste.“

K. und Zilk wurden nie strafrechtlich belangt.