Wie ein Strategiewechsel die FPÖ ins Kanzleramt bringen soll

Wie ein Strategiewechsel die FPÖ ins Kanzleramt bringen soll

Die FPÖ vergeigte die Bundespräsidentenwahl ausgerechnet in ihrer Hochburg Wien. Ein Strategiewechsel in den Städten soll den Angriff auf das Kanzleramt einläuten.

Die Stimmung, sagen Teilnehmer, war gar nicht so schlecht. Dienstagvormittag vergangener Woche hatte Heinz-Christian Strache den freiheitlichen Bundesparteivorstand zur Wahl-Nachbesprechung in den blauen Klub im Parlament gebeten. Der FPÖ-Chef dankte seinem Kandidaten Norbert Hofer, dem "Bundespräsidenten der Herzen“, für dessen Einsatz. Der "Ex-aequo-Präsident“ (Strache) wirkte an diesem Tag erschöpft - kein Wunder ob der Strapazen der vergangenen Wochen. Bei der Pressekonferenz nach der Vorstandssitzung gab Hofer freimütig zu: "Natürlich ist es nicht erfreulich, wenn man in sein Tagebuch schreibt: Heute bin ich nicht Bundespräsident geworden.“

Burgenland 61,4% - Eisenstadt 49,7%


Dass Hofer nicht Staatsoberhaupt wurde, lag an der Schwäche der FPÖ in den Städten. Und ausgerechnet im Kraftzentrum der Partei, in Wien, wurde der zum Greifen nahe Sieg vergeigt. Will die FPÖ 2018 (oder schon früher) das Kanzleramt erobern, muss sie in den Ballungszentren zulegen.

Ohne Berücksichtigung des Wiener Ergebnisses erreichte Norbert Hofer bei der Präsidentschaftswahl 52,4 Prozent der Stimmen. In Wien kam er nur auf 36,7 Prozent. Da auch der Großteil der Briefwähler aus der Bundeshauptstadt stammt, verlor er das Match gegen Alexander Van der Bellen schließlich um 31.000 Stimmen. Die Schuld muss Heinz-Christian Strache bei sich selbst suchen. Der Bundesparteiobmann ist in Personalunion auch Landesparteichef der Wiener Freiheitlichen. Die operative Führung der Wiener Blauen liegt freilich bei Johann Gudenus. Nach dem Erfolg bei der Wiener Gemeinderatswahl im Herbst 2015 stieg der 39-Jährige im Windschatten von Strache zum Vizebürgermeister auf.

Niederösterreich 52,6% - St. Pölten 43,2%


Um eine Debatte über das schwache Wien-Ergebnis erst gar nicht aufkommen zu lassen, gingen Strache und Gudenus präventiv in die Offensive. In den sozialen Medien befeuerten sie Spekulationen über Manipulationen bei der Auszählung der Briefwahlkarten. Pannen in der Ergebnisdarstellung des Innenministeriums wurden von Strache zum "Skandal“ hochstilisiert, in einem Posting auf Facebook sprach er gar von "vielen fragwürdigen Facetten“ der Stichwahl. Und Gudenus kam zum Schluss: "Da stimmt etwas nicht.“ Nach außen hin funktionierte das Ablenkungsmanöver, doch innerhalb der FPÖ wird längst über die "Städteproblematik“ diskutiert, wie Teilnehmer der jüngsten Vorstandssitzung berichten.

Steiermark 56,2% - 35,6% Graz


Nur in einem Wiener Bezirk, in Simmering, reichte es für Hofer zur Mehrheit. Paul Stadler ist dort seit Oktober 2015 blauer Bezirksvorsteher - als erster und einziger in Wien. Er führt das starke Abschneiden auf seine Performance zurück: "Die Bürger in Simmering sehen, dass die FPÖ nicht so schlecht ist, wie uns alle machen.“ Das Wiener Gesamtergebnis überraschte ihn: "Ich hätte schon damit gerechnet, dass in den Randbezirken wesentlich mehr für uns drinnen ist.“ Was denn in den übrigen Bezirken schiefgegangen sei, wollte Stadler vergangenen Dienstag von Gudenus wissen, als die beiden sich am Rande eines Begräbnisses unterhielten. Der blaue Vizebürgermeister erwiderte nur, er müsse das Ergebnis erst analysieren. Eilig hat es die Wiener FPÖ dabei nicht. Für die nächste Vorstandssitzung steht noch nicht einmal ein Termin fest.

Dabei wäre einiges zu besprechen: Zwar legte Hofer im Vergleich zum ersten Wahlgang (200.933 Stimmen) in Wien um 88.000 Stimmen zu, dennoch gelang es der FPÖ nicht, ausreichend zu mobilisieren. So lag die Wahlbeteiligung in den Van-der-Bellen-affinen Bezirken wie der Josefstadt (79,4 Prozent) oder dem bürgerlichen Hietzing (76,5 Prozent) deutlich höher als in der Hofer-Hochburg Simmering (65 Prozent).

Wien 36,7%


Vielleicht ist der FPÖ auch nur die Luft ausgegangen. Seit beinahe einem Jahr befindet sich die Wiener Landespartei im Dauerwahlkampf. Die Funktionäre seien etwas ausgelaugt, sagt Landesparteisekretär Anton Mahdalik, der das Ergebnis "gar nicht so schlecht“ findet. Mahdalik bekennt, "dass wir in einigen Bezirken etwas machen müssen, weil wir da bei den Wählern nicht so landen, wie wir es in den Flächenbezirken tun“. Wie das gelingen kann, weiß der Parteimanager selbst noch nicht. Allzu scharfen Imagekorrekturen erteilt er jedenfalls eine Absage: "Wir können jetzt sicher nicht beliebig werden und die Bobos bedienen.“

Oberösterreich 48,7% - Linz 37,2%


Je größer die Kommune, desto schwächer schnitt Hofer ab. In den Landeshauptstädten erreichte er im Schnitt nur 41,5 Prozent. In Klein- und Mittelstädten (über 3500 Wahlberechtigte) kam er auf 53 Prozent, in mittleren und größeren Gemeinden (2000 bis 3500 Wahlberechtigte) auf 57 Prozent, in Klein- und Kleinstgemeinden (bis 2000 Einwohner) auf 60 Prozent. Van der Bellen siegte in allen Landeshauptstädten, sogar in Eisenstadt, der Hauptstadt von Hofers Heimatbundesland.

Salzburg 52,8% - Salzburg Stadt 41,1%


Besonders deutlich zeigt sich das Stadt-Land-Gefälle auch in Oberösterreich. Während Hofer im Bezirk Wels-Land mit 53,1 Prozent deutlich gewann, blieb er in der Stadt Wels mit 49,5 Prozent hinter Van der Bellen. Bürgermeister von Wels ist seit dem Vorjahr ein Freiheitlicher. Und im Land Oberösterreich regiert die FPÖ nach ihrem Erfolg bei den Landtagswahlen 2015 (30,4 Prozent) in einer Koalition mit der ÖVP von Landeshauptmann Josef Pühringer. Trotz der strukturellen blauen Stärke lag Van der Bellen bei der Stichwahl in Oberösterreich sogar überdurchschnittlich voran. Dafür macht Landesparteiobmann und Landeshauptmann-Stellvertreter Manfred Haimbuchner seinen Koalitionspartner verantwortlich: "Das ÖVP-Establishment hat sich auf die Seite von Van der Bellen gestellt und unter der Hand für ihn geworben. Es gab ein rot-schwarz-grünes Bündnis gegen Norbert Hofer.“ Und da dies auch die Farben der dortigen Landesflagge sind, spricht Haimbuchner gern von einem "Afghanistan-Kartell“.

Die freiheitlichen Spitzen sind bemüht, das Ergebnis trotz knapper Niederlage als "historisch“ zu feiern und die enttäuschte Basis mit Kampfansagen für kommende Aufgaben aufzumuntern. Der Tiroler FPÖ-Obmann Markus Abwerzger erhofft sich für die Landtagswahlen im Jahr 2018 "einen Riesenschwung“. Aber auch Abwerzger sieht bis dahin "Aufholbedarf in den Städten“. Abwerzger: "Dazu muss man kein Hellseher sein.“

Kärnten 58,1% - Klagenfurt 47,7%


Auch der demografische Wandel bedroht den blauen Erfolgslauf. Gerade in Gebieten, in denen Hofer gute Ergebnisse einfahren konnte, etwa in der Mur-Mürz-Furche oder im nördlichen Waldviertel, wird die Bevölkerung laut Statistik Austria bis zum Jahr 2030 um bis zu zehn Prozent schrumpfen. In den Ballungsräumen, wo Van der Bellen punktete, werden Wachstumsraten von bis zu 20 Prozent prognostiziert. Dort wohnen überdurchschnittlich viele Besserverdiener und Höhergebildete, die grün und nicht blau wählen.

Vorarlberg 41,4% - Bregenz 40,6%


Neben den Städten schwächelte Hofer auch bei jenen Wählern, die im ersten Durchgang Irmgard Griss gewählt hatten. Deren indirekte Wahlempfehlung dürfte Norbert Hofer geschadet haben: Zwei Drittel der Griss-Wähler stimmten für Van der Bellen. Dass sich mit Wilhelm Molterer einer der engsten Vertrauten von Wolfgang Schüssel für Van der Bellen aussprach, wird wohl auch so manchen Schwarzen beeindruckt haben.

Vor der Wahl hatte die FPÖ die Grundsatzentscheidung getroffen, Hofer als Parteikandidaten zu vermarkten. Der Wahlkampf entsprach im Design den gewohnten blauen Kampagnen. Im ersten Durchgang ging die Taktik voll auf. Für eine Adaptierung der Strategie sah Wahlkampfleiter Herbert Kickl allerdings keinen Grund.

Tirol 48,6% - Innsbruck 36,9%


Dass Hofer keine Signale der Überparteilichkeit sendete, könnte ihn die entscheidenden Zehntelpunkte gekostet haben. Zum einen erwartet sich die Mehrheit der Österreicher vom Staatsoberhaupt kategorische Unabhängigkeit. Und zum anderen half Hofers eindeutiges FPÖ-Bekenntnis dessen Gegnern bei der Mobilisierung. 52 Prozent der Van-der-Bellen-Wähler gaben laut einer Untersuchung der Politikwissenschafter Franz Sommer und Fritz Plasser als Wahlmotiv an, mit ihrer Stimme Hofer verhindern zu wollen. Unter diesen 52 Prozent lehnte eine deutliche Mehrheit Hofer allein deswegen ab, weil er der FPÖ-Kandidat war. Andere Vorbehalte wie Hofers Amtsverständnis oder dessen Strache-Nähe wirkten schwächer.

Überdies kam der FPÖ vor dem zweiten Durchgang ihr erfolgreichster Wahlkampfschlager abhanden. Fritz Plasser: "Das Flüchtlingsthema spielte bei der Stichwahl sicher nicht die gleiche dominante Rolle wie beim ersten Wahlgang.“