Stadthallenbad: Familiäre Verflechtungen bei Sanierung

Stadthallenbad: Familiäre Verflechtungen bei Sanierung

Mit dreijähriger Verspätung wurde das Stadthallenbad wieder eröffnet. Der Bauskandal davor verlief nach klassischer Wiener Mischung: auffällige Vergaben, Freunderlwirtschaft, ein Hauch Family-Business.

Bloß keine Wellen: Ohne Spitzenpolitiker und Manager wurde das generalsanierte Wiener Stadthallenbad vergangenen Montag – mit dreijähriger Verspätung – wieder eröffnet. Ein „soft opening“ nannte es Leiterin Sandra Hofmann. Das planmäßige Opening im Winter 2012 war noch im Tschinderassa-Modus abgelaufen. Sportstadtrat Christian Oxonitsch, SPÖ, und Peter Hanke, Chef der Stadthallen-Eignerin Wien Holding, hatten beim Vorab-Medientermin für die Fotografen lässig auf dem Zehn-Meter-Turm posiert. Ihr Pech: Reporter entdeckten beim Rundgang Pfützen und berichteten über das Beckenleck im „Tröpferlbad“ – das schließlich für weitere Sanierungen bis zur Vorwoche geschlossen bleiben musste: „Ein Fehler des Generalplaners“, wie Hofmann beharrlich behauptet (profil 25/14).

Mittwoch vergangener Woche trafen die Kontrahenten am Wiener Handelsgericht aufeinander. Der Generalplaner, der Wiener Architekt Georg Driendl, fordert die Zahlung ausstehender Honorare in Höhe von 860.000 Euro. Die Stadthallen-Betriebsgesellschaft konterte relativ robust mit Schadenersatzforderungen in Höhe von acht Millionen Euro.

Abseits der Schuldfrage zeigen profil vorliegende Unterlagen die üblichen Zutaten einer Bauaffäre nach klassischer Wiener Mischung: auffällige Vergaben, Freunderlwirtschaft und sogar ein Hauch Family-Business. Und die Verantwortung dafür liegt weniger beim Generalplaner als bei der Bauherrin Gemeinde Wien.

In ihren Schriftsätzen machen Driendls Anwälte der Wiener Kanzlei Pflaum/Karlberger/Wiener/Opetnik die örtliche Bauaufsicht für Verzögerungen verantwortlich. Den Zuschlag für die Bauaufsicht hatte eine Arbeitsgemeinschaft des Architekturbüros RRP und der Ziviltechniker Kreiner & Partner erhalten. Horst Jäger, Geschäftsführer von RRP: „Eine örtliche Bauaufsicht führt nicht aus und kann daher keine Schäden produzieren, gleiches gilt für Verzögerungen.“

Das von der Stadthallen-Betriebsgesellschaft durchgeführte Vergabeverfahren für die Bauaufsicht verlief freilich unter merkwürdigen Begleiterscheinungen, wie ein Bericht des Wiener Kontrollamts (seit 2014: „Stadtrechnungshof“) aus dem Jahr 2012 zeigt. Darin kritisieren die Prüfer, RRP und Kreiner & Partner hätten ihr Angebot im Verlauf der Ausschreibung von ursprünglich 615.000 Euro auf 342.000 Euro reduziert. Originalzitat: „Die Reduzierung des Angebotspreises um immerhin 44 Prozent war insofern nicht plausibel, als diese kalkulatorisch hauptsächlich durch eine erhebliche Verringerung der Stundenanzahl der Bauaufsichtsorgane begründet wurde, die Bietergemeinschaft andererseits in ihrem Last and final offer (abschließendes Angebot im Vergabeverfahren, Anm.) eine Ausweitung der Anwesenheitspflicht der Aufsichtsorgane auf der Baustelle zugesichert hatte.“ Dieses organisatorische Kunststück – Preisreduktion durch Verringerung der Anwesenheitsstunden bei simultaner Garantie einer Präsenzausweitung – besaß laut Kontrollamt „spekulativen Charakter“. Aber es wirkte: Die Arge wurde schließlich mit knappem Punktevorsprung als Bestbieterin ermittelt.

Nicht zum ersten Mal, wie das Kontrollamt festhält: „Eines der beiden Ziviltechnikerbüros der genannten Bietergemeinschaft war von der Wiener Stadthalle in der Vergangenheit bereits mehrfach mit diversen Planungs- und Baumanagementleistungen beauftragt worden.“ So war RRP auch in die Modernisierung des Happel-Stadions vor der Fußball-EM 2008 involviert.
Wien Holding-Chef Hanke verteidigt das Vergabeverfahren: „Die Stadthalle hat das Projekt EU-weit ausgeschrieben und das Verfahren über eine darauf spezialisierte Kanzlei abgewickelt. Zwei Anwaltskanzleien haben die Rechtmäßigkeit dieses Vorgehens bestätigt.“ Horst Jäger begründet den rapiden Preissturz mit einem Irrtum: „In der Ausschreibung waren Leistungen angeführt, die wir zuerst falsch eingeschätzt und kalkuliert haben. Nach einem Aufklärungsgespräch, so wie es das Vergabegesetz vorsieht, haben wir die Leistungen dann nochmals neu kalkuliert. Wir arbeiten seriös.“

Bemerkenswerte Verbindungen existierten freilich zwischen Jäger und dem damaligen technischen Direktor der Stadthalle, Helmut Jerabek. Dieser fungierte neben seinem Hauptjob auch als Geschäftsführer der Vienna Technology, Transfer Corporation (VTCC). Das Unternehmen, an dem RRP eine Beteiligung hielt und die Wien Holding noch immer hält, vermarktet Know-how städtischer Unternehmen im Ausland (etwa eine Studie für eine Biogasanlage in Zagreb), ­wickelt aber auch Projekte in der Bundeshauptstadt ab. So rühmt man sich im ­Geschäftsbericht, die wintertaugliche Überdachung des 50-Meter-Beckens im Stadionbad in Form einer Traglufthalle konzipiert zu haben. Was unerwähnt bleibt: Die dauerhafte Überdachung des Freibeckens war erst durch die Verzögerungen bei der Sanierung des Stadthallenbads notwendig geworden, um ein Ausweichquartier für Wiens Schwimmsport-Elite zu schaffen.

Im Aufsichtsrat der VTCC vertrat Horst Jäger seine RRP höchstpersönlich. Dass Jäger als Aufsichtsrat und Gesellschafter einerseits seinen Geschäftsführer Jerabek kontrollierte, während andererseits Jerabek als Stadthallen-Direktor Jägers ­Firma beschäftigte, irritierte auch das Kontrollamt. Wien-Holding-Chef Hanke: „Jerabek übernahm diese Funktion aus Syn-ergiegründen. Es gab keine Interessenskollision. Damit aber nicht einmal der ­Anschein davon entsteht, haben wir ihn abgezogen.“

Auch in eigener Sache schließt Hanke Interessenskollisionen aus: Auf einer profil vorliegenden offiziellen Liste gemäß Bauarbeitenkoordinationsgesetz der an der Stadthallenbad-Sanierung beteiligten Firmen scheint auch eine Voitl & Co GesmbH auf. Das Wiener Bauunternehmen gehört zum Firmenimperium des Großunternehmers und Investors Georg Stumpf. Dessen Vater hatte einst die Stadthalle und das ORF-Zentrum nach den Plänen von Roland Rainer erbaut. Stumpf junior, Errichter des Millennium Tower am Wiener Handelskai, gilt als bestens vernetzt in den wirtschaftlichen und politischen Eliten der Bundeshauptstadt.

Geschäftsführerin der Voitl Baugesellschaft ist seit 2010 Sabine Hanke. In Abständen tauchen Name und Foto von Hanke auf den Society-Seiten der Boulevardzeitungen auf, freilich in der für eine erfolgreiche Managerin eher undankbaren Rolle als Gattin. Denn Hankes Ehemann ist Kommerzialrat Peter Hanke, seit 2002 Geschäftsführer der Wien Holding mit entsprechend intensiven gesellschaftlichen Repräsentationspflichten.

Hanke-Family-Business liege beim Stadthallenbad selbstverständlich keines vor, sagt der Wien-Holding-Chef, nebenbei auch Aufsichtsratsvorsitzender der Stadthallenbad-Betriebsgesellschaft. Hanke: „Es gab in keiner Art und Weise irgendeine Beeinflussung der Ausschreibungen durch mich oder durch die Wien Holding. Bei der Ausschreibung, die durch den Generalplaner Driendl erfolgt ist, war die Firma Artbau Bestbieter. Artbau wurde vom Büro Driendl der Stadthallen-Geschäftsführung vorgeschlagen. Voitl ist kein Auftragnehmer der Stadthalle, sondern Subunternehmer der Firma Artbau.“

Dass weder Politik noch er selbst die Eröffnung des Stadthallenbads vergangene Woche beehrten, erklärt Hanke mit Hinweis auf die womöglich falsch zu verstehende Außenwirkung: „Erfreulicherweise ist das Stadthallenbad wieder geöffnet. Nachdem das Bad aber so lange gesperrt war, gibt es nichts zu feiern."