Steyr-Arms-CEO Šlapák: „Eine Waffe schützt und verteidigt“
Jagdwaffen sind wie „Familiensilber“, sagt Milan Šlapák, Geschäftsführer von Steyr Arms. Ein Interview über die Besonderheit eines österreichischen Gewehrs, an der Bürokratie gescheiterte Exporte und schärfere Gesetze.
Das ist mittlerweile eine ziemlich intime Frage. Ja, ich habe eine Waffe.
Wofür?
Milan Šlapák
Ich habe vor drei Jahren einen Jagdkurs begonnen. In Tschechien ist das streng reguliert, also hat es ein Jahr gedauert, bis ich die Jagdlizenz bekommen habe. Mein Jagdgewehr ist natürlich von Steyr. Und ich habe eine Steyr A2 Pistole als Sportschütze – auch wenn mir dafür die Zeit fehlt.
Ist das ein kleiner Angriff auf den Pistolenhersteller Glock?
Milan Šlapák
Es ist eine andere Zielgruppe als die typische Glock.
Wenn man in Österreich einen Waffenführerschein macht, bekommt man in der Regel eine Glock in die Hand gedrückt.
Milan Šlapák
Das ist ähnlich wie in Tschechien, dort bekommt man eine CZ-75 bei Trainings und Prüfungen.
Also könnte künftig eine Steyr-Pistole die Einstiegswaffe am Schießstand sein?
Milan Šlapák
Das könnte sein.
Warum hat die tschechische RSBC Investment Gruppe 2024 Steyr gekauft?
Milan Šlapák
Das war eine strategische Entscheidung. RSBC besitzt bereits seit 2017 den slowenischen Pistolenproduzenten Arex. Dann griff Russland 2022 die Ukraine an, und die geopolitische Lage änderte sich deutlich. Wir haben erkannt, dass das keine Marktblase ist, sondern ein Branchentrend, der zehn, wahrscheinlich eher 15 Jahre lang anhalten wird. Als wir dann erfahren haben, dass es eine Möglichkeit gibt, Steyr zu übernehmen, haben wir sie ergriffen. Unser Ziel ist es, zu einem globalen Spieler zu werden. In Europa kennt jeder Steyr. Und außerhalb Europas haben wir jetzt eine Marke, auf die wir aufbauen können.
Wenn man in Europa über Steyr-Produkte redet, denken Leute an die höchste Qualität. Ich wusste das zuvor gar nicht, aber es gibt wirklich viele Jagdgewehre – und die werden in vielen Familien noch immer von Generation zu Generation weitergegeben. Sie sind Teil des Familiensilbers und für ihre Präzision und Verlässlichkeit bekannt. Am Ende des Tages kommt es auf die Qualität des Laufes an. Und da ist Steyr einfach am besten. Außerdem wird Steyr mit Innovation verbunden.
In den USA sind Steyr-Gewehre bei den meisten Familien noch nicht seit Generationen bekannt. Wie wollen Sie dort Fuß fassen?
Milan Šlapák
Wir haben einen ehemaligen CEO der US-Niederlassung eines der größten Verteidigungsunternehmens, Heckler & Koch, für Steyr Arms USA eingestellt. Und wir haben das Verkaufsteam in den USA vergrößert. Aber wir arbeiten auch am Produkt: Die alten Eigentümer arbeiteten mit dem Prinzip „one size fits all“. Was für österreichische Schützen passte, musste für alle passen. Aber der US-Markt ist sehr spezifisch. Daher binden wir jetzt das amerikanische Team stärker in unser Produktdesign ein. Damit wir die beste Waffe garantieren können, wird der Lauf aber immer aus Österreich kommen.
Sie könnten auch nur den Lauf an andere Produzenten verkaufen, die dann zum Beispiel in den USA Waffen mit Steyr-Lauf anbieten.
Milan Šlapák
Das ist ein möglicher Wechsel im Geschäftsmodell. Arex hat sein Geschäftsmodell als Zulieferer sehr erfolgreich diversifiziert. Das wäre auch für Steyr eine Möglichkeit, um zu erweitern und zu diversifizieren.
Werden Sie diese Möglichkeit mit Steyr ergreifen?
Milan Šlapák
Ja.
2023 gewährte Österreich ein Drittel aller EU-Lizenzen für den Export kleinkalibriger Waffen. Überrascht Sie dieser Wert?
Milan Šlapák
Die größten Exporteure dafür sind Deutschland, Österreich und Tschechien. Also ja, das klingt richtig.
Was ist besonders an einer Waffe „Made in Austria“?
Milan Šlapák
Die gute alte österreichische Kalthammer-Schmiedetechnik ist echt ein Verkaufsargument. Dadurch stellt niemand die Qualität infrage. Es ist nicht billig, aber jeder weiß, dass die Waffe immer funktioniert.
Wenn eine Waffe funktioniert, kann sie drei Dinge tun: zerstören, verletzen oder töten. Haben Sie da eine besondere Verantwortung als Waffenhersteller?
Milan Šlapák
Ich würde eine weitere Kompetenz der Waffe hinzufügen: Sie schützt und verteidigt. Auch im Kontext der geopolitischen Situation und der inneren Sicherheit in vielen Ländern. Wir sehen uns als Teil einer Industrie, die es ermöglicht, Freiheit und Demokratie zu verteidigen.
Wie wirkt sich der russische Angriffskrieg auf die Ukraine auf Steyr aus?
Milan Šlapák
Der direkte Effekt ist für uns inexistent. Weder Österreich noch Slowenien erlauben Waffenexporte an Länder, in denen ein militärischer Konflikt herrscht. Daher beliefern weder Steyr noch Arex diese Regionen. Aber Russlands Angriff und die geopolitische Unsicherheit waren ein Impuls, der die EU dazu gebracht hat, mehr für die Verteidigungsindustrie auszugeben. Wir spüren diesen Effekt noch nicht, wegen der fehlenden Geschwindigkeit, mit der Europa agiert. Ich würde vermuten, dass er ab der zweiten Hälfte 2026 eintritt.
Eigentlich wollte ich fragen, ob Europa die Aufrüstung verschlafen hat. Aber dann muss ich wohl eher fragen: Verschläft Europa die Aufrüstung immer noch?
Milan Šlapák
Es gibt Länder, die das Risiko erkannt haben. Aufgrund meiner Verschwiegenheitspflichten kann ich nicht sagen, welche das sind. Aber wir sehen, dass Länder, die an Russland oder Belarus grenzen, viel aktiver sind. Die reden nicht nur, die handeln. Polen hat eine der am besten ausgerüsteten Armeen in Europa. Auch Westeuropa hat verstanden, dass es Zeit ist, etwas zu ändern. Aber die dafür notwendigen regulatorischen, legislativen und budgetären Veränderungen werden eine Weile brauchen.
Hat Europa die industriellen Kapazitäten, um schnell aufzurüsten?
Milan Šlapák
Bei manchen Technologien und Materialien wird Europa von anderen Ländern, sei das Israel oder die USA, abhängig bleiben. In anderen, zum Beispiel bei Komponenten wie Chips, könnte Europa in den nächsten fünf bis zehn Jahren seine Abhängigkeiten reduzieren. Produktionskapazitäten selbst kann man im besten Fall um ein Viertel pro Jahr steigern. Denn auf neue Maschinen warten wir mitunter neun Monate bis zu einem Jahr.
Sie haben nun etwas Produktionskapazität offen, da ein Liefervertrag von 8000 StG77-Sturmgewehren nach Tunesien an der österreichischen Bürokratie gescheitert ist. Was ist da schiefgelaufen?
Ich verstehe die Frage, aber das kann ich nicht kommentieren, weil der Vertrag der Verschwiegenheit unterliegt und wir uns prinzipiell zu Interaktionen mit Behörden nicht äußern. Das sollten die zuständigen Beamten beantworten.
Bei einem anderen Exportauftrag warten Sie noch auf die Genehmigung: Sie wollen Scharfschützengewehre an den Irak liefern. Warum gibt es hier noch keine Entscheidung?
Milan Šlapák
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Wir haben weder eine Bewilligung noch eine Ablehnung erhalten und warten immer noch auf eine Entscheidung.
Ist das ein systematisches Problem?
Milan Šlapák
Derzeit sind in Österreich vier Ministerien für Exportgenehmigungen zuständig. In den meisten anderen Ländern ist es eines. Das wäre aus meiner Sicht schneller und transparenter.
Würde es Jobs hier in Österreich gefährden, wenn Sie diesen Auftrag auch nicht erhalten?
Milan Šlapák
Eine Verlagerung der Produktion aus Österreich ist derzeit kein Thema für uns. Die USA haben einen fünf Milliarden Dollar schweren Markt für kleinkalibrige Waffen. Steyr bewegt sich dort mit zehn Millionen Dollar Umsatz in der Größenordnung eines Rundungsfehlers. Wir wollen diesen Wert bis Ende 2027 auf 30 Millionen Dollar verdreifachen. Und im zweiten Halbjahr müssen wir doppelt so viel produzieren wie in der ersten Hälfte. Also nein, eine Produktionsverlagerung ist derzeit kein Thema. Es könnte 2026 oder 2027 ein Thema werden.
Laut Medienberichten mussten Sie wegen den gescheiterten Exportaufträgen bereits 30 Personen kündigen.
Milan Šlapák
Die Kündigungen hatten damit nichts zu tun. Wir haben diese im September 2024 als Folge der Übernahme und der nötigen Redimensionierung des Unternehmens ausgesprochen. Das war weit vor den ersten Gesprächen über diese Exportlizenzen. Jetzt haben wir zwischen zehn und zwölf offene Stellen und suchen nach sehr spezialisierten Personen.
Sie wollen sich auf den US-amerikanischen Markt konzentrieren, aber auch in Österreich kaufen immer mehr Privatpersonen Waffen. Ist das auch ein Segment, auf das Sie zielen?
Milan Šlapák
Der große Vorteil der USA ist, dass es ein echter „Single Market“ (Binnenmarkt, Anm.) ist. Man braucht ein Zertifikat und kann Produkte an 300 Millionen Menschen verkaufen. In der EU haben wir nicht wirklich einen „Single Market“. Aber auch wenn es hier etwas komplizierter ist, ist Europa natürlich ein sehr interessanter Markt, vor allem für Jagd, Sport und persönlichen Schutz.
Österreichs Regierung will das Waffengesetz nach dem Amoklauf in Graz verschärfen. Sehen Sie darin ein Geschäftsrisiko?
Milan Šlapák
Es ist gut, wenn die Regeln strenger werden. Alles, was die Sicherheit erhöht, ist gut. Was ich empfehlen würde, ist ein stärkerer Datenaustausch. In Prag hatten wir im Dezember 2023 einen sehr tragischen Amoklauf an der Universität. Der Täter besaß mehrere Waffen legal. Gleichzeitig bezog er aber psychologische Hilfe. Also man hätte wissen können, dass hier ein hoch bewaffnetes Individuum ernsthafte mentale Probleme hatte. Aber diese Systeme waren nicht vernetzt. Im Zeitalter von künstlicher Intelligenz sollte hier ein automatischer Abgleich – natürlich im Rahmen des Datenschutzes – stattfinden, um potenzielle Warnsignale zu erkennen.
Also würden Sie lieber Waffen an weniger Menschen verkaufen?
Milan Šlapák
Ich vertrete einen Waffenhersteller. Ich designe, produziere und verkaufe die Waffen. Dann braucht es über mir eine unabhängige staatliche Kontrolle, die prüft, wer eine Waffe besitzen und nutzen darf.
Könnten Sie nicht auch selbst prüfen, an wen Sie verkaufen?
Milan Šlapák
Wir haben keine Möglichkeiten, die Menschen zu überprüfen. Und ich bin froh, dass ich keinen Zugriff auf Krankenakten oder Ähnliches habe. Damit würde man eine Büchse der Pandora öffnen. Überhaupt sollten sich Waffenhändler nicht selbst kontrollieren. Das soll eine unabhängige Stelle machen.
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Max Miller
ist seit Mai 2023 Innenpolitik-Redakteur bei profil. Schaut aufs große Ganze, kritzelt gerne und mag Grafiken. War zuvor bei der „Kleinen Zeitung“.