Alexandra Szihn mit einem afghanischen Lehrling, der bald fix angestellt ist.

© Szihn Brot

Österreich
06/16/2021

Streit um Bäckerei-Gehalt: Sind Sie eine Ausbeuterin, Frau Szihn?

Bei 160.000 Arbeitslosen in Wien findet eine Bäckerei in Liesing seit vier Monaten kein Verkaufspersonal. Auf Social Media war man sich rasch einig: Die Gehälter sind schuld. Was die Chefin dazu sagt.

von Clemens Neuhold

profil: Wie viel verdient man bei der Bäckerei Szihn?

Alexandra Szihn: Im Verkauf zu Beginn 1570 Euro brutto im Monat. Plus 50 Prozent Zulage für die Zeit zwischen fünf und sechs Uhr Früh und 100 Prozent Zulage für Sonntagsarbeit. Langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bekommen deutlich mehr - plus einige Goodies.

profil: Der Kollektivvertrag ist das Minimum. Warum zahlen Sie nicht von Beginn an mehr?

Szihn: Wenn jemand gut arbeitet, kann man über höhere Gehälter reden. Aber ich möchte im Probemonat zuerst sehen, wie zuverlässig jemand ist. Um das zu veranschaulichen: Ein Mädchen, das sich neulich beworben hat, war eine Woche da, davon einen Tag vier Stunden zu spät, dann ging sie in den Krankenstand. Ich will mir zuerst anschauen, ob das was wird mit neuem Personal.

profil: Die Chefin der Neos, Beate Meinl-Reisinger, hat auf Twitter ein Inserat der Bäckerei Schwarz gepostet mit 2000 Euro Anfangsgehalt.

Szihn: Achtung: Da geht es um gelernte Bäcker. Die fangen auch bei uns mit einem Gehalt über 2000 Euro an. Das entspricht dem Kollektivvertrag. Wir zahlen durchschnittliche Gehälter – (sie liest das Inserat einer namhaften Bäckerei-Kette vor, die ebenfalls 1570 Euro für den Verkauf anbietet). Und wenn sie sich die Anfangslöhne für Zahnarztassistenten oder Sekretariatstätigkeiten anschauen, sehen Sie, dass Bäckerei-Gehälter nicht am Ende der Fahnenstange angesiedelt sind.

profil: Aber in einer Bäckerei muss ich sechs Tage die Woche arbeiten und teils um fünf Uhr in der Früh beginnen.

Szihn: Der Kunde will ab sechs Uhr sein frisches Brot kaufen, nicht erst ab neun Uhr, das kann ich nicht ändern. Außerdem haben sie nach der Frühschicht am Nachmittag frei. Nicht jeder ist ein Langschläfer. Bei der Spätschicht sind sie um 19 Uhr fertig. Das ist ein Vorteil gegenüber der Gastro, die bis Mitternacht gehen kann. Dafür gibt es in der Gastro Trinkgeld, das gibt es bei uns nicht. Deswegen haben uns manche Mitarbeiter nach Ende des Gastro-Lockdowns wieder verlassen.

profil: Trotzdem nicht sehr familienfreundlich, die Arbeitszeiten. Warum suchen Sie nicht Teilzeit?

Szihn: Tun wir! Aber von Teilzeitgehältern können die Menschen ja erst recht nicht leben.

profil: Was muss man können für den Job?

Szihn: Man muss den Job wollen und mit den Kunden auf Deutsch reden können. Sonst kann man alles lernen. Es reicht ein Pflichtschulabschluss.

profil: In Wien gibt es 130.000 Arbeitslose und 30.000 in Kursen, ein guter Teil hat nur Pflichtschulabschluss. Ihr Job kommt für diese Arbeitsuchenden also in Frage. Schickt ihnen das AMS keine Bewerber?

Szihn: Oja. Mit einer Bewerberin über das AMS schaut es gut aus. In der Vorauswahl waren acht.

profil: Was ist eine Vorauswahl?

Szihn: Wenn ich ein Inserat offen ins AMS-System reinstelle, wollen sich viele nur ihren Stempel abholen. Da machen wir nicht mehr mit. Das AMS trifft für uns eine Vorauswahl. Wir kontaktieren diese Personen dann.

profil: Was war mit den anderen sieben?

Szihn: Die waren gar nicht vorstellen. Manche waren nicht erreichbar, andere meinten, 20 Minuten Anreise mit dem Auto aus Niederösterreich sei ihnen zu weit oder das Auto ist gerade kaputt. Das melden wir dem AMS dann zurück.

profil: Nehmen Sie auch männliche Flüchtlinge im Verkauf?

Szihn: Natürlich. Wir haben einen afghanischen Mitarbeiter im Verkauf.

profil: Wie viele Bewerber haben Migrationshintergrund?

Szihn: 80 Prozent. Zuletzt waren es viele Syrer oder Afghanen. Aber auch Pendler aus Ungarn oder Serben werden vorstellig. Türken arbeiten eher in türkischen Bäckereien oder Supermärkten, was ich verstehe.

profil: Und wie ist das Deutsch der Bewerber?

Szihn: Ganz unterschiedlich. Manche sind zwar offiziell auf Sprachniveau B1, verstehen mich aber kaum. Andere können nur A2 vorweisen, tun sich aber viel leichter. Bei Bewerbern vom Balkan, die hier geboren sind, wundere ich mich oft über das schlechte Deutsch.

profil: Zurück zur Lohndebatte. Auf Social Media herrschte die Meinung vor: Wer soll sich diesen Job um dieses Gehalt antun? Sie wurden sogar als Ausbeuterin bezeichnet. Wie geht es Ihnen damit?

Szihn: Vom Gehalt kann ich nicht leben, aber vom Arbeitslosengeld schon? Das ist nicht logisch. Ich sehe mich natürlich nicht als Ausbeuterin. Ich bin nur so aufgewachsen, dass man Leistung bringen muss und sich so Gehaltserhöhungen verdient.

profil: Warum verlangen Sie nicht mehr für die Ware, um bessere Löhne zu zahlen?

Szihn: Brot darf kein Luxusprodukt werden. Dann wird alles teurer, und die Menschen haben weniger in der Brieftasche. Was die Kritiker noch gerne übersehen: Ein Mitarbeiter kostet mich wegen der Lohnnebenosten viel mehr als das Gehalt in der Job-Annonce – gerne würden wir einen Anteil der Lohnnebenkosten, so sie gesenkt würden, an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weitergeben.

profil: Wie könnte man die Lohnnebenkosten senken, was ist ihr Vorschlag?

Szihn: Wenn mehr Arbeitslose Jobs annehmen, die am Markt angeboten werden, müssten wir weniger in die Sozialtöpfe einzahlen und die Lohnnebenkosten könnten sinken.

profil: Man könnte das Spiel von Angebot und Nachfrage auch umdrehen: Wenn sie höhere Löhne anbieten, bekommen sie mehr Nachfrage von Bewerbern.

Szihn: Die so argumentieren, übersehen einen wesentlichen Punkt: In der reinen Marktlogik fehlt der Sozialstaat, der Menschen auffängt, die nicht arbeiten können oder wollen. Nicht das ich mir das wünsche, ich finde unseren Sozialstaat gut: Aber in Amerika bliebe ihnen keine Wahl, als Jobs, die in Frage kommen, anzunehmen.

profil: Begonnen hat alles mit einem Ö1-Beitrag am Montag. Dann stellte „profil“ ihren Fall auf Twitter zur Debatte und auch die Gratiszeitung „Heute“ griff ihn auf. Was ist seither passiert?

Szihn: Seither kommen laufend Bewerbungen rein. Auch von Betreuern, die Flüchtlingen helfen, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Alleine heute haben sich zwölf Personen über die Homepage beworben.

profil: Und die wären alle bereit, für das Gehalt zu arbeiten?

Szihn: Offensichtlich ja.

profil: Es braucht einen Medienbericht, dass sich Leute melden? Da stimmt doch etwas nicht.

Szihn: Früher hat man in einer Handvoll Printmedien Inserate geschaltet. Jetzt gibt es so viele Kanäle, sodass manche den Überblick verlieren. Aber alle sind auf Social Media. Und dann lesen sie diese Stories.

profil: Frau Szihn, danke für das Gespräch.

 

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