Bauer sucht Politik

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Bauer sucht Politik: Staffel II, Folge 4
02/26/2022

Tanner Gold; Karner Silber; Brunner Bronze

Vier Minister feiern die Helden von Peking in der Hofburg. Für Werner Kogler bleibt nur Blech.

von Gernot Bauer

Satire – selbst wenn sie schlecht ist – darf bekanntlich alles, also auch in schwierigen Zeiten erscheinen. Daher will der „Bauer-sucht-Politik“-Reporter an dieser Stelle seine Eindrücke von einem bemerkenswerten Event schildern. Es fand am vergangenen Dienstag statt, dem, wie ein Blick auf den Kalender zeigt, 22. Februar des heurigen Jahres.  „22. Februar des heurigen Jahres“ liest sich weit weniger spektakulär als „22.02.2022“. Für einige Regierungsmitglieder war dieser Dienstag tatsächlich ein Spektakel. Es soll ihnen vergönnt gewesen sein, denn 48 Stunden später saßen sie bereits in Krisenkabinetten oder nationalen Sicherheitsräten. Es ist nicht immer leicht, Minister zu sein.

Vergangenen Dienstag war das Minister-Dasein umso schöner. Das Österreichische Olympische Comité (ÖOC) hatte zum Empfang für die Medaillengewinner von Peking in den prächtigen Zeremoniensaal der Wiener Hofburg geladen. Ein wahrlich würdiger Rahmen: Wie die Website der Hofburg informiert, steht der Zeremoniensaal „für imperiales Flair par excellence“ und „majestätische Schönheit“, ist also genau der richtige Platz, wenn die Republik ihre Helden ehrt. Wo früher Habsburger feierten, tun das jetzt unsere Ski-Kaiserinnen und -Kaiser. Durch die Veranstaltung führen zwei Sportreporter des ORF, offiziöser Medienpartner des ÖOC.

Mothl im Gehirn

Normalerweise sitzen politische Honoratioren in der ersten Reihe, diesmal müssen sie in die zweite. Ganz vorn sitzen die Medaillengewinner. Es zeigt sich ein neurowissenschaftlich interessantes Phänomen. Obwohl man die Sportstars hundertfach im Fernsehen gesehen hat, erkennt man sie nicht gleich, etwa Matthias Mayer. Es liegt am Setting. Wenn hinter dem Mothl kein verschneiter Berg steht, sondern Verteidigungsministerin Klaudia Tanner, kommt das eigene Hirn nicht so schnell mit. Neben Tanner sind zur Feier auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Innenminister Gerhard Karner und Finanzminister Magnus Brunner erschienen. Und einen hätte der profil-Reporter in der Aufzählung fast vergessen: den Sportminister. Werner Kogler huscht lautlos und komplett unmajestätisch in den Saal. Es hat in der Geschichte der Zweiten Republik keinen weniger eitlen Vizekanzler gegeben. Beim Gruppenfoto mit den Olympioniken am Ende der Veranstaltung wird Kogler nur am Rand stehen, Tanner und Karner natürlich in der Mitte.

Was bisher niemand wusste: Es gab bei Olympia nicht nur den offiziellen internationalen Medaillenspiegel, sondern auch einen ÖVP-internen. Im Wettbewerb standen Verteidigungs- (Tanner), Innen- (Karner) und Finanzministerium (Brunner). Alle drei Ressorts bieten Leistungssportlern beruflichen Unterschlupf. Werner Kogler besitzt keine eigenen Sportler, bekanntlich haben es die Grünen nicht so mit Uniformen.

Karners Museum 

Am meisten Medaillen in Peking gewannen die Heeressportler (Skispringer, Rodler, Snowboarder), am wenigstens die Zollsportler (Skifahrer, Nordische Kombinierer). Silber ging an das BMI, trotzdem strahlt der Innenminister wie eine frisch polierte Goldmedaille. Sein Ressort, sagt Gerhard Karner, sei im Ministerien-Medaillenspiegel zwar nur zweiter, stelle aber den erfolgreichsten Olympia-Teilnehmer: Revierinspektor Johannes Strolz. Gold in der Alpinen Kombination, Silber im Slalom, Gold im Teambewerb. Stolz auf Strolz! Wenn er könnte, würde der Innenminister Strolz noch im Zeremoniensaal zum Oberrevierinspektor befördern. Vielleicht richtet ihm Karner demnächst auch ein kleines Museum ein. Strolz selbst versteht sich hörbar besser mit dem Chef der Zollsportler, Magnus Brunner. Beide kommen aus Vorarlberg.

Die Medaillengewinner von Peking werden mit weiteren Medaillen aus Österreich geehrt. Sie erhalten Philharmoniker-Taler von der Münze-Österreich, dem offiziösen Hartgeld-Partner des ÖOC. Danach versammelt jeder Minister seine Olympioniken zum kleinen Gruppenfoto. Werner Kogler plaudert derweilen mit ÖSV-Funktionären über die Finanzierung von Übersee-Trainingslagern.

Die Dramaturgie der Veranstaltung sieht vor, dass Spitzenpolitiker und -sportler nach der Ehrung zwanglos Smalltalk führen. Damit das perfekt funktioniert, muss einer von beiden ein Kommunikationsathlet sein. Auf Seiten der Politik wäre das Klaudia Tanner, bei den Sportlern Snowboarder Benjamin Karl. Auch Matthias Mayer verfügt über einen Kärntner Natur-Schmäh, was sein Gespräch mit dem Sportminister erleichtert. Wenn der profil-Reporter richtig hörte, unterhielten sich die zwei über Fußball. Die Schneeschmelze ist ja nicht mehr fern.

Sie lesen Folge 9 einer Serie von Gernot Bauer über die heimische Innenpolitik. Alle bisher erschienen Teile von “Bauer sucht Politik” können Sie hier nachlesen.

 

Der profil-Redakteur ergründet seit 20 Jahren Wesen und Unwesen der österreichischen Innenpolitik.