Bauer sucht Politik

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Bauer sucht Politik: Staffel II, Folge 1
01/29/2022

Michael Ludwig – ein Mann wie eine Wärmepumpe

Weshalb es eine ins 19. Jahrhundert rückwirkende Quotenregelung braucht. Und warum Tiere Ludwig wählen würden.

von Gernot Bauer

Was bisher keinem politischen Beobachter auffiel: Michael Ludwig hat die gleiche Frisur wie Sebastian Kurz, quasi Chefschnitt. Beide – der Wiener Bürgermeister und der Ex-Kanzler – verwenden reichlich Gel. Ludwig nennt es vielleicht noch „Brillantine“. Damit kleben sie ihr volles Haupthaar helmartig und ohne Scheitel nach hinten. Im Gesamtbild ist der Bürgermeister fraglos eleganter. Kurz‘ Slimfit-Anzüge mit zu kurzen Sakkos ergänzt mit zu spitzen Schuhen kann man vielleicht beim Perfektionsunterricht in der Wiener Tanzschule Thumser in Neulerchenfeld tragen, aber besser nicht im Kanzleramt. Ludwig setzt dagegen auf festes klassisches Schuhwerk und – mutmaßlich – Maßanzüge (was kein SPÖ-Spitzenpolitiker je zugeben würde), dazu Hosenträger und fast immer Krawatte.

Vergangenen Dienstag steht der Bürgermeister im Stadtsenatssitzungssaal (ein Wort, mit dem Sie jede Scrabble-Partie gewinnen) des Wiener Rathauses, an seiner Seite der Präsident der Wiener Wirtschaftskammer, Walter Ruck. Sie treffen heute hier zusammen, um eine „Zukunftsvereinbarung 2022 – 2025“ für Wien zu präsentieren und zu unterschreiben. Klingt kolossal, aber ist es das auch?

Ruck trägt ein großkariertes Sakko, mit dem er zwar beim Thumser Probleme kriegen würde, nicht aber im Rathaus. Denn Ludwig („Lieber Walter!“) und Ruck („Lieber Michael“!) sind alte Haberer. Der Wirtschaftskammer-Wien-Präsident kann mit dem Sozi-Bürgermeister besser als mit der eigenen türkis-schwarzen Landespartei. Von der braucht er ja auch nichts. Ludwig wiederum ist kein Klassenkämpfer, sondern ein gnadenlos pragmatischer Kapitalismus-Versteher – solange das Kapital in seiner Stadt bleibt.

Große Stadt im kleinen Land

Wien ist anders, aber auch angeberisch. Der Stadtsenatssitzungssaal ist größer als der Raum, in dem die Bundesregierung tagt, das Büro des Wiener Bürgermeisters deutlich geräumiger als jenes des Bundeskanzlers. Das Rathaus ist größer als das Kanzleramt. Und überhaupt ist Wien mit seinen zwei Millionen Einwohnern zu groß für den Rest von Österreich. Gäbe es eine international gebräuchliche Kennzahl, die das Verhältnis der Einwohner der jeweiligen Hauptstadt zur Gesamtzahl der Einwohner eines Staates angibt – nennen wir sie einmal die Kapitale-Provinziale-Populationsrelation –, wäre Wien ganz vorn.

In internationalen Rankings liegt Wien bekanntlich öfter ganz vorn. Alljährlich kürt etwa die Beratungsfirma Mercer die „lebenswerteste Stadt der Welt“ und regelmäßig landet Wien auf dem ersten Platz. Mercer befragt für die Studie so genannte Expats. Dabei handelt es sich um hochbezahlte ausländische Fachkräfte, die in Wien einige Jahre lang für internationale Konzerne arbeiten und rechtzeitig wieder wegziehen, bevor sie ihre Meinung über die Stadt ändern könnten. Unlängst wurde zudem der Tiergarten Schönbrunn zum besten Zoo Europas gewählt. Wien dürfte also auch für Tiere die lebenswerteste Stadt sein. Wären sie stimmberechtigt, würden Tiere Ludwig wählen.

 

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Aber zurück zum Stadtsenatssitzungssaal: Dort hängen Ölporträts aller bisherigen Bürgermeister in Lebensgröße. Die vergoldete Holzdecke ist mit Intarsien geschmückt, die Wände mit grünen Seidendamasttapeten (auch kein schlechter Scrabble-Tipp). Kein Stadtrechnungshof würde so etwas heute noch durchgehen lassen. In vier Marmortafeln am Eingang sind die Namen der Ehrenbürger der Stadt seit 1797 eingraviert, darunter exakt fünf Frauen. Eine ins 19. Jahrhundert rückwirkende Quotenregelung könnte Gendergerechtigkeit herstellen.

Im November 2021 schloss Bürgermeister Ludwig bereits eine Zukunftsvereinbarung ab, allerdings war sein Vertragspartner nicht Walter Ruck von der ÖVP, sondern Christoph Wiederkehr von den Neos. Und die Zukunftsvereinbarung hieß „SPÖ-Neos-Regierungsprogramm“. Aber natürlich kann ein Bürgermeister gar nicht genug Vereinbarungen schließen. Schließlich soll Wien „eine der lebenswertesten Städte weltweit“ bleiben, wie es in der Präambel der Zukunftsvereinbarung zwischen der Stadt und der Wirtschaftskammer heißt. Sicherstellen sollen das zehn „Zukunftsfelder“ wie Bildung, Klimaschutz, Digitalisierung, Außenwirtschaft, Tourismus, etc… – achja, der Lobautunnel steht auch in der Liste.

Sage aber keiner, dass die Stadt in derlei Zukunftsfeldern bisher untätig war. Wie der Bürgermeister die versammelten Berichterstatter informiert, ist im Kraftwerk Simmering seit zwei Jahren „die größte Wärmepumpe Mitteleuropas“ in Betrieb. Diese verschafft 25.000 Wiener Bürgerinnen und Bürgern nachhaltig Wärme – mehr kann man von einer modernen Sozialdemokratie eigentlich nicht verlangen, außer vielleicht bei der nächsten Zukunftsvereinbarung den Bau der größten Wärmepumpe Europas ins Auge zu fassen.

Der profil-Redakteur ergründet seit 20 Jahren Wesen und Unwesen der österreichischen Innenpolitik.

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