Unterwegs im Wahlkampf: Rudolf Hundstorfer plagt sich

Auf Stimmenfang im steirischen Voitsberg

Auf Stimmenfang im steirischen Voitsberg

Selten hat sich ein erfahrener Politiker mit einer Kandidatur so geplagt wie Rudolf Hundstorfer. Doch plötzlich scheint er auf Touren zu kommen. Christa Zöchling über den Wahlkampf eines Sozialdemokraten in schwierigen Zeiten.

Ein Freund, ein guter Freund. So schaut er einen von den Plakaten herab an. Mit einem kindlichen Lächeln und einer leisen Schwermut in den Zügen, ein „Heinz Rühmann“ von heute, der Prototyp des „kleinen Mannes“. Rudolf Hundstorfer war ÖGB-Präsident und Sozialminister. Jetzt will er höher hinaus, doch der Wahlkampf setzt ihm zu.

Seit drei, vier Wochen ist er täglich auf Achse, quer durch ganz Österreich, von früh bis spät, meist wird es sehr spät. Begleitet wird er nur von ein paar jungen Helfern und zwei Beamten des Staatsschutzes. In Dutzenden Fußgängerzonen hat er Passanten angesprochen, vor ein paar Hundert Betriebsräten geredet und Tausenden Pensionisten die Hand geschüttelt. Die Umfragewerte sind trotzdem schlecht. Das drückt aufs Gemüt.

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Es ist bald Mitternacht, als Hundstorfer, blass und mit müden Augen, am Wiener Hauptbahnhof in den Nachtzug nach Innsbruck steigt. Vom Smalltalk hat er genug für heute, wenn nicht gar für immer. In der Geborgenheit des Zugabteils redet er über Jugendliche, die von der Schule abgehen und keinen Job finden, weil sie nichts können, und die ihrerseits Kinder bekommen, die nichts lernen und nichts können, und dass man das stoppen müsse. Und dass jeder, der die Mindestsicherung kürzen wolle, „kein Herz“ habe.

Vor großem Publikum wirkt Hundstorfer anders: Da rudert er hilflos mit den Armen und findet aus seinen Sätzen nicht mehr heraus. Ein großer Redner war er nie. Im Fernsehen machte er bisweilen einen geradezu mundfaulen Eindruck. Dieses und jenes sei „abzuarbeiten“, hörte man häufig von ihm. Was soll er auch sagen? Die Anhängerschaft der SPÖ ist zerrissen in der Flüchtlingspolitik und in der Frage ihrer Haltung gegenüber der FPÖ. Und zu einer prononcierten Meinung reicht es wohl nicht mehr. Nicht in seinem Alter. Nicht bei einem Mann, der immer die Mehrheitsmeinung der Partei umgesetzt hat.

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Es ist stockdunkel, als Hundstorfer in Innsbruck aus dem Zug klettert. Die Stunde bis zum Morgengrauen verbringt der kleine Wahlkampftross in der nahegelegenen SPÖ-Zentrale, in einem Schlauch von Raum, an einem langen Tisch. Alle sind zu müde zum Reden. Als die Silhouetten hoher Berge im Fensterausschnitt aus der Dunkelheit auftauchen, geht es zurück zum Bahnhof. Auf dem Programm steht die sogenannte Pendler-Aktion. „Darf ich Ihnen ein Osterei anbieten?“ Artig hält Hundstorfer den über den Bahnhofsvorplatz hastenden Menschen ein rotes Ei mit SPÖ-Logo vor die Nase. Wenigstens tritt er niemandem in den Weg; er nähert sich eher schüchtern. Gespräche ergeben sich hier nicht, schon gar keine politischen. Die Menschen reagieren freundlich und gehen weiter.

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Auch der nächste Termin ist wahlkampftechnisch „für die Fisch“, wie man im Volksmund sagt. Punkt neun Uhr stehen Hundstorfer und Helfer vor den Glastüren eines großen Einkaufszentrums außerhalb der Stadt. Es hat eben erst aufgesperrt. Die Geschäfte sind leer, die Verkäuferinnen nehmen erst einmal die Kassa in Betrieb, drapieren die Waren, stellen Werbetafeln auf. Sie nehmen den Wahlkämpfer mehr aus den Augenwinkeln wahr. Nur Arbeitslose und Pensionisten in einem Café sind schon ganz fidel; beim kleinen Frühschoppen rennt der Schmäh. Hundstorfers keckerndes, etwas gewolltes Lachen ist zu hören.

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Ein Interview mit der Tiroler „Krone“. – „Gefällt es Ihnen in Tirol? Mögen Sie die Landschaft, die Menschen, die Berge? Waren Sie schon einmal hier auf Urlaub?“ Das Gespräch wird jäh unterbrochen von Hiobsbotschaften aus Brüssel. Hundstorfers Tochter ist dort. Er macht sich Sorgen.


Hundstorfer schluckt. Das alles mache ihm großen Spaß, sagt er.

Der Terroranschlag lässt alles nichtig erscheinen. Niemand hier stänkert mehr oder schimpft auf die Regierung. Die Terrorgefahr bringt Bürger und Politik wieder zusammen. Eine Frau sagt zu Hundstorfer: „Sie Armer! Müssen da herumstehen, lieb lächeln und immer etwas Nettes sagen.“ Hundstorfer schluckt. Das alles mache ihm großen Spaß, sagt er.

Es sieht nur nicht so aus. Hundstorfer war ein guter Sozialminister, das soziale Gewissen in der Regierung. Das sagen viele. Ehemalige Weggenossen schwärmen vom „alten“ Hundstorfer, der mit seinem trockenen Humor die Menschen zum Lachen brachte, dem man sein Herz öffnete, weil auf ihn Verlass war. Was ist aus ihm geworden?

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Unterwegs mit dem Gewerkschafter, Nationalrat und Lokalkaiser Josef Muchitsch in der Südsteiermark. Hundstorfer zieht in Leibnitz von einer Konditorei zur nächsten. Der Programmpunkt dazwischen heißt „Spaziergang über den Hauptplatz“. Es rennt zwar der Schmäh, doch nur mit lokalen SPÖ-Funktionären, lustigen Witwen und Wirten. Die Leute mögen den Hundstorfer, doch wählen werden sie vielleicht trotzdem den Freiheitlichen Norbert Hofer – wegen der Flüchtlinge, fürchtet Muchitsch. Bürger und Bürgerinnen aus diesem Bezirk, die von sich aus zum Gemeindeamt gepilgert sind, um Unterstützungserklärungen abzugeben, haben das durchwegs für den Grün-Kandidaten Alexander Van der Bellen und die unabhängige Irmgard Griss gemacht.

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Eine Konditorei in Voitsberg. Ein SPÖ-Bezirksfunktionär steht abseits. Er lässt sich bitten für ein gemeinsames Foto und gibt zu, er sei skeptisch, was die Chancen Hundstorfers betrifft. Es tue ihm leid um den guten Mann, den besten Sozialminister. Er habe seine Partei gewarnt und vorgeschlagen, den Grünen Van der Bellen zu unterstützen. Auch die Grazer SPÖ-Chefin Martina Schröck hatte das vorgeschlagen.


Die wahren Hardcore-Fans, meist etwas älteren Semesters, warten in der Konditorei „Mosaik“ in Deutschlandsberg auf Hundstorfer.

Die Steiermark ist für Hundstorfer kein leichtes Pflaster. Die Genossen sind demoralisiert, seit sich ihr früherer Landeshauptmann Franz Voves aus gekränkter Eitelkeit aus dem Staub gemacht und den Posten der ÖVP überlassen hat. Nicht einmal von seinem Büro habe sich Voves damals verabschiedet. Das erzählen hier alle. Den Oberen glauben sie nicht mehr so leicht etwas.

Die wahren Hardcore-Fans, meist etwas älteren Semesters, warten in der Konditorei „Mosaik“ in Deutschlandsberg auf Hundstorfer. Er sei der Beste, Liebste und nahezu Jüngste der Kandidaten, sagen sie. Dem könne keiner etwas vormachen. Ein Ehepaar, das in seinem Haus Flüchtlinge aufgenommen hat, wünscht sich nur, dass die SPÖ mehr Wärme und Solidarität zeige, und auch Hundstorfer solle da deutlicher werden.

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In den Werkshallen von Sebring, einem Autozulieferbetrieb, in Voitsberg. Vor Kurzem hat der Industrielle Hans Peter Haselsteiner, der auch im Personen-Komitee für Hundstorfer sitzt, mit einem Partner die Mehrheitsanteile erworben. Männer im blauen Overall, Schmutz an Händen und im Gesicht. Ohrenbetäubender Lärm. Hundstorfer geht von einem zum anderen, lässt sich da und dort die Handgriffe zeigen. Er kann gut mit den Leuten. Er schaut sie nicht an wie Tiere im Zoo. Er bleibt stehen bei den Frauen, die die Formen polieren, scherzt, fragt, wie ihnen ihre Arbeit gefällt. Sie strahlen. Ob sie wissen, wer da mit ihnen geplaudert hat? Die Frauen: „Klar. Das ist unser neuer Chef.“

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Der offizielle Wahlauftakt der SPÖ am vorvergangenen Donnerstag mit Kanzler, Ministern und Landeshauptleuten in Wien-Floridsdorf bringt einen Wendepunkt. Die Halle ist bis zum Platzen gefüllt. Auch die „Alten“ sind gekommen: Franz Vranitzky, Brigitte Ederer, Erwin Lanc, Hilde Hawlicek, Karl Blecha, Rudolf Edlinger. Ein Abbild der SPÖ, als sie noch groß und stark war. Ein Familientreffen.
Noch lärmt es im Saal, der Kandidat wartet draußen, da erscheint Hundstorfer auf einem riesigen Video-Screen, die Stimme sagt: „Ich komme aus einfachsten Verhältnissen.“ Applaus brandet auf, spontan, ohne Regieanweisung. Es ist nicht nur ein Klischee. Es ist der Kitt, der sie zusammenhält. Und Wiens Bürgermeister Michael Häupl begründet, warum es nicht egal sei, wer in der Hofburg sitze: „Armut frisst Demokratie.“


Verblüffend uneitel erzählt er von seiner Kindheit und Jugend.

Als hätte sich plötzlich die ganze Schinderei ausgezahlt. Allein durch diesen Abend. Hundstorfer lacht wie ein Kind, seine Augen schwimmen. Er merkt nicht, dass die Risse in der SPÖ auch durch die große Wiener Organisation gehen.

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Im Zug mit Hundstorfer: Es ist das erste Mal, dass es in einem Wahlkampf um ihn persönlich geht, dass er sich nicht hinter einer Funktion verschanzen kann. Verblüffend uneitel erzählt er von seiner Kindheit und Jugend; Lehrjahre als Kanzleibursche im Wiener Rathaus, Beamten-Matura; freigestellter Gewerkschafter schon im Alter von 26 Jahren.

„Ursprünglich war die Prägung vom Elternhaus. Ich war immer eingebettet: bei den ,Roten Falken‘, im ,Turnverein‘. Aber ich habe damals schon geglaubt, dass ich ein paar Dinge verändern kann. Im ersten Kreisky-Wahlkampf war ich Wahlhelfer. Dafür hab ich mir extra Urlaub genommen.“


Für Hundstorfer war der SPÖ-Wahlkampfauftakt offenbar ein Kick.

„Wir waren nicht arm, wir waren auch nicht reich. Wir haben ein Auslangen gefunden, weil meine Eltern sehr diszipliniert waren. In ein Gasthaus sind wir zweimal im Jahr gegangen. Aber wir waren immer auf Urlaub auf einem steirischen Bauernhof.“
„Ich hab überhaupt nicht gewusst, was ich werden will. Ich war in einem Vorläufer des heutigen Polytechnikums, bin dann zur Stadt Wien als Kanzleilehrling, war von Anfang an gewerkschaftlich aktiv, und das ging dann so weiter. Meine Positionen in der SPÖ kamen immer über die Gewerkschaft.“

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Für Hundstorfer war der SPÖ-Wahlkampfauftakt offenbar ein Kick. Er ist nicht wiederzuerkennen. Auf Marktplätzen findet man ihn, indem man dem Lachen der Leute folgt. Junge Leute sprechen ihn an und sagen, sie hätten ihn beim Konzert von Goran Bregovic gesehen – da war Hundstorfer kurz auf die Bühne geholt worden. Er geht er auf die Leute zu, und es bleibt nicht allein beim Händeschütteln. Es entwickeln sich Gespräche. Ein tunesischer Obst- und Gemüsehändler, stolzer österreichischer Staatsbürger, sagt: „Der kennt das Leben. Der weiß, wann und mit wem er reden muss. Der wird uns nicht im Stich lassen.“

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Weil er sich immer noch schwer tut, in eigener Sache zu werben, hat ihn in Wiener Neustadt ein altes Schlachtross begleitet, der ehemalige SPÖ-Nationalrat Arnold Grabner. Das spielt sich dann so ab: Hundstorfer verteilt rote Nelken und Grabner schiebt nach: „Von Hundstorfer persönlich.“

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Im Haus der Europäischen Union in Wien. Gehobenes Publikum, Sektionschefs, Diplomaten. Man flüstert, als Hunds-
torfer sagt, Syrien müsse „befriedigt“ werden (statt „befriedet“). Doch selbst höhere Beamten sind von seiner EU-Kompetenz in Arbeitsmarkt- und Migrationsfragen beeindruckt. „Mir waren manche Zusammenhänge nicht bewusst“, gesteht ein pensionierter Sektionschef aus dem schwarzen Lager.