Verhöhnung von KZ-Häftlingen: Gespenster der Vergangenheit

Das Tor zur Hölle: Der Eingang zum KZ Auschwitz-Birkenau.

Das Tor zur Hölle: Der Eingang zum KZ Auschwitz-Birkenau.

In der rechtsextremen "Aula" werden ehemalige KZ-Häftlinge verhöhnt. Die FPÖ unterstützt die Zeitschrift mit Inseraten und aufmunternden Worten.

Es ist eine traurige Groteske. Als hätte die Wahrheit keinen Anwalt mehr, als seien alle Fachliteratur und alle Zeitgeschichteforschung vergebens, werden in der "Aula", der rechtsextremen Zeitschrift des freiheitlichen Akademikerverbandes, wieder einmal KZ- Überlebende verhöhnt, das allumfassende Unrecht des nationalsozialistischen Systems und seine verbrecherische Weltanschauung kleingeredet, bis man am Ende bei einer Opfer-Täter-Umkehr angekommen ist: "KZ-Befreite als Massenmörder".

Seit Jahrzehnten ist die "Aula" dafür bekannt, die Geschichtsschreibung über den Holocaust zu revidieren. "Ihre Kontakte und Querverbindungen zu zahlreichen rechtsextremen bis neonazistischen Organisationen und Personen, vor allem die Schreibweise vieler Artikel qualifizieren sie eindeutig als rechtsextrem", so die Stellungnahme des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes.


Wie könne man glaubwürdig gegen "Überfremdung und Umvolkung auftreten" mit einem "Pigmentierten", so hatte Duswald in der "Aula" argumentiert.

Die "Aula" wird dennoch seit Jahren von der FPÖ unterstützt, mit Inseraten, aufmunternden Kommentaren und Artikeln. Zu ihrem 60. Jahrestag des Erscheinens lobte FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache die Zeitschrift als "unbequemes Medium", sein Stellvertreter Johann Gudenus gratulierte ihr zu ihrer "Standfestigkeit in rauer See". Der nunmehrige FPÖ-Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer trat 2011 mit einem artigen Interview in der "Aula" auf.

In jenem Jahr hatte auch Fred Duswald, der Autor jenes "KZ-Befreite als Massenmörder"-Artikels, ein paar bemerkenswerte Auftritte in der "Aula". Unter Verwendung von Nazi-Zeitzeugen denunzierte Duswald schon damals ehemalige Mauthausen-Häftlinge als "Landplage" und drehte ihnen nachträglich einen Strick daraus, dass sie als Halbverhungerte bei Bauern Lebensmittel requiriert hatten. Über Österreich hinaus wurde Duswald im Jahr 2011 bekannt, weil er sich vehement gegen die Aufnahme eines chinesischstämmigen Studenten in eine Burschenschaft aussprach. Ein Asiat sei "kein Arier". Wie könne man glaubwürdig gegen "Überfremdung und Umvolkung auftreten" mit einem "Pigmentierten", so hatte Duswald in der "Aula" argumentiert. Die FPÖ-Granden schien das nicht zu stören.


Kein einziger ,Krimineller' wurde wegen eines aktuellen Delikts zu Mauthausen verurteilt. (Andreas Kranebitter)

Duswald hat eine einschlägige Vergangenheit. Geboren 1934 bei Grieskirchen in Oberösterreich, studierte der Sohn eines Lederfabrikanten in den 1950er-Jahren an der Universität München Betriebswirtschaftslehre und heuerte bei der schlagenden Burschenschaft "Danubia München" an, die seit Jahren unter Beobachtung des deutschen Verfassungsschutzes steht. Nach Auskunft der "Antifaschistischen Informations-, Dokumentationsund Archivstelle München" war Duswald schon 1953 den Behörden bei einem Treffen ehemaliger SSler aufgefallen. Später in Wien war er begeisterter Hörer des rabiaten Antisemiten Taras Borodajkewycz an der Hochschule für Welthandel geworden. 1974 war Duswald Kassier der später verbotenen NDP und auch in anderen Gruppierungen aktiv, die ihre Tätigkeit einstellen mussten. Er unterzeichnete einen Aufruf mit der Forderung: "Generalamnestie für NS-Verbrechen".

Duswald wurde noch nie, die "Aula" erst ein Mal wegen Verstoßes gegen das NS-Verbotsgesetz verurteilt. Anwälte sagen, das liege an ihrer Redaktionsadresse in Graz. Die dortige Staatsanwaltschaft sei in NS-Verbots-Angelegenheiten besonders harthörig. Erst jüngst wurde eine entsprechende Anzeige der Grünen gegen Duswald und die "Aula" abgeschmettert. Eine junge, historisch augenscheinlich ungebildete Grazer Staatsanwältin hatte in einer ihrer ersten Amtshandlungen im Dezember 2015 an Duswalds Artikel nichts Anstößiges gefunden. Sie fand es "nachvollziehbar, dass die Freilassung mehrerer Tausend Menschen aus dem KZ Mauthausen eine Belästigung für die betroffenen Gebiete Österreichs darstellte" und dass Häftlinge in Mauthausen "wegen Gewalt und Eigentumsdelikten deponiert (sic) waren". Für die Justiz ist das doppelt beschämend . Auch junge Staatsanwälte sollten wissen, das Konzentrationslager keine Straflager waren. (Jörg Haider wurde einmal für die Verwendung dieses Begriffs verurteilt.) Das KZ war nicht Teil des Strafvollzugs. Wer waren die "Kriminellen" in den KZ? Waren sie nicht selbst Opfer des NS-Systems?

"Kein einziger ,Krimineller' wurde wegen eines aktuellen Delikts zu Mauthausen verurteilt", sagt der Historiker Andreas Kranebitter, der zu diesem Thema forscht. Man wurde von NS-Behörden schnell als "Krimineller" abgestempelt, wenn man im Vorstrafen-Register aufschien, aus einem als schlecht angesehenen Milieu stammte oder eine bestimmte Herkunft hatte.


Sie haben kein Mitleid mit den NS-Opfern, nur mit sich selbst.

Der Fall Duswald hat nun KZ-Überlebende auf den Plan gerufen (siehe Kasten). Und Duswald hat einen prominenten Anwalt bekommen: den FPÖ-Abgeordneten Johannes Hübner. Duswald verteidigt sich damit, dass der beanstandete Artikel eine Buchbesprechung gewesen sei. Ilse Krumpöck, die Autorin von "Werwölfe im Waldviertel", wehrt sich allerdings heftig gegen diese Darstellung. Lange bevor die Sache öffentlich diskutiert wurde, hatte sich Krumpöck verzweifelt an die Israelitische Kultusgemeinde und das Mauthausen Memorial gewandt. Sie werde in der "Aula" falsch zitiert, ihre Aussagen seien ins Gegenteil verkehrt worden. Sie denke nicht so, es tue ihr leid. Was Duswald mit ihrem Buch mache, sei eine "Schweinerei".

Krumpöck ist Kunsthistorikerin, die seit Jahren lokalgeschichtliche Themen recherchiert. Einmal stieß sie beim Spazierengehen in Arbesbach im Waldviertel auf einen Gedenkstein für ermordete Hitlerjungen im Mai 1945. Sie wollte nun herausfinden, wer die Buben waren, warum sie erschossen wurden und von wem. Sie hat dafür Pfarrchroniken und andere schriftliche Erinnerungen durchforstet. Doch es gibt keine Gewissheit, ob die Burschen unbewaffnet oder nicht doch gefährliche "Werwölfe" gewesen waren, die glaubten, Rache nehmen zu müssen bis zum letzten Atemzug. Auch die Identität ihrer Mörder ist nicht eindeutig geklärt. Aber eines zeigen die abgedruckten Originalquellen: Sie tragen die Spuren der NS-Propagandawelt, in der Sprache und im Denken. Sie haben kein Mitleid mit den NS-Opfern, nur mit sich selbst. Sie sind problematische Zeugen.

Im nächsten profil: Der schwierige Umgang Österreichs mit Mauthausen.