Richard Grasl („Kurier“), Doris Vettermann („Kronen Zeitung“), Andreas Bergthaler (MedUni Wien), Clemens Neuhold (profil)

Mutationskunde: Richard Grasl („Kurier“), Doris Vettermann („Kronen Zeitung“), Andreas Bergthaler (MedUni Wien), Clemens Neuhold (profil)

© Kurier/Franz Gruber

Club 3
03/12/2022

Virologe Bergthaler im Club 3: „Die Impfpflicht ist mehrfach missglückt“

Virologe Andreas Bergthaler setzt lieber auf Masken. Er schließt eine Zwischenwelle bis Herbst nicht aus.

von Clemens Neuhold

Bei der Begrüßung im Club 3, dem gemeinsamen TV-Talk von profil, „Kurier“ und „Kronen Zeitung“, streckt uns der Molekularbiologe Andreas Bergthaler von der MedUni Wien noch die Corona-Faust entgegen, bei der Verabschiedung die Hand. Dazwischen haben wir über die Rückkehr in die Normalität gesprochen, ohne Masken, Abstand und Corona-Faust. Doch Bergthaler lässt sich kein Monat oder Jahr für den Exit entlocken. Er spricht lieber über die Vorbereitung auf neue Mutationen bis Herbst, die nicht automatisch milder sein müssten. Es würde ihn wundern, sagt er, wenn diese noch Omikron hießen. Selbst eine Zwischenvariante über den Sommer schließt Bergthaler nicht aus. Die Delta-Variante habe sich im Sommer verbreitet.


 Angesichts von täglich rund 50.000 Neuinfektionen und einer steigenden Zahl an Covid-Patienten auf den Normalstationen ist ein Richtungsstreit zwischen den Beraterkommissionen entstanden, ob die Öffnungen vom
5. März klug waren (siehe Seite 26). Bergthaler, der selbst Mitglied in der „Gecko“-Kommission ist, siedelt sich auf der vorsichtigeren Seite an. Die Lage auf den Intensivstationen sei zwar stabil, die weitgehende Abschaffung der Maskenpflicht – zum Beispiel in Schulen – kritisiert er aber indirekt. „Wir haben uns an die Maske gewöhnt. Deswegen fällt uns kein Stein aus der Krone, wenn wir sie dort weiter tragen, wo Menschen über einen längeren Zeitraum dicht zusammenkommen.“


 Bergthaler argumentiert trocken, kontrolliert, bewusst unpolitisch. Umso vernichtender wirkt sein Statement zur Impfpflicht: „Dass dieses politische Projekt mehrfach missglückt ist, das ist relativ offensichtlich.“ Er selbst äußerte sich seit November 2021 bewusst nicht mehr zu diesem politischen Rohrkrepierer. Nun verrät er, warum: weil er nie daran glaubte, dass man mit Druck die Impfquote wesentlich erhöhen kann. Der Gegendruck der verfestigten Impfgegner gibt ihm recht. Bergthaler fragt sich, ob im dritten Jahr der Pandemie eine Impfkampagne gelingt, die bei einzelnen Zielgruppen wie Migranten oder sozial Schwächeren wirklich ankommt. Dass der frühere Bundeskanzler Sebastian Kurz die Pandemie  mit Ankunft der Impfstoffe für beendet erklärt habe, sieht er – auch wenn er es nicht direkt so nennt – als eine Ursünde der Corona-Politik an.


Explizit wird Bergthaler in der Frage der Gratistests. Die Regierung will sie einschränken, Wien beibehalten. Das „blinde Testen“ sei international eine „Anomalie“, sagt Bergthaler.

Habe er eine Idee, wie Putin zu stoppen sei? Seine Freunde und Bekannten sitzen in wichtigen gesellschaftlichen Positionen, warum ist es nicht möglich, der Sache ein Ende zu bereiten?

„Putin kann den Krieg militärisch gewinnen, aber politisch hat er ihn schon verloren.“ Wenn es einen Ausweg gäbe, wie Putin gesichtswahrend aus der Sache aussteigen kann, dann hätte man einen Hoffnungsschimmer, meint Karner. Das könnte etwa ein Moratorium sein, in dem sich der Westen verpflichtet, die Ukraine für 30 Jahre nicht in die NATO aufzunehmen. Aber hier winkt Karner ab. Das seien Überlegungen eines Politikers und nicht eines Historikers. Das Vertrauen zwischen Ukraine und Russland sei bis in die Grundfesten erschüttert. Erst die nächste Generation könne wieder von vorn anfangen.

Im Grunde hofft Karner auf die Zeit nach Putin. Theoretisch könnte dieser bis 2036 Präsident bleiben. Aber er glaube nicht, dass es so lang bis zu Putins Abgang dauert.