Warum Fahrraddiebstahl das fast perfekte Verbrechen ist

Warum Fahrraddiebstahl das fast perfekte Verbrechen ist

Fahrräder zu stehlen, ist das fast perfekte Verbrechen. Man wird so gut wie nie erwischt: Die Aufklärungsquote liegt bei kläglichen fünf Prozent.

Vergangenen Sommer erwischte es L. zum vierten Mal. Der 60-Jährige hatte auf den Aufzug gewartet und die Zeit genutzt, um einen raschen Blick in den Innenhof seines Wohnhauses in Wien-Leopoldstadt zu werfen: Da sah er die Lücke, wo sonst sein Rad stand.

Für die Polizei war es verdrießliche Routine, den Diebstahl aufzunehmen. Früher sei die Beute auf rußigen Frachtern die Donau abwärts zum Schwarzen Meer geschickt worden, wusste der Beamte im Wachzimmer zu berichten. Heute tauchten die Räder manchmal auf Flohmärkten auf. Und dann raunte er L. zu, er möge sich doch in Groß-Enzersdorf umsehen.

Jeden Sonntag rollen in aller Herrgottsfrühe Kleinlaster und Busse aus Wien, der Slowakei und Ungarn auf die riesige Leinwand zu, die östlich von Wien in den Himmel ragt. Innerhalb kurzer Zeit ist das Gelände des Groß-Enzersdorfer Autokinos am Stadtrand bis in die letzte Reihe vollgeparkt.

Woher kommt diese Ware?
Tische werden aufgestellt und mit Spielzeug, ausgelatschten Schuhen, Army-Messern, Glitzer-Leiberl und muffelnden Sakkos überhäuft. Muskelbepackte Männer hieven Autoreifen mit Alfa-Romeo-und BMW-Emblemen auf den Asphalt. Abgewetzte Kinderwägen und Rasenmäher, gebrauchte Kettensägen und Schlagbohrer, Diesel-Generatoren, Rohre und Heckenscheren werden zum Verkauf ausgelegt.

Zwischen Maschinen, Werkzeug und Hausrat aller Art lehnen Mountain-Bikes, Damenräder und Räder für Kinder. Manche blitzen frisch geputzt aus den Gestängehaufen hervor, andere haben Schlammspritzer, Kratzer und abgefahrene Reifen. Aber woher kommt diese Ware?

Hehlerimperium
Noch scheint sich die zweifelhafte Praxis nicht durchgesetzt zu haben, dass die Opfer die Spur der Verbrecher selbst aufnehmen. Es kommt zwar immer wieder vor, dass sie ihre einstigen Besitztümer auf der Straße, im Internet oder beim Gebrauchtwarenhändler erspähen. Kürzlich schaffte es ein 36-Jähriger in die Chronikspalten einer deutschen Zeitung. Der Mann hatte in einer Tiefgarage in Berlin einen anderen beobachtet, der ein Fahrrad mit einem Winkelschleifer traktierte. Als er näher trat, erkannte er jenes Fahrrad, das ihm tags zuvor gestohlen worden war. Die Polizei hob daraufhin einen Verein aus, der hinter seiner unverdächtigen Fassade ein kleines Hehlerimperium aufgezogen hatte.

Der überwiegende Teil der gestohlenen Räder bleibt jedoch verschwunden. Daran sind zumindest aus der Sicht der Polizei zunächst einmal die Opfer selbst schuld: "Viele können ihr Rad nicht beschreiben, wenn sie den Diebstahl anzeigen. Sie erinnern sich weder an die Farbe noch an die Marke“, sagt Mario Hejl, Sprecher des Bundeskriminalamtes in Wien. Unbeschriebene Beute werde nicht zur Fahndung ausgeschrieben und könne auch nicht ihren rechtmäßigen Besitzern zugeordnet werden, selbst wenn der Polizei ein Transporter voll mit Beuterädern ins Netz geht.

Das kam etwa im Frühling 2012 vor. Die Kärntner Polizei fasste damals einen 57-Jährigen mit 15 Rädern und sechs Motorsägen. Als die Fahnder weiter forschten, wurden sie eines 40-jährigen Komplizen habhaft, der drei Jahre lang mindestens 1200 Räder gestohlen und in Umlauf gebracht hatte. Einen Dritten erwischten sie, als er Mountain-Bikes ins Auto lud. Der Wert der Hehlerware: insgesamt 700.000 Euro. Die Bande soll für ein Viertel der Kärntner Fahrraddiebstähle 2010 und 2011 verantwortlich gewesen sein und einen Großteil der Beute in Bosnien und Kroatien verhökert haben.

Erfolge dieser Größenordnung gibt es nicht alle Tage zu vermelden. Im Jänner des Vorjahres schnappte die Polizei in Nickelsdorf im Bezirk Neusiedl am See einen 23-jährigen Ungarn. Unter alten Autoreifen und Decken hatte der junge Mann eine Motorsäge, eine Bohrmaschine, 17 Mountainbikes und ein Rennrad verborgen - Diebesgut, das er im Raum München aufgelesen hatte. Im Februar des heurigen Jahres bejubelte die Polizei die Verhaftung zweier Männer, die in Niederösterreich und Tirol über 20 teure Markenräder vor Bahnhöfen von den Abstellbügeln geschnitten hatten.

26.652 Raddiebstähle
Etwa zur gleichen Zeit zerschlugen Carabinieri in Bozen eine auf kostspielige Rennräder spezialisierte Diebesbande aus der Slowakei, die durch Italien, Österreich, Deutschland und die Schweiz gezogen war. Einer der Verhafteten war früher Polizist gewesen. Es liegt nahe, dass der Mann, als er noch auf der richtigen Seite des Verbrechens stand, mitbekommen hat, dass kaum je ein Raddieb erwischt wird: 26.652 Raddiebstähle wurden österreichweit im Vorjahr registriert, um fast 2000 mehr als im Jahr zuvor. Jeden Tag schreibt die Exekutive 73 Anzeigen, fünf Prozent davon kann sie aufklären.

Mit einer Restquote von 95 Prozent gehört das Delikt zu den fast perfekten Verbrechen. Richtig einträglich ist freilich nur die grenzüberschreitende Profi-Arbeit im Segment der hochwertigen Markenräder. Allerweltstäter scheinen damit eher schlecht als recht ihre Drogensucht zu finanzieren oder akute Geldnöte zu bekämpfen. In Köln etwa fasste die deutsche Polizei kürzlich eine Gruppe, die ihr Diebesgut zerlegte und in die Ukraine verschickte, wo sie es - neu zusammengebaut - über Online-Plattformen veräußerte. Die als Diebe angeheuerten Drogenabhängigen hatten pro Rad nur 25 bis 50 Euro eingestreift.

Lebensunterhalt als Raddieb
Vor ein paar Wochen rapportierte der "Standard“-Gerichtsreporter Michael Möseneder aus dem Verhandlungssaal des Wiener Straflandesgerichts die kuriose Causa eines 42-Jährigen, der, ausgestattet mit fast 600 Generalschlüsseln, durch Wiener Wohnanlagen gezogen war. Dafür, dass er aus Abstellräumen rund 60 Räder entwendete, muss er nun drei Jahre ins Gefängnis. Der Mann hatte auf dem Bau gearbeitet, seinen Job verloren und sich, gemeinsam mit einem ebenfalls verurteilten Kompagnon, darauf verlegt, seinen Lebensunterhalt als Raddieb zu bestreiten.

Drei Viertel der heimischen Haushalte verfügen über ein Fahrrad. Das entspricht einem Bestand von über sechs Millionen, und davon werden laut Anzeigenstatistik jedes Jahr "nicht einmal vier Promille gestohlen, statistisch gesehen ist das nicht so viel“, findet Mario Hejl, Sprecher des Bundeskriminalamts in Wien. Ein eher schwacher Trost: Internationale Kriminalstudien gehen davon aus, dass die Dunkelziffer ein Vielfaches beträgt. Viele Diebstähle werden nicht gemeldet, weil die Radgestelle schon alt und klapprig waren oder sich die Bestohlenen von der Anzeige nichts erhoffen.

70 Prozent der Fahrradbesitzer verwenden laut einer Umfrage des Versicherungsverbands Spiral-, Nummern- oder Kabelschlösser, die selbst Bizepsschwache mit einer Zange aus dem Baumarkt in ein paar Sekunden knacken.

Oft braucht es nicht einmal Werkzeug. Peter Weiss, Fahrradbeauftragter der Stadt Salzburg, erinnert sich an einen Hauptschullehrer, der vom Klassenzimmer aus zusehen musste, wie sich jemand mit seinem Rad auf und davon machte. Noch bevor er das Fenster öffnen konnte, hatte der Dieb sein mit Schnellspannern angeklemmtes Vorderrad, das mit einem Schloss am Fahrradständer hing, durch ein anderes Vorderrad getauscht und war davongeradelt.

Zwei Drittel der Räder kommen in Städten abhanden. Gestohlen wird vor Unis, Schulen oder Freibädern, aus ruhigen Hinterhöfen und Kellern, wo Diebe selbst Bügelschlösser in aller Ruhe durchsägen können. "Grundsätzlich gilt: Wo mehr Rad gefahren wird, wird mehr gestohlen“, sagt Martin Blum, Fahrradbeauftragter der Stadt Wien. Im internationalen Vergleich rangiert Österreich als Destination für Raddiebe im Mittelfeld, die Radlernationen Niederlande und Dänemark liegen unangefochten an der Spitze.

"Abschreckungsmaßnahme"
In München trieb die Exekutive vor einigen Jahren mit einer Aktion scharf die Aufklärungsquote auf 20 Prozent hinauf. In Österreich scheint man auf eher punktuelle, drastische Polizeiarbeit zu setzen: Im November 2013 löste ein 16-jähriger Fahrraddieb eine Fahndung aus, die eines Mörders würdig gewesen wäre. 30 Beamte, 15 Einsatzwägen und ein Hubschrauber setzten sich in Bewegung, um den jungen Slowaken zu stellen, der am Bahnhof in Bruck an der Leitha gemeinsam mit zwei Komplizen mehrere Räder gestohlen haben soll. Der Leiter des burgenländischen Landeskriminalamts begründete die aufwendige "Abschreckungsmaßnahme“ mit den Worten: "Wir wollen zeigen, dass die Polizei etwas gegen Kriminelle unternimmt.“

Ihren Kodierungsservice stellte die Polizei vor Jahren ein, laut offiziellen Angaben, weil moderne Carbon-Räder sich dafür nicht eignen. Außerdem dürfte der Effekt auf die Fahndungsbilanz dürftig gewesen sein. Bis heute sind dem Fahrradbeauftragten Blum keine stichhaltigen Daten bekannt, wonach eine im Rahmen eingravierte Nummer Diebe abschrecken würde.

In Salzburg, wo eines der Kodiergeräte der Wiener Polizei schließlich landete, sieht man die Sache anders: Gegen einen Obulus von je drei Euro markierte die Stadt in den vergangenen zehn Jahren an die 12.000 Räder. Von den jährlich rund 1000 gestohlenen Bikes finden etwa zehn Prozent dank der eingefrästen Nummer zurück zu ihren Besitzern. "Das sind in Summe immerhin 100 Räder“, sagt Radverkehrskoordinator Weiss. Im Fall eines in der Türkei aufgetauchten Beutestücks dauerte es freilich so lange, dass sein rechtmäßiger Besitzer bereits ein Ersatzrad erstanden hatte.

Inzwischen wird mit Diebstahlssicherungen aller Art experimentiert: von unsichtbarem Lack, der sich unter dem Schein einer polizeilichen Taschenlampe als Markierung entpuppt, bis hin zu GPS-Ortungen. In Klagenfurt entwickelten zwei HTL-Schüler im Rahmen einer Maturaarbeit einen "elektronischen Zaun“: Entfernt sich das Rad vom Abstellplatz, wird sein Besitzer per SMS alarmiert. Nun brauchen die jungen Entwickler nur noch einen Geldgeber, der das System auf den Markt bringt.

Die städtischen Verwaltungen setzen auf mehr Abstellplätze und versperrbare Boxen. Wien plant laut Blum 2500 fixe neue Abstellplätze, zusätzlich zu den 35.000, die es in der Stadt bereits gibt. Beim Westbahnhof wurde eine Doppelstockanlage errichtet. Am neuen Hauptbahnhof entsteht eine Garage für 1000 Räder. Salzburg forciert seit den 1990er-Jahren versperrbare Boxen ( www.radbox.at). 280 sind bereits errichtet, 100 weitere sollen folgen. Alle diese Einrichtungen könnten - ebenso wie Eintrittskontrollen und Videoüberwachung - Diebstähle verhindern, "indem sie den Aufwand für Täter erhöhen“, sagt Christian Gratzer, Sprecher des Verkehrsclubs Österreich (VCÖ).

Lisa Schmidt ist passionierte Radlerin in Wien. In den vergangenen eineinhalb Jahren wurden der jungen Frau drei teure Räder gestohlen. Wenn sie das erzähle, werde sie oft mit hochgezogenen Augenbrauen angesehen: "Dabei stehen auf der Straße jede Menge teure Autos herum, deren Besitzer niemand fragt, warum sie sich das in einer Stadt wie Wien überhaupt trauen.“ Nun quetscht sich Schmidt jeden Tag mit ihren Kindern, Rädern und Taschen in den Aufzug, um ihr Rad vor ihrer Wohnung abzustellen. Selbst da schraubte jemand ihre Bremsen ab. Auch das Geländer wurde schon angesägt. Die Polizei nahm ihre Anzeigen immer brav entgegen. Danach hat sie von den Beamten nie mehr etwas gehört. Bei einem ausgiebigen Frühstück mit Freunden zündete die Idee zur Rad-WG. Die gleichnamige Initiative will verlassene Geschäftslokale als Rad-Garagen und nachbarschaftliche Treffpunkte wieder aufleben lassen. Die erste soll noch im Sommer eröffnet werden.

Wem wie Lisa Schmidt mehrere Räder hintereinander gestohlen werden, der läuft Gefahr, von der Haushaltsversicherung gekündigt zu werden. Sie kommt für gestohlene Räder in der Regel nur dann auf, wenn sie in versperrten Räumen aufbewahrt wurden. Gegen die Gefahr, eines Tages ohne Wohnungspolizze dazustehen, hilft eine eigene Radversicherung. Doch selbst da werden Mehrfach-Opfer nach einem Schadensfall aus dem Versicherten-Kollektiv bugsiert.

Josef L. hat sein Rad auf dem Flohmarkt in Groß-Enzersdorf übrigens nicht gefunden. Er legte sich inzwischen ein gebrauchtes zu, das um 120 Euro im Internet angeboten wurde. L. hofft, dass es nicht jemand anderem zuvor geklaut wurde.