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profil-Morgenpost
11/29/2021

Weniger Hokuspokus, mehr Wissenschaft

Corona-Impfskepsis fällt in Österreich auf einen fruchtbaren Boden gesellschaftlich akzeptierten Aberglaubens. Eine – ziemlich einfache – Spurensuche.

von Stefan Melichar

Warum schlucken manche Menschen ein Pferde-Entwurmungsmittel gegen Corona, obwohl es eine zugelassene Impfung gibt (und das Pferde-Präparat mitunter eine letale Wirkung entfaltet)? Man könnte zum Beispiel die Numerologin eines früheren Vizekanzlers nach einer Antwort fragen. Oder die aktuelle Wirtschaftsministerin: Margarete Schramböck ist ausgebildete Schamanin. Wie mein Kollege Michael Nikbakhsh 2018 berichtete, verirrte sich die frühere Managerin auf der Suche nach einem Rezept gegen Heuschnupfen (ausgerechnet Pferdehaar) in die Welt der Esoterik. Der ÖVP-Nationalratsabgeordnete und frühere Wirtschaftsbund-Generalsekretär Peter Haubner wiederum verfügte einst über einen Gewerbeschein für „Lebensraum-Consulting“. Im Gewerberegister ist dabei auch von „Radiästheten“ die Rede. Auf gut Deutsch heißt das, Haubner war einmal Wünschelruten-Geher.

Zweifellos haben sich schon viele Österreicher mit der sprichwörtlichen oder auch mit der tatsächlichen Wünschelrute auf die Suche nach dem vermeintlich rechten Weg gemacht. Aberglaube ist hierzulande breit akzeptiert. Auch dort, wo man eher nicht damit rechnen würde. Es soll zum Beispiel das eine oder andere öffentliche Krankenhaus geben, in dem sich ein Granderwasser-Trinkbrunnen befindet. Ich durfte vor einigen Jahren – damals noch bei einem anderen Medium – an einem Artikel mitrecherchieren, bei dem es um ein spezielles Rohr ging, das Leitungswasser „aktivieren“ soll:  teuer verkauft an Altersheime, soziale Wohnbauträger und eine Tochter der altehrwürdigen Oesterreichischen Nationalbank. Inspiriert war das Gerät von einem UFO-Erfinder aus dem Dritten Reich. Wissenschaftliche Grundlage: null. Ein Nationalbank-Sprecher ließ damals wissen, die Geräte würden funktionieren.

Das Glückshemd hochkrempeln

Die Inflation an Esoterik wird nun in der Corona-Pandemie zum Problem. Offensichtlich gibt es Menschen, die – teils gefährlichem – Hokuspokus mehr vertrauen als wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ausdrücklich soll an dieser Stelle niemandem die Freude an haltgebenden Ritualen abgesprochen werden. Kenner meines in der Kollegenschaft viel belächelten Lieblings-Dresscodes (Sakko-Pflicht auch bei Videokonferenzen) werden – ob des nun folgenden Geständnisses – erneut schmunzeln: Ich hatte als Schüler ein Glückshemd für Schularbeiten. Ich habe damit allerdings Aufsätze geschrieben und Rechenaufgaben gelöst – und nicht ein Land regiert, Geldpolitik gemacht oder lebenswichtige Entscheidungen getroffen. Und als ich älter wurde und das Hemd zu klein für den Einsatz war, stellte ich endgültig fest, was ich letztlich schon vorher wusste: dass der Lernerfolg gar nichts mit dem schrecklich gemusterten Kleidungsstück zu tun hatte. Heute zögere ich jedenfalls nicht eine Sekunde, den Ärmel für eine wichtige, zugelassene Impfung hochzukrempeln.

Wie verzwickt die Situation in Österreich ist, mag man auch daran ermessen, dass vor kurzem mit Kardinal Christoph Schönborn ausgerechnet ein Kirchenvertreter die „wissenschaftsbezogene Skepsis“ als „ein bestürzendes Phänomen“ bezeichnete. Im Wiener Stephansdom kann man sich übrigens immer noch impfen lassen. Wer sich zur passenden Zeit anstellt, erlebt dabei vielleicht sogar eine Messe. Liturgische Wandlung hin oder her: Der Impfstoff kommt nicht von oben, sondern von Pfizer & Co.

Bleiben Sie auch – aber nicht nur – in schwierigen Zeiten auf dem Boden der Tatsachen!

Stefan Melichar

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