Zwei Kinder sitzen an einem Tisch, eines legt den Kopf erschöpft auf die Arme, das andere malt mit Buntstiften.
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Deutschkenntnisse: Kindergärten produzieren verlorene Generation

Die meisten Kinder, die am Beginn der Volksschule kaum Deutsch sprechen, besuchten jahrelang einen österreichischen Kindergarten. Was läuft da schief?

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„Mein Name ist … Ich bin sechs Jahre alt … Ich esse gerne Eis. Zu uns kommen Kinder, die diese einfachen Sätze nicht sagen können. Sie scheitern auch daran, den richtigen Buntstift zu nehmen, weil sie ,rot‘ oder ,blau‘ nicht verstehen. Wir sind regelmäßig baff, wenn die Eltern bei der Ersteinschreibung dann angeben, dass ihre Kinder zwei oder mehr Jahre den Kindergarten besucht haben.“

Baff ist auch ein Wiener Mittelschuldirektor aus Wien-Brigittenau, wenn er sieht, wie viele Jahre manche Schüler angeblich im Kindergarten waren, doch bei ihm im Direktorenzimmer nur brüchig Deutsch sprechen.

Was die beiden – anonym – erzählen, ist durch Statistiken untermauert. In Wien können 50 Prozent der schulpflichtigen Kinder mit sechs Jahren dem Unterricht sprachlich kaum folgen. Sie werden als außerordentliche Schüler eingestuft oder in die Vorschule geschickt. Meist haben sie Migrationshintergrund und sprechen daheim eine andere Sprache. Zwei Drittel sind in Österreich geboren. Es handelt sich also großteils nicht um Flüchtlingskinder, die neu im Land sind. Die durchschnittliche Zeit, die diese Kinder im Kindergarten verbracht haben: 2,7 Jahre. Diese Zahlen hat die Stadt-ÖVP aus Anfragen an die Neos-Bildungsstadträtin zusammengetragen.

WIEN: BILDUNGSMINISTER WIEDERKEHR (NEOS)N BESUCHT KINDERGARTEN
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Wie kann das sein?

Vergangenen Dienstag präsentierte Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) im Atrium eines Wiener Gymnasiums seinen „Plan Zukunft“ für die Schule von morgen. Er lud Gäste auf seine „Zukunftscouch“, um über KI, neue Fächer wie Demokratie oder mehr Schulautonomie zu diskutieren. Und er erläuterte seine Pläne: eine sechsjährige Volksschule. Ein Vorstoß, der aber akademisch bleiben wird. Denn der Koalitionspartner ÖVP ist strikt dagegen.

Das in der Realität viel brennendere Thema streifte Wiederkehr zu Beginn: die Schule vor der Volksschule, den Kindergarten. Er blieb allgemein: „Der Kindergarten ist die erste Sprosse. Wenn diese nicht funktioniert, kommt man nicht höher rauf.“ Über das Regierungsprojekt eines zweiten verpflichtenden Kindergartenjahres verlor er kein Wort.

Die erschütternd hohe Zahl von sprachlosen Volksschülern nach Jahren im Kindergarten zeigt: Die erste Sprosse ist voller Klebstoff. Für zu viele Kinder geht es von hier aus nicht nach oben.

Die Defizite werden in der Schultasche mitgeschleppt. In „Brennpunktschulen“ haben Schüler nach vier Jahren Volksschule fast zwei Jahre Lernrückstand im Vergleich zu Schulen am oberen Ende der Skala, ergab eine Untersuchung des Bildungsministeriums. Von dort geht es meist weiter in die Mittelschulen, wo die sprachliche Schere weiter auseinandergeht. Nach dem Ende der Pflichtschule kann ein Fünftel der jungen Menschen in Österreich nicht sinnerfassend lesen.

Kindergartenkinder wären fähig, in eineinhalb Jahren eine zweite Alltagssprache, also Deutsch, zu lernen, sagt die Wissenschaft. An der Mehrsprachigkeit liegt es also nicht per se. Doch in Wien und einigen Bezirken in Linz, Wels oder Graz, wo jedes zweite Volksschulkind daheim nicht Deutsch spricht, könnte die Realität nicht weiter davon entfernt sein.

Woran liegt das? Was sind die Fehler im System? Und was muss passieren?

Clemens Neuhold

Clemens Neuhold

ist seit 2015 Allrounder in der profil-Innenpolitik. Davor „Wiener Zeitung“, Migrantenmagazin biber, Kurier-Wirtschaft. Leidenschaftliches Interesse am Einwanderungsland Österreich.