Für die Lehrerin aus Favoriten ist die Sache klar. „Viele der Kinder gehen nur unregelmäßig in den Kindergarten und werden oft schon vor Mittag abgeholt. Im Kindergarten sprechen sie in den Gruppen oft mehr Türkisch oder Arabisch als Deutsch.“
Lässt sich ihre These bestätigen?
Die Anwesenheit
In Wien liegen acht der österreichweit zehn Bezirke mit der höchsten Zahl an außerordentlichen Volksschülern. Wie viel ihrer Tageszeit verbringen Wiener Kinder im Kindergarten?
90 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen gehen in den Kindergarten. Von 80.000 Kindern in städtischen oder privaten Einrichtungen sind weniger als 20 Prozent im Kindergarten halbtags gemeldet, der Rest besucht ihn länger bis ganztägig – zumindest auf dem Papier.
Im Büro der Wiener Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (Neos) sind Kinder, „die nur unregelmäßig und zu kurz den Kindergarten besuchen“ und die sich im Sommer zusätzlich „über Wochen in einem anderssprachigen Umfeld aufhalten“, ein großes Thema.
Die Eltern entscheiden selbst, wann sie ihre Kinder bringen. Nur im letzten Kindergartenjahr gilt eine Anwesenheitspflicht von 20 Stunden pro Woche oder vier Stunden täglich. Mit Ankommen, Abholen und Jause schrumpft die reale „Lern“-Zeit weiter zusammen. Bis zu drei Monate dürfen Kinder zudem fernbleiben – durch Schulferien und Urlaube außerhalb der Ferienzeiten. Durch Krankheiten in der Virensaison werden rasch vier Monate Abwesenheit daraus.
Die Stadt fordert Eltern schon jetzt auf, ihre Kinder (freiwillig) für 30 statt für 20 Stunden zu schicken, wenn diese eine Sprachförderung benötigen. Im letzten, verpflichtenden Kindergartenjahr sollte genau das zur Regel werden, steht im Regierungsprogramm. Ab wann? Das sei „noch nicht absehbar“, heißt es auf Nachfrage im Büro Wiederkehr.
Und das zweite verpflichtende Kindergartenjahr – ein zentrales Projekt der Regierung? Das „soll ab September 2027 umgesetzt werden“, heißt es. Die Besuchspflicht wird in diesem zweiten Pflichtjahr jedoch auf 20 Stunden beschränkt bleiben.
Nach einer Revolution, die angesichts der Deutsch-Misere nach Jahren im Kindergarten nötig wäre, klingt das allerdings nicht. Und das liegt nicht nur an Blockaden durch die Bundesländer, die für den Kindergarten zuständig sind, beziehungsweise an den Finanznöten des Bundes, sondern auch am eklatanten Personalmangel.
Das Deutsch des Personals
Gruppen mit 25 Kindern sind in urbanen Kindergärten keine Seltenheit. Laut dem Verein zur Förderung von Elementarbildung, Educare, sollten sie maximal 15 Kinder umfassen. Skandinavische Kindergärten zählen mit diesem Schlüssel zu den besten der Welt.
Diese Großgruppen sollten doppelt besetzt sein. In Österreich haben Elementarpädagogen Assistenzkräfte. Letztere stellen in Österreich fast 44 Prozent des Kindergartenpersonals. Oft auch „Helferinnen“ oder „Zusatzkräfte“ genannt, sind sie vorwiegend für die Essensausgabe oder das Putzen von Küche und WC zuständig. Dadurch sind sie die Hälfte der Zeit nicht in den Gruppen, ergaben Umfragen unter dem Personal. Zudem wird dieser Job schon an Personen mit geringen Deutschkenntnissen vergeben.
Sie brauchen in einigen Bundesländern gar keine spezifische Ausbildung und dürfen etwa in Wien ab dem Sprachniveau A2 arbeiten. Damit ist zwar eine Verständigung mit den Kindern möglich, doch mit Fehlern bei Artikeln, Verbformen oder der Satzstellung.
Durch eine Sonderregelung dürfen Assistenzkräfte auch die Gruppenführung übernehmen, wenn die Pädagogin ausfällt. In Wien fehlen laut ÖVP-Klubobmann Harald Zierfuß im Durchschnitt pro Standort zwei ausgebildete Pädagoginnen, die Fluktuation ist hoch. Laut Educare kommt es durch den Mangel an Elementarpädagogen immer wieder dazu, dass Hilfskräfte mit dürftiger oder keiner Ausbildung den Betrieb aufrechterhalten.
So bleiben zu viele Kindergärten Aufbewahrungsstätten, anstatt zur Vorschule aufzusteigen. Die Regierung hat sich vorgenommen, das Sprachniveau von Assistenzkräften deutlich auf B2 zu heben – allerdings nur als vages Ziel ohne Zieldatum. Wohl aus Angst, den Personalmangel noch zu vergrößern.
Die Sprachinseln
Wird in Kindergarten zu oft nicht Deutsch, sondern in Fremdsprachen gesprochen, in der sich Kinder, Eltern und das Personal selbst wohler fühlen? Das würde die These der Favoritner Lehrerin bestätigen, die vermutet: „In den Kindergärten sprachen meine Kinder mehr Türkisch oder Arabisch als Deutsch.“
Denn Kindern untereinander ist das schwer zu verbieten. Die Pädagoginnen oder Assistenzkräfte sind angehalten, Deutsch zu sprechen. Zum Trösten der Kinder oder um Eltern wichtige Informationen zu geben, können sie aber in ihre Erstsprache wechseln. Je stärker eine Sprachgruppe dominiert, umso größer ist die Versuchung, Deutsch zu vernachlässigen. Hier sieht man auch im Büro Emmerling „Handlungsbedarf“.
Ende der 2000er-Jahre wurden in Wien viele Kindergärten aus dem Boden gestampft, um das Betreuungsangebot zu erhöhen. Neben den städtischen und großen privaten Kindergärten wie St. Nikolausstiftung, Kinderfreunde oder Kiwi gab es auch Kindergärten-Vereine, die aus Communitys heraus für Landsleute gegründet wurden. So entstanden Sprachinseln mit Kindern, die nicht nur zu Hause, sondern auch im Kindergarten zu selten mit Deutsch in Berührung kommen.
Kleinere und abgeschottete Träger waren auch anfälliger für Förderbetrug. Wie der Rechnungshof über die Jahre bei zahlreichen Kindergärten feststellte, wurden öffentliche Gelder zweckentfremdet und Bücher frisiert. Auch von gefälschten Anwesenheitslisten war immer wieder die Rede. Diese müssen im Pflichtjahr geführt werden. Pro Kind zahlt die Stadt 800 bis 1000 Euro monatlich an die Träger. Ob ein Kind wirklich die vorgeschriebene und aufgezeichnete Zeit anwesend war, ist im Nachhinein schwer zu kontrollieren. Im letzten Kindergartenjahr hat die Stadt 140 Verstöße geahndet.
Im Februar wurde acht privaten Trägern mit 13 Standorten für 760 Kinder die Förderung gestrichen wegen diverser festgestellter Verstöße. Es ist nicht davon auszugehen, dass in solchen Kinderstätten die Priorität auf bestmöglicher Deutschförderung für die Kleinsten lag.
Kindergarten und Elterngarten
„Wenn Eltern gegen uns arbeiten, haben wir keine Chance.“ Für eine Leiterin eines Kindergartens in Linz mit fast 100 Prozent migrantischen Kindern ist das der Hauptgrund, dass Kinder nach Jahren im Kindergarten kaum Deutsch sprechen. Sie spricht von „Medien-Autisten“, die das Smartphone oder Tablet schon in den Kinderwagen gelegt bekommen, mit Sendungen oder Videos in der Erstsprache, nicht auf Deutsch. In diesen Haushalten hätten Bücher, Bildung oder das Deutsch der Kinder keinen Stellenwert. „Wenn wir das auffangen sollen, braucht es viel mehr Personal.“
Oder eine viel stärkere, verpflichtende Mitwirkung der Eltern. Der Kindergarten muss zum „Elterngarten“ werden, damit Eltern lernen, was ihre Kinder brauchen. Einmal im Jahr die „Portfolio-Mappe“ durchzugehen, reicht nicht. Dafür bräuchte es regelmäßige Erziehungs- und Beziehungsarbeit mit Anwesenheitspflicht und geschultem Personal.
Und einen echten „Plan Zukunft“ von Bund und Ländern für die Kindergartenschule von morgen.