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profil-Morgenpost
06/08/2021

Wie erkläre ich meinen Rücktritt?

Robert Treichler liefert Ihnen einen Formulierungskatalog für alle Fälle – inklusive Stilkritik.

von Robert Treichler

Guten Morgen!

Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen, muss Sie allerdings warnen: Im Folgenden geht es um das endgültige Adieu, den Abschied, den Rücktritt und vor allem darum, wie man ihn bekannt gibt. Zurückzutreten ist im Moment gerade en vogue, und wer auch immer der oder die Nächste sein möge, hier ein kleiner Formulierungskatalog für alle Fälle – inklusive Stilkritik. So serviceorientiert kann die Morgenpost sein.

Beginnen wir mit den aktuellsten Rücktrittserklärungen – profil-Storys dazu finden Sie hier und hier und hier.

Norbert Hofer, nunmehr Ex-FPÖ-Parteiobmann: „Meine Reise an der Spitze der FPÖ ist zu Ende.“
Kritik: Gewandter Ausdruck, hübsche Metapher („Reise“) unter nachvollziehbarer Nichterwähnung der Reisebegleitung (Herbert Kickl); sehr gelungen, mit dem Wort „Ende“ zu enden.

Wolfgang Brandstetter, nunmehr Ex-Mitglied des Verfassungsgerichtshofs: „Tatsache ist, dass faktisch eine Situation eingetreten ist, in der ich dem VfGH am besten dienen kann, indem ich mich von meiner Funktion zurückziehe.“
Kritik: Ziemlich umständlich formuliert; „Tatsache“ und „faktisch“ sollten nicht einmal in einer nicht-veröffentlichten Minderheitsmeinung im selben Satz stehen.

Thomas Schmid, nunmehr Ex-Vorstand der ÖBAG: „Der Aufsichtsrat bedankt sich bei Thomas Schmid für die ausgezeichnete inhaltliche Arbeit der letzten zwei Jahre, distanziert sich aber gleichzeitig von den Chatnachrichten.“
Kritik: Schmid erklärt seinen Rücktritt nicht selbst, sondern lässt ihn erklären. Keine Wertung.

Und jetzt wie versprochen zur Inspiration ein kleines Potpourri aus Rücktrittserklärungen, lapidaren letzten Worten und Abschiedsreden.

Yanis Varoufakis, Griechenlands Finanzminister: „Kein Minister mehr“.
Kritik: Form und Stil gleichermaßen konzise, denn die Mitteilung erfolgte per Tweet und ohne Verb.

Helmut Schmidt, deutscher Bundeskanzler in seiner letzten Rede im Bundestag: „Denn keine Begeisterung sollte größer sein als die nüchterne Leidenschaft zur praktischen Vernunft. Ich danke Ihnen sehr.“
Kritik: Was soll man sagen? Die Rede dauerte zwei Stunden und sprengte damit alle vorgeschriebenen Limits. Groß!

Ole von Beust, Hamburger Erster Bürgermeister: „Die biblische Erkenntnis, alles hat seine Zeit, gilt auch für Politiker. Selbstverständlich gilt sie auch für mich.“
Kritik: Erwähnung der Bibel gibt dem Rücktritt eine gewisse Aura, wenngleich die Herleitung im konkreten Fall ein bisschen bemüht ist.

Richard Nixon, US-Präsident: „Möge Gottes Gnade mit Euch sein, an allen künftigen Tagen“.
Kritik: Ein Gebet zum Abschied, warum nicht? Wobei die Erwähnung des Begriffs „Gnade“ nicht unheikel ist, musste Nixon doch gleich anschließend von seinem Nachfolger Gerald Ford in Bezug auf „alle Verstöße gegen die Vereinigten Staaten“ begnadigt werden.

Karl-Theodor zu Guttenberg, deutscher Verteidigungsminister: „Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.“
Kritik: Die romantische Figur des Helden am Ende; sehr gelungen.

Benedikt XVI, Papst: „Ich danke euch von ganzem Herzen für alle Liebe und Arbeit, womit ihr mit mir die Last meines Amtes getragen habt, und ich bitte euch um Verzeihung für alle meine Fehler.“
Kritik: Schlicht, klar, präzise – und insbesonders den letzten Satz könnte manche als Textbaustein memorieren.

Ihr

Robert Treichler

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