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10/11/2020

Wien-Wahl 2020: Kommst du mit in den Alltag

Zwischen Corona-Sicherheitsregeln und „Identifikationsparavents“: Die Wien-Wahl im Herbst der Pandemie.

von Philip Dulle

Schauplatz Volksschule Ortnergasse, 15. Wiener Gemeindebezirk. 11 Uhr Vormittags. Die Fleißigen waren schon wählen und sitzen beim Brunch am nahen Sparkassaplatz. Um das Wahllokal sind an diesem grauen Oktobersonntag nur vereinzelte Wählerinnen und Wähler anzutreffen. Zum gemeinsamen Politisieren und Fachsimpeln ist heute niemand hier. Schnell rein, Kreuzerl machen und bloß schnell wieder raus – der Herbst der Pandemie lädt nicht zum Verweilen ein.

Um einen zu großen Andrang auf die Wahllokale zu vermeiden, wurde die Briefwahl in Wien stark forciert; das schlug sich in einer Rekordzahl an Wahlkarten nieder. Insgesamt wurden heuer 382.214 ausgestellt. Damit wird der Anteil der Briefwahlstimmen massiv ansteigen, auf rund 40 Prozent, 2015 waren es rund 19 Prozent.

In der öffentlichen Schule, in der auch Justizministerin Alma Zadić die Bank gedrückt hat, ist auf den ersten Blick alles wie immer – und, weil die Zeiten nunmal kompliziert sind, doch ganz anders. An den Mund-Nasen-Schutz hat man sich in den letzten Monaten schon gewöhnt, es dreht sich heute niemand mehr nach einem um, wenn man eine Haube oder einen Schal trägt. Desinfektionsspender stehen bereit, es sind Absperrbänder gespannt, von denen man nicht genau weiß, wofür sie bestimmt waren. Immerhin ist heuer ein klar definierter Ein- und Ausgangsbereich vorgesehen. Da es im Wahllokal mehrere Wahlsprengel gibt, versehen heuer gefühlt mehr Ordnerinnen Dienst als an früheren Wahltagen; es wird um Abstand gebeten, übervorsichtig eingewiesen, nachgefragt und nachgeschaut, ob man eh einen eigenen Kugelschreiber bei sich trägt.

Bei der letzten Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl 2015 hat die SPÖ in Rudolfsheim-Fünfhaus, im ärmsten und migrantischten Bezirk Österreichs, 39,1% geholt, gefolgt von der FPÖ (24,8) und den Grünen (21,2). Für die ÖVP (die zum Fünfzehnten immer noch Rudolfscrime sagen) und die Neos ist der Bezirk zwischen Westbahnhof, Stadthalle und Schönbrunn ohnehin ein schwieriges Pflaster – das dürfte sich auch 2020 nicht grundsätzlich ändern.

Das Wählen im Wahllokal (davon gibt es in Wien insgesamt 1494) hat für mich schon immer etwas Feierliches. Weihnachten, Ostern, Sommerurlaub, zur Wahlurne gehen. Kaum ein Sonntag ist lebendiger, kaum einer ist spannender. Auf den Straßen herrscht geschäftiges Treiben, vor den Wahllokalen debattieren die Wählerinnen über den mehr oder weniger verrückten Wahlkampf, die Nachbarn kochen ihr traditionelles Wahlschnitzel; man trifft Kindergarten-Eltern, die nette Frau, die einem sonst in der Apotheke so fürsorglich die Medikation erklärt – und diesen einen Nachbarn, bei dem man sich nicht mehr sicher war, ob er überhaupt noch im Grätzl wohnt. Mit Wahlkarte habe ich im Laufe meiner persönlichen Demokratiekarriere nur gewählt, wenn es wirklich nicht anders ging – sprich, ich am Wahltag im Ausland war. Seit ich für profil arbeite, besteht diese Gefahr ohnehin nicht. Denn: Wahltag heißt, de facto, Urlaubssperre. Der Sonntag wird zum schlafraubenden Arbeitstag.

Zurück ins Wahllokal. Bei der Kontrolle der Personalien dann der Moment der Wahrheit. Überprüfung der Identität. Zur Kontrolle muss die Maske kurz nach unten gezogen werden – die durchsichtigen „Identifikationsparavents“ aus Plexiglas sollen dabei laut Aussendung der Stadt Wien genügend Schutz bieten. Nochmal schnell kontrollieren, ob der mitgebrachte Kugelschreiber eh funktioniert. Es läuft eigentlich alles rund und ruhig, sagt die freundliche Frau hinter dem Plastikschutz.

Der Wiener Wahltag zeigt: Der Alltag muss weitergehen, vor allem auch demokratiepolitisch. So ist auch die Wahl zum Wiener Landtag und Gemeinderat eine Übung im Krisenmanagement. Hier wird live am Patienten operiert, auch wenn es sich nur um einen Routineeingriff handelt. Aushalten muss die Demokratie per Definition schon einiges. Schön, dass die Pandemie da keinen Strich durch die Rechnung macht.

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