Wien-Wahl: Wie Ursula Stenzel ihre wahre Erfüllung findet

Ursula Stenzel und Heinz-Christian Strache.

Ursula Stenzel und Heinz-Christian Strache.

Hüttengaudi im Prater statt Soiree in der Oper: Ursula Stenzel schaut sich in ihrer neuen Wahlheimat FPÖ um. Was völlig unvereinbar schien, passt erstaunlich gut zusammen.

Der Zeremonienmeister, ein älterer schlanker Herr mit weißem Haar, hebt das 15 Kilogramm schwere Schwert mit bemerkenswerter Leichtigkeit und lässt es auf die Schultern der Bezirksvorsteherin sinken: „Nach alter Bruderschaftssitte gehörst du mit diesem Schlag in unsere Mitte.“ Handschlag. Umarmung. Seit vergangenem Mittwoch- abend ist die Novizin Ursula Stenzel Mitglied der Bruderschaft St. Christoph. Die „Vereinigung christlicher Nächstenliebe“ (Motto: „Sehen, helfen, handeln“) ist eine besondere Charity-Organisation: gegründet vor über 600 Jahren von einem Schweinehirten, 20.000 Mitglieder, darunter österreichische Spitzenpolitiker wie Wolfgang Schüssel und Ex-Monarchen wie Juan Carlos von Spanien und Beatrix der Niederlande. Sitz der Bruderschaft ist das 5-Sterne-„Arlberg Hospiz Hotel“ in St. Christoph, Aufnahmezeremonien finden aber auch in der Bundeshauptstadt statt – wie vergangene Woche im Refektorium des Wiener Franziskanerklosters im 1. Bezirk. Unter den etwa 30 Novizen und Novizinnen befinden sich Ärzte, Anwälte, Spitzenbeamte und ein prominenter Weinbauer aus Stammersdorf.

Ursula Stenzels Noviziat in der FPÖ begann am 1. September. In einer Pressekonferenz mit Parteiobmann Heinz-Christian Strache verkündete sie, aus der ÖVP aus- und für die FPÖ bei den Wiener Bezirks- und Gemeinderatswahlen am 11. Oktober anzutreten. Bisher galt: Stenzel – Innenstadt, Denkmalschutz und Matinee im Burgtheater; Strache – Vorstadt, Bildersturm und Frühshoppen im Braugasthof. Nun bilden Stenzel und Strache ihre eigene Bruderschaft in der von der FPÖ angekündigten „Oktoberrevolution“.

Die erstaunliche Erkenntnis: Was unvereinbar schien, passt gut zusammen.

Samstag vergangener Woche herrscht im „Alpendorf“ im Wiener Wurstelprater Kirtagsstimmung, wie sie Ursula Stenzel in der Innenstadt keinesfalls dulden würde. Das „Alpendorf“ ist die bauliche Umsetzung der neuen rustikalen Welle: Holzhütten, Holzbänke – und wo kein Holz verbaut wurde, ist wenigstens ein Holzmuster aufgemalt. Die Kombination Almenschick und FPÖ funktioniert. Schon zu Mittag ist das riesige Lokal zum Bersten voll. Die John-Otti-Band spielt Hitparade, die Paldauer geben Schlager zum Besten. Das Publikum trägt Pseudo-Tracht „Made in Bangladesh“, die Partei-Hautevolee lieber Handgearbeitetes aus Salzburg oder Altaussee.

"Ich könnte genauso gut ein Dirndl tragen"

Der Star, auf den alle warten, kommt um 17 Uhr. Strache hat seine kurze Lederhose an, blaue abgerollte Stutzen und hellbraune Holzfällerstiefel. Die Einheizerin aus dem 1. Bezirk, auf die so richtig niemand gewartet hat, erscheint zuvor auf der Bühne. Eines muss man Ursula Stenzel lassen: Standesdünkel scheinen der Innenstadt-Chefin tatsächlich fremd zu sein. Vom Publikum unterscheidet sie sich vielleicht kulturell-ästhetisch, aber nicht sozial: „Ich stehe heute hier vor euch in einem urbanen Outfit, aber ich könnte genauso gut ein Dirndl tragen.“ Nur manchmal passiert ihr ein distanzierendes „Sie“ statt eines vereinnahmenden „Ihr“.

Stenzel beherrscht keinen Dialekt, nur Schönbrunner Deutsch. Manchmal passt die Wortwahl nicht zu Location und Publikum: „Ich halte diesen Cordon sanitaire gegenüber der FPÖ für zutiefst undemokratisch.“ Aber schon im nächsten Satz fällt ihr die freiheitliche Übersetzung ein: „Ausgrenzung.“ Spricht Stenzel ihre neue Zielgruppe direkt an, erhält sie am meisten Applaus: „Es ist infam, wenn man euch als freiheitliche Wähler als Rassisten oder gar als Faschisten bezeichnet.“ Vor dem Hauptact spielt die John-Otti-Band noch die neue Wahlkampf-Hymne „Immer wieder Österreich“. Auftritt Strache.

Im Umgang mit der Bezirksvorsteherin zeigt der FPÖ-Obmann, dass er ein galanter Kavalier ist – oder ein talentierter Tantentäuscher. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz verwöhnt er sie mit einem Handkuss. Im Privatgespräch beim „Tag der offenen Tür“ im Rathaus hört er artig zu, ohne die zu längeren Ausführungen neigende Stenzel zu unterbrechen. Und natürlich lässt er ihr stets den Vortritt. Zu Stenzels 70. Geburtstag diese Woche wird er sich wohl mit Blumen einstellen.

Sollte Strache Stenzel für eine Trophäe aus schwarzem Revier halten, dann zeigt er das zumindest nicht. Man ist per Sie – und hat auch vor, es zu bleiben.


Ich bin ein Signal für die Öffnung der FPÖ für bürgerliche Wähler. (Ursula Stenzel)

In ausgesprochener Höflichkeit lief auch die Kontaktaufnahme ab. Die Initiative ging von Strache aus. Nach mehreren Gesprächen nahm Stenzel das Angebot an. Auf der FPÖ-Landesliste kandidiert sie auf Platz drei gleich hinter Strache und dem FPÖ-Klubobmann in Wien Johann Gudenus. Ein Gemeinderatssitz ist ihr damit garantiert.
Lieber als im neuen Rathaus würde Stenzel freilich weiterhin im Alten Rathaus in der Wipplingerstraße bleiben, dem Sitz des Bezirksamts der Inneren Stadt. Bei der Wahl tritt sie „als unabhängige Kandidatin mit Unterstützung der Freiheitlichen Partei“ an. Eine kleine sprachliche Unschärfe: Stenzel ist zwar nicht FPÖ-Mitglied, aber FPÖ-Spitzenkandidatin im 1. Bezirk. 2010 erreichten die Blauen dort zehn Prozent, die ÖVP kam auf 38 Prozent. Dank Stenzel sollten Zugewinne möglich sein. Diese bringen auf Gemeindeebene quantitativ zwar wenig, aber qualitativ umso mehr: Wo anders als in der Wiener Innenstadt ist der ultimative Nachweis blauer Salonfähigkeit möglich? So sieht das auch die Bezirksvorsteherin: „Ich bin ein Signal für die Öffnung der FPÖ für bürgerliche Wähler.“

Im 1. Bezirk tragen auch die freiheitlichen Kandidaten andere Nachnamen als in Floridsdorf, Simmering oder Favoriten: nicht Irschik, Stadler oder Mrkvicka, sondern Fürnkranz, Meran und Putré. Ursula Stenzel sollte es leicht fallen, rasch neue Freunde zu finden. Kommunikationsfreude ist ihr ohnehin nicht abzusprechen. Wöchentlich lädt die Bezirksvorsteherin zum Donnerstag-Dialog in den Wappensaal des Alten Rathauses.

Wo normalerweise Innenstadtbewohner ihre Alltagsanliegen (Lärm- und Anrainerschutz) artikulieren, herrscht vergangene Woche gediegene Wahlkampf-Atmosphäre. Brötchen werden serviert, Sekt- und Weingläser gereicht. Stenzel kennt die meisten Bürger persönlich. Hier der Chef der Lions, der schon für seinen Charity-Punschstand ab Mitte November wirbt; Stenzel gibt sich milde, obwohl sie die Advent-Alk-Hütten nicht goutiert. Da die Damen und Herren vom Denkmalschutz, dort der Bauunternehmer. Zur Unterstützung ist die 27-jährige FPÖ-Nationalratsabgeordnete Petra Steger erschienen. Auch ihr Vater Norbert ist dabei, ehemaliger FPÖ-Parteiobmann und Vizekanzler. „Ich gratuliere Ihnen zu Ihrer Tochter“, sagt Stenzel.

"Großteils Wirtschaftsflüchtlinge"

In ihren Auftritten zwischen „Alpendorf“ und Altem Rathaus hat Stenzel zwei große Themen: die Flüchtlinge und sich selbst. Über die Migranten weiß sie seit einem spontanen Lokalaugenschein am Wiener Hauptbahnhof vergangenen Mittwoch endgültig Bescheid und teilt dies ihren Zuhörern im Wappensaal auch mit: „Ich habe dort vor allem junge Männer gesehen. Es handelt sich großteils um Wirtschaftsflüchtlinge.“ Natürlich sei sie nicht „fremdenfeindlich“ oder „kaltherzig“, aber der Staat müsse sich wehren. Und dann gelingt Stenzel fließend der Übergang von den Flüchtlingen zur eigenen Person: „Ich weiß aufgrund meiner Familiengeschichte, was Leid, Flucht und Vertreibung bedeuten.“ Ihre Familiengeschichte schilderte sie tags zuvor bei einem von ihr organisierten „Grätzl-Treffen“ mit Anhängern (darunter die frühere US-Botschafterin Helene von Damm) so: „Meine Mutter ist Jüdin. Nach jüdischem Recht bin ich auch Jüdin. Ich könnte jederzeit nach Israel auswandern.“

Stenzels Botschaft soll erstens wohl sein: Gerade ich verfüge in Migrationsfragen über Glaubwürdigkeit. Zweitens: Die FPÖ kann keine Partei der Ewiggestrigen sein, sonst würde sie mich nicht akzeptieren. Der Zirkelschluss funktioniert nur bedingt. Wenn Juden in der FPÖ so normal und NS-Reminiszenzen ausgeschlossen wären, müsste man wohl nicht extra darüber referieren.

Nach ihrem Bekenntnis zur FPÖ Anfang September erhielt Ursula Stenzel einige Briefe, unter anderem von Schauspielern. Sie war mit dem 2009 verstorbenen Burgtheater-Ensemblemitglied Heinrich Schweiger verheiratet. Über den Inhalt der Briefe will sie nicht sprechen. Manch einen hat sie noch nicht geöffnet. Vielleicht ist sich Stenzel ihrer Sache doch nicht so sicher, wie sie behauptet. Am meisten freut sie sich dieser Tage, wenn ihr Bürger beim Gang durch den 1. Bezirk – die Antiquitätenhändlerin, der Galerist, der Barbetreiber – zuraunen, sie habe das Richtige getan. Offene Kritik gibt es nur sporadisch: Beim Besuch am Hauptbahnhof schreit eine Helferin „Schämen Sie sich!“, beim gemeinsamen Abendessen der St. Christoph-Novizen fallen laut Zeugen vereinzelt spitze Bemerkungen.

Verhältnis zu ÖVP zerrüttet

Dass Stenzel in der FPÖ womöglich ihre wahre Erfüllung findet, deutete sich bereits 2013 an. Vor der Nationalratswahl warf sie der ÖVP vor, „zu liberal“ zu sein, dem „Zeitgeist“ zu frönen, und kritisierte, dass mit dem Salzburger Asdin El Habbassi ein Muslim auf einem sicheren Listenplatz kandidiere. Auch das Verhältnis zu ihrer Landespartei war zerrüttet. Im November 2014 beschloss die ÖVP-Bezirkspartei einstimmig, statt Stenzel Markus Figl, einen Vertrauten von Außenminister Sebastian Kurz, zum Spitzenkandidaten der Innenstadt zu küren. Mit Gegenmaßnahmen durch Stenzel wurde gerechnet. In der Volkspartei erzählt man, sogar Wolfgang Schüssel – der sie 1999 in die Politik geholt hatte – habe versucht, die Bezirksvorsteherin von einer eigenen Kandidatur abzubringen.

Vertreter der Wiener ÖVP meinen, Stenzel würde ihnen mehr schaden, wäre sie mit einer eigenen Liste angetreten. Man werde Erster im Bezirk bleiben. Und dann der Standardspruch: „Jeder liebt den Verrat, aber niemand den Verräter.“ Was Ursula Stenzel ebenfalls standardmäßig kontert: „Ich bin mir immer treu geblieben. Die ÖVP hat ihre bürgerlichen Ideale verraten. Sie ist keine wertkonservative Partei mehr, im Gegensatz zur FPÖ.“

Wenn Polizisten Stenzel am Graben oder in der Kärntner Straße sehen, salutieren sie. Die Bürger grüßen eilfertig. Geschäftsleute bitten zu einem kleinen Plausch zwischen Tür und Angel. Die FPÖ bietet Stenzel mit ihrer Organisations- und Finanzkraft zumindest die theoretische Chance, dies alles zu behalten. Ist das die einfache Erklärung für den Wechsel? Natürlich nicht, sagt Stenzel. Es gehe ihr darum, ihre Arbeit für den Bezirk fortzusetzen und in der Stadt „die Machtherrschaft der SPÖ-Bonzen“ zu beenden.

Kein Zweifel: Stenzel gehört nun in die freiheitliche Mitte.