WKR-Ball: Wie Demonstranten dem Akademikerball den "Todesstoß" versetzen wollen

WKR-Ball: Wie Demonstranten dem Akademikerball den "Todesstoß" versetzen wollen

Besuch bei der Generalprobe: Wie linke Demonstranten dem blauen Akademikerball den "Todesstoß" versetzen wollen.

Von Jakob Winter

Dunkle Gestalten huschen an der Wiener Universität vorbei. In einem Hinterhof beziehen sie Aufstellung und vermummen sich. Einer entzündet ein bengalisches Feuer, dann werden Fotos geschossen. "Den Akademikerball unmöglich machen“, steht auf dem Banner, das die Aktivisten hochhalten. Die Jugendlichen sind Teil des parteiunabhängigen NOWKR-Bündnisses, das auch heuer wieder zu einer Demonstration gegen den Akademikerball der FPÖ - er findet am 30. Jänner statt - aufruft. Das Foto wird später zu Mobilisierungszwecken in den sozialen Medien verbreitet.

Warum die Anonymität? "Aus Schutz“, sagt Lukas. Vor Übergriffen von Neonazis sei man nie gefeit, ergänzt Svenja. Und auch mit der Polizei habe man keine guten Erfahrungen gemacht. Die beiden Wiener Studenten sehen sich und ihre Mitstreiter als "autonom, antikapitalistisch und antiautoritär-kommunistisch“. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Seit Wochen verteilen sie Flyer, kleben bei Nacht- und Nebelaktionen Plakate und schießen Fotos in kämpferischen Posen.

Der Wiener Korporationsring (WKR), eine Vereinigung von Burschenschaften, lud von 1952 an jährlich zum Fest - ab 1968 in die Wiener Hofburg. Die Liste der einschlägig bekannten Ballgäste ist lang: Rechtsextremisten und -populisten aus verschiedenen europäischen Ländern gaben sich bereits die Ehre, darunter Kader der NPD oder die Familie Le Pen vom französischen Front National - ein Gipfeltreffen der Rechten des ganzen Kontinents in den feinsten Repräsentationsräumlichkeiten der Republik.

Das offizielle Österreich stieß sich dennoch nicht daran. 2008 wurde schließlich das NOWKR-Bündnis gegründet. Es folgten jährliche Demonstrationen, mehr oder minder erfolgreiche Blockadeversuche und teils heftige Auseinandersetzungen mit der Polizei. "Wir haben den Ball überhaupt erst in den Fokus der öffentlichen Debatte gerückt“, sagt Svenja nicht ohne Stolz.

Die Proteste haben ihre Spuren hinterlassen, der Ball hat wahrlich schon bessere Zeiten gesehen: Die Organisatoren kämpfen seit Jahren mit Besucherrückgängen. Einst tanzten ein paar tausend Gäste an, 2014 sollen es nur mehr 800 gewesen sein. Im Jahr zuvor war der traditionsreiche WKR-Ball umbenannt worden, er heißt nun Akademikerball. Seither tritt die FPÖ offiziell als Veranstalter auf. Andernfalls hätten die Pächter der Hofburg ihre Räumlichkeiten nicht mehr zur Verfügung gestellt.

Doch das reicht den linken Aktivisten nicht. Mit ihrer Gegendemonstration wollen sie dem Ball den "Todesstoߓ versetzen. Vorsorglich hat das Bündnis bereits vor Weihnachten zwei Demonstrationsrouten bei der Polizei angemeldet. Tatsächlich wird aber nur eine davon beschritten. So wollen die Organisatoren bis zum Schluss unberechenbar bleiben. Heikel wird es aber ohnehin erst nach dem Ende der offiziellen Kundgebung: Dann nämlich werden die Teilnehmer von NOWKR per Lautsprecher dazu aufgerufen, möglichst viele Zufahrtswege zur Hofburg zu blockieren. Via Telefonzentrale werden die Demoteilnehmer durch den ersten Bezirk gelotst.

Vergangenes Jahr kam es nach der NOWKR-Demo zu Ausschreitungen: Wenngleich die große Mehrzahl der Demonstranten friedlich blieb, bewarf ein kleiner Block die Polizeibeamten mit Steinen und demolierte Geschäftslokale in der Innenstadt - der Sachschaden belief sich auf mehrere hunderttausend Euro. "Unseren Hass, den könnt ihr haben“, war damals das Motto der Demonstration. Der öffentliche Diskurs drehte sich danach mehr um zerbrochene Fensterscheiben als um die fragwürdige Gästeliste des Balles. Distanzieren wollen sich die Demo-Organisatoren von den Aggressoren aber trotzdem nicht: "Wir werden uns sicher nicht in gute und schlechte Antifaschisten spalten lassen“, sagt Svenja.

Gelungene PR-Arbeit sieht freilich anders aus.

Nicht ganz so exzessiv wird der Abend von der Offensive gegen Rechts (OGR) angelegt: Das Bündnis, dem etwa die Sozialistische Jugend und einige Gewerkschaftsorganisationen angehören, spaltete sich 2011 von NOWKR ab. OGR plant insgesamt drei Blockadepunkte, will diese aber ordnungsgemäß bei der Polizei als Kundgebungen anmelden. Nach dem Marsch vom Schottentor zum Stephansplatz werden die Teilnehmer in drei Gruppen in die Löwelstraße, zum Kohlmarkt und zur Freyung ziehen. Dass die Demo-Strategie so früh veröffentlicht wird, ist ein Novum. "Durch die offizielle Anmeldung und die transparente Kommunikation wollen wir heuer den größtmöglichen Schutz für die Teilnehmer unserer Demonstration gewährleisten“, erklärt die Sprecherin des Bündnisses. Mit Demonstrationstrainings werden die Teilnehmer auf den Abend vorbereitet. Für alle Fälle wird auch eine Rechtshilfenummer eingerichtet.

Die Polizei musste in der Vergangenheit harsche Kritik einstecken
- von beiden Seiten: Der ehemalige EU-Parlamentarier Andreas Mölzer zeigte 2013 den Polizeichef Gerhard Pürstl an. Er fühlte sich nicht ausreichend geschützt. Ein Jahr später forderten die Demonstranten den Präsidenten zum Rücktritt auf, nachdem der Einsatz entglitten war: Mehr als 20 Personen waren verletzt worden. Die Polizei hatte damals ihren Teil dazu beigetragen, die ohnehin angespannte Stimmung weiter aufzuheizen: Sie verhängte ein Platzverbot, größer als jenes beim Besuch des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush; außerdem wurde in neun Wiener Bezirken ein Vermummungsverbot verhängt. Letztes Jahr wurde zudem die programmatisch "ruhige und friedliche“ Veranstaltung "Zeichen setzen“ am Heldenplatz untersagt.

Heuer stimmt die Exekutive versöhnliche Töne an: Ein Vermummungsverbot als sicherheitspolizeiliche Maßnahme werde es am 30. Jänner nicht geben, erklärt ein Sprecher. Auch einen Twitteraccount (@LPDWien) hat sich die Wiener Polizeizentrale zugelegt. Man setzt auf Kommunikation und will mit den Organisatoren der Demonstrationen bereits im Vorfeld in Kontakt treten. Hinter den Kulissen arbeitet der grüne Gemeinderat Nikolaus Kunrath daran, dass "Zeichen setzen“ heuer wieder stattfinden kann. Die Chancen stehen gut, lässt die Polizei gegenüber profil durchklingen. Auf der Bühne sollen unter anderem Musiker wie Harri Stojka auftreten und Holocaust-Überlebende wie Rudolf Gelbard sprechen.

Die Exekutive rechnet bei allen Kundgebungen insgesamt mit 6000 Teilnehmern. Auseinandersetzungen mit den Demonstranten werden sich wohl nicht vermeiden lassen. 2500 Beamte sollen wie in den Vorjahren versuchen, zumindest einige Straßen freizuhalten. "Die Polizei könnte sich auch dazu entscheiden, den Ballgästen nicht den Weg freizuprügeln“, sagt Lukas und grinst. Damit wird er auf taube Ohren stoßen. Ein Sprecher der Exekutive stellt klar: "Wir schützen weder links noch rechts, sondern die Grundwerte.“

NOWKR kündigte gegenüber profil an, heuer das letzte Mal gegen den Ball vorgehen zu wollen. Man habe die Veranstaltung in der Öffentlichkeit delegitimiert, ist Svenja zufrieden. Den Ball wird es aber wohl noch länger geben: Für die Saison 2016 ist bereits ein "Termin für den Akademikerball vorgemerkt“, bestätigt die Geschäftsführung der Hofburg-Gesellschaft auf Anfrage.

Die Aktivisten von NOWKR und OGR bekommen aber ohnehin ein neues Feindbild: Die deutsche Pegida-Bewegung ("Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“) will auch in Wien Fuß fassen und kündigt eine Kundgebung nur drei Tage nach dem Akademikerball an. Den Antifaschisten wird also nicht langweilig. Der Polizei auch nicht.