Ex-ÖVP-Klubchef August Wöginger in den Farben Schwarz, Pink, Blau, Grün und Rot
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Nach Wöginger-Urteil: Postenschieberei läuft ungeniert weiter

August Wöginger ist überall: Wer Stadtpolizeikommandant, Sektionschef oder ORF-General werden will, braucht die richtigen politischen Kontakte. Noch immer! In höheren Hierarchieebenen läuft die Postenschieberei heute sogar noch schamloser als früher.

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Die Regierung wird in den nächsten Wochen die wichtigste Personalentscheidung des Jahres treffen – obwohl sie formal nicht zuständig ist. Es geht um einen Posten, den jede Partei kontrollieren möchte, in der Hoffnung, die veröffentlichte Meinung in die eigene Richtung zu drehen. Die Rede ist vom ORF-Generaldirektor, dem Chef von knapp 4000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Offiziell ist der unabhängige ORF-Stiftungsrat für die Wahl zuständig. Faktisch wurde die Mehrheit der Stiftungsräte von Landeshauptleuten und Regierungsparteien nominiert. Deren Parteihörigkeit wird als selbstverständlich empfunden, wie es Tirols Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) in einem Interview mit dem „Standard“ offenherzig aussprach. Auf die Frage, ob er seinen Tiroler Landsmann Clemens Pig – derzeit Chef der Austria Presse Agentur – als Nummer eins am Küniglberg begrüßen würde, antwortete Mattle: „Dafür sind die Stiftungsräte zuständig und im Endeffekt auch der Bundeskanzler.“

Immerhin ehrlich. So viel zur Unabhängigkeit.

Begehrlichkeiten am Küniglberg

So politisch wie dieses Mal war die ORF-Postenbesetzung wohl noch nie. Die ÖVP hat sich das Vorschlagsrecht für den Generaldirektor ausbedungen – die SPÖ versucht im Gegenzug, alle wichtigen Posten zu krallen, die sich mit Programmgestaltung beschäftigen. Offenbar will man hier Einfluss nehmen. Der aussichtsreichste Kandidat auf den Generaldirektor ist neben Pig der Geschäftsführer des Radiosenders Krone-Hit, Philipp König, ehemals im Kabinett von Ex-Kanzler Sebastian Kurz aktiv. ORF-Interimschefin Ingrid Thurnher wurde von ÖVP-Mediensprecher Nico Marchetti bereits zu ihrem Amtsantritt aus dem Spiel genommen: Er wünscht sich jemanden „von außen“. Derzeit sind – wie so oft – nur Männer im Rennen.

Der von der SPÖ entsandte Stiftungsratsvorsitzende Heinz Lederer spinnt viele Ideen, wie man möglichst viel Einfluss bekommen könnte. Bisher hat der Generaldirektor in Personalunion auch die „Info“ übergehabt – also den Nachrichtenteil, der für die Parteien von besonderer Relevanz ist. Man hört, dass Lederer das nun herauslösen, dem Radio zuschlagen und dort einen mächtigen neuen Direktionsposten schaffen will. Sein Favorit dafür ist Edgar Weinzettl, der derzeitige Leiter des Wiener Landesstudios. Er soll auch die Unterstützung von Bürgermeister Michael Ludwig genießen, der dem viel kritisierten Lederer weiterhin die Stange hält. Vizekanzler und SPÖ-Chef Andreas Babler will lieber eine Frau und bringt Dodo Roscic ins Spiel, derzeit Chefin des Radiosenders FM4. Auch andere mächtige Posten sollen vor allem zwischen Rot und Schwarz aufgeteilt werden. Dieselben Spielchen gibt es freilich auch in den Landesstudios – dort hatten die Landeshauptleute bei der Vergabe der Direktorenposten sogar ein Anhörungsrecht, bis der Verfassungsgerichtshof einen Riegel vorschob.

Wer geglaubt hat, dass es nach dem erstinstanzlichen Postenschacher-Urteil gegen den gefallenen ÖVP-Klubchef August Wöginger innerhalb der Parteien zu Selbstreflexion kommt, wird enttäuscht. Wöginger trat zwar als Klubchef zurück, blieb aber Nationalratsabgeordneter und ÖAAB-Chef. Das Postenkarussell dreht sich munter weiter.

Der neue Postenschacher: Klasse statt Masse

Doch die Schieberei läuft heute nach anderen Spielregeln als in früheren Jahrzehnten: Es geht nicht mehr vorrangig darum, möglichst viele kleine Parteimitglieder zu versorgen – davon gibt es immer weniger, und so werden nun auch Nichtparteimitglieder plötzlich Schuldirektoren. Der Postenschacher ist effizienter geworden, die Parteien fokussieren sich auf die Schlüsseljobs der Republik. Mehrere aktuelle Fälle belegen das. Es geht weniger ums Versorgen, sondern mehr ums Steuern. Und das ist weitaus gefährlicher.

Max Miller

Max Miller

ist seit Mai 2023 Innenpolitik-Redakteur bei profil. Schaut aufs große Ganze, kritzelt gerne und mag Grafiken. War zuvor bei der „Kleinen Zeitung“.

Josef Redl

Josef Redl

ist Redakteur im Wirtschafts-Ressort.

Anna Thalhammer

Anna Thalhammer

ist seit März 2023 Chefredakteurin des profil und seit 2025 auch Herausgeberin des Magazins. Davor war sie Chefreporterin bei der Tageszeitung „Die Presse“.

Jakob Winter

Jakob Winter

ist Digitalchef und seit 2025 Mitglied der Chefredaktion bei profil. Gründete und leitet den Faktencheck faktiv.