Wrabetz plant den ORF neu, SPÖ und ÖVP spielen mit Wrabetz ORF uralt

Wrabetz plant den ORF neu, SPÖ und ÖVP spielen mit Wrabetz ORF uralt

Trimedialer Newsroom, Matrixorganisation, Multimedia on Demand: Wie Alexander Wrabetz die Zukunft des ORF sieht. Trimediale Politinterventionen, rot-schwarze Machtmatrix, Topjobs on Demand: Wie der ORF der Gegenwart – und wohl auch der Zukunft – aussieht.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz ist „Experte für Geschlechtergleichstellungsfahrpläne“. Sagt Elizabeth Broderick. Die Gleichbehandlungsbeauftragte der australischen Regierung hielt Anfang März die Lobreden anlässlich der Verleihung der „CEO Leadership Awards“ beim „Women’s Empowerment Principles“-Kongress der Vereinten Nationen in New York. Der Preis zeichnet laut ORF-Pressemitteilung „führende Manager“ mit „Bekenntnis und Innovationskraft in Gleichstellungsfragen“ aus. Ehrengäste des Events waren UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und Hillary Clinton. Wrabetz erhielt die Auszeichnung laut Jurybegründung für „den umfassenden Gleichstellungsplan“ des ORF, der „Führungskräfte-Training und Mentoring-Programme für Frauen“ beinhalte. ORF-intern ist zu hören, der Generaldirektor sei ob der Ehrung gleichermaßen stolz und gerührt gewesen.

Werden Spitzenposten frei, endet das Selbstbestimmungsrecht des ORF

Für sein aktuelles Projekt benötigt Wrabetz mindestens so viel „Innovationskraft“ wie für die Frauenförderung. Der Generaldirektor will den ORF ins multimediale Zeitalter der digitalen Dreifaltigkeit – Fernsehen, Radio, Internet – führen und plant die größte Organisationsreform der jüngeren Unternehmensgeschichte. Doch Umbauten im ORF bedürfen einer Bewilligung durch die Politik. Werden Spitzenposten frei, endet das Selbstbestimmungsrecht des Rundfunks. Wrabetz will den ORF neu, SPÖ und ÖVP spielen mit Wrabetz ORF uralt – inklusive tagesaktueller Interventionen, Wünsch-mir-was-Programm und Jobvermittlung für Parteigünstlinge.
Dass SPÖ und ÖVP wie eh und je nicht am Fortkommen des ORF, sondern am eigenen Vorkommen im ORF interessiert sind, zeigte sich an der Berichterstattung zur rot-schwarzen Steuerreform, der im koalitionären Selbstverständnis „größten aller Zeiten“. Die mangelnde Begeisterungsfähigkeit der ORF-Redakteure blieb nicht ungestraft. So wurde führenden Rundfunkjournalisten von Regierungsseite vorgehalten, der Opposition zu viel Sendezeit eingeräumt und die Segnungen der Reform unterbelichtet zu haben.


Auf die Befindlichkeiten von Pressesprechern und Parteisekretariaten nehmen wir keine Rücksicht (ORF-Redakteurssprecher Dieter Bornemann)

Auf mäßige Freude in der Koalition stieß auch ein kritischer Kommentar von Hannes Androsch, der in einer „ZIB“-Sendung eigens aus China telefonisch zugeschaltet worden war. Als vollends überflüssig empfand die Regierungsspitze einen sogenannten „Faktencheck“ in der „ZIB 2“, der ergeben hatte, dass die Steuerreform 1975 größer ausgefallen war als die aktuelle. Der darob besonders erboste Vizekanzler Reinhold Mitterlehner nutzte ein Pressefoyer nach dem Ministerrat sogar zu einer persönlichen Gegendarstellung zum ORF-Bericht – ein Job, den normalerweise beflissene Pressesprecher im Hintergrundgespräch erledigen.
Im Kanzleramt wiederum lösten Beiträge im ORF-Radio Irritation aus, in denen der Verzicht der SPÖ auf Erbschafts- und Vermögenssteuern thematisiert worden war. Die Erregung kumulierte in emotionalen Eruptionen von Kanzler Werner Faymann und Medienminister Josef Ostermayer, als der ORF-Teletext auf Basis der Radiomeldungen titelte: „Steuern: Gibt die SPÖ auf? Keine Vermögens-/Erbschaftssteuer. Alles leere Versprechungen?“

ORF-Redakteurssprecher Dieter Bornemann kommentiert die jüngste Interventionsoffensive der Regierungsparteien kühl: „Wir machen unser Programm für die ,ZIB‘-Zuseher. Auf die Befindlichkeiten von Pressesprechern und Parteisekretariaten nehmen wir keine Rücksicht. Dass damit viele im politischen Zirkel unzufrieden sind, ist verständlich. Aber öffentlich-rechtlicher Rundfunk hat nur dann eine Berechtigung, wenn er Qualitätsjournalismus liefert und nicht zum politischen Wunschkonzert verkommt.“

Puffer zwischen Politik und Redaktionen ist Kathrin Zechner. Die ORF-Fernsehdirektorin halte den Interventionen stand, ist aus den ORF-Redaktionen zu hören. Dennoch kursieren abermals Gerüchte, Zechner könnte noch vor Ablauf der Geschäftsführungsperiode Ende 2016 die Informationsagenden verlieren und nur noch als Unterhaltungschefin weiter dienen. Dass Wrabetz seine Fernsehdirektorin auf politischen Druck gleich ganz opfert, wird ORF-intern ausgeschlossen. Schließlich zeichnet Zechner für Conchita Wurst, den Song Contest in Wien und den jüngsten Quotentreiber „Vorstadtweiber“ verantwortlich.

Warnung vor unerwünschter Einflussnahme

Fest steht: Mittelfristig wird die Unterhaltungs-TV-Expertin Zechner die ORF-Information sicherlich nicht mehr führen. Ein neues Organisationskonzept, das Wrabetz Anfang März dem ORF-Stiftungsrat präsentierte, sieht eine komplett geänderte Aufgabenverteilung vor. Die Unterhaltungsagenden (inklusive Kultur, Wissenschaft und Religion) unterstehen zukünftig einem „Head of Creative“. Sämtliche Informationsagenden (inklusive Sport) wandern zum „Head of Information“. Wie weit die Allmacht des neuen Info-Superdirektors geht, ist noch unklar. Redakteurssprecher Bornemann: „Bis jetzt hat Generaldirektor Wrabetz noch nicht darüber informiert, wie er sich seine neue Struktur genau vorstellt. Uns interessieren die Details: Wer darf wem etwas anschaffen? Wer hat die Personalhoheit? Wer hat die Hand auf dem Budget? Und wer bestimmt letztlich über die Berichterstattung? Hier erwarten wir uns eine baldige Aufklärung von der Geschäftsführung.“

Die Besetzung des neuen Machtpostens ist gemäß Realverfassung politisch genehmigungspflichtig – und schürt daher Urängste. Bei der Feier zum 40-jährigen Jubiläum der „ZIB 2“ Ende Jänner warnte Sendungschef Wolfgang Wagner bereits vor unerwünschter Einflussnahme: „Ich weiß, dass es Gespräche gibt, dass es Leute gibt, die davon reden, die ,ZIB 2‘ müsse man in den Griff bekommen. Wer die ,ZIB 2‘ in den Griff bekommen will, macht sie kaputt.“

Zwar nannte Wagner keine Namen, alle Anwesenden – inklusive Wrabetz und Zechner – wussten freilich, wer gemeint war: Roland Brunhofer, SPÖ-naher Direktor des ORF-Landesstudios Salzburg mit starkem Karrierewillen. Seine Chancen auf den Job des „Head of Information“ reduzierte Brunhofer in den vergangenen Wochen freilich mit allzu klaren Worten. Gegenüber der Austria Presse Agentur (APA) bekannte er, „zwar kein Mitglied der SPÖ“, aber „überzeugter Sozialdemokrat“ zu sein. Und in einem vorwöchigen Gespräch mit den „Salzburger Nachrichten“ kommentierte er die Spekulationen um seinen Karrieresprung in nahezu selbstbeschädigender Offenheit: „Wenn der Generaldirektor das will, werde ich mir überlegen, ob ich mir so eine Position zutraue.“
Als weitere SPÖ-kompatible Kandidaten für den Infochef gelten Programmentwickler Stefan Ströbitzer sowie Fernseh-Chefredakteur Fritz Dittlbacher. Der oberösterreichische Landesdirektor Kurt Rammerstorfer passt dagegen ins schwarze Jobprofil. Möglicher Kompromisskandidat wäre der derzeitige ORF-Innenpolitik-Chef Hans Bürger. Der frühere Pressesprecher von Werner Faymann, Marcin Kotlowski, Geschäftsführer des gemeindeeigenen Wiener Stadtfernsehens, wird für ORF-Führungsjobs aller Art ebenso gehandelt wie der Chef des SPÖ-nahen Echo-Medienhauses, Christian Pöttler.

Taktisches Personalproblem

Offen ist, wann die neue Organisationsstruktur umgesetzt wird. Semi-offizieller Termin ist Jänner 2017, wenn die neue ORF-Geschäftsführung antritt. Spätestens mit der Inbetriebnahme des trimedialen Newsrooms 2019/2020 muss die neue Struktur tadellos funktionieren. Allerdings könnte Wrabetz sein Konzept schon vor der nächsten Generaldirektorenwahl im Sommer 2016 dem Stiftungsrat zur Entscheidung vorlegen und schrittweise umsetzen.

Auch wenn der ORF-Chef – aufgrund der unberechenbaren TV-Information – nur bedingt über das Vertrauen von Werner Faymann und Josef Ostermayer verfügt, muss er nicht um seine dritte Amtszeit bangen. Ein direkter Herausforderer zeichnet sich nicht ab. Als ÖVP-Vertrauensmann wird Finanzdirektor Richard Grasl in Wrabetz’ Mannschaft bleiben. Auch Kathrin Zechner geht davon aus, als „Head of Creative“ wieder Wrabetz’ Dream-Team anzugehören. Alternativ könnte sie Landesdirektorin in der Steiermark werden. Technik-Direktor Michael Götzhaber kann mit der Unterstützung der roten Gewerkschafter im ORF rechnen.

Einen eigenen Direktor für Radio wird es in Alexander Wrabetz’ neuer Matrixorganisation nicht mehr geben, ebensowenig einen Online-Direktor. Beide bisher separaten Aufgabenbereiche verschmelzen in die multimedialen Zuständigkeit des „Head of Information“ und des „Head of Creative“. Dies könnte dem ORF-Chef ein taktisches Personalproblem bescheren: Der derzeitige Online-Chef und Technik-Vizedirektor Thomas Prantner gilt als Wrabetz’ Verbindungsmann zur FPÖ. In einem APA-Interview verwies Prantner durchaus selbstbewusst auf „eine erfolgreiche Leistungsbilanz im Bereich Online, TVthek und neue Medien“ und äußerte die Hoffnung, „dass dies und langjährige Managementerfahrung die zentralen Kriterien bei der Vergabe künftiger Führungsfunktionen im ORF sein werden“. ORF-intern geht man davon aus, dass Prantner gegenüber seinem Generaldirektor – wie Grasl und Zechner – einen Direktorenposten beanspruchen wird.

Wrabetz’ „Innovationskraft“ in der Personalentwicklung wird also bald wieder gefordert sein.