Zum letzten Mal

Zum letzten Mal

Christa Zöchling über ein österreichisches Phänomen, das der wiedergewählte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz aufs Artigste verkörpert.

Der 56-jährige Manager mit dem Bubencharme liebt altmodische Politiker-Gesten. Hände verkreuzt zusammenlegen, über den Kopf in die Höhe strecken und nach allen Richtungen schwenken. Oder Daumen nach oben. So ging Alexander Wrabetz Dienstag vergangener Woche am Wiener Küniglberg leicht verschwitzt und schwer erleichtert auf die wartenden Journalisten zu. Triumphal war sein Sieg nicht ausgefallen. Mit 18 von 35 Stimmen hatte er seinen langjährigen Finanzdirektor und Herausforderer Richard Grasl aus dem Rennen geworfen. „Arschknapp“, wie der grüne Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen zu sagen pflegt. Zwei Stiftungsräte, die das Etikett unabhängig-bürgerlich tragen, Ex-Caritas-Präsident Franz Küberl und Radio-Betriebsrätin Gudrun Stindl, hatten sich der Stimme enthalten. So stand es am Ende 18:15 für Wrabetz. Ein mageres Ergebnis im Vergleich zu den Mehrheiten, derer sich Wrabetz bei den vergangenen zwei ORF-Wahlen rühmen konnte.


Das kündet von kommenden Wahlkämpfen und Umwälzungen in der politischen Landschaft, die auch vor dem ORF und dem Bestellmodus seiner Führung nicht haltmachen werden.

Noch nie war die ORF-Wahl ein derart aufwendig inszeniertes Simulacrum gewesen. Nie zuvor hatten sich die Stiftungsräte bei der Wahl eines ORF-Generaldirektors so detailliert mit den Konzepten der Bewerber auseinandergesetzt, stundenlang über Strukturen und Organigramme gestritten und sich die Köpfe heißgeredet, als ginge es ihnen tatsächlich um das bessere Konzept, um das bessere Management, um die bessere Zukunft, um am Ende dann doch nach politischen Lagern abzustimmen. Rot-Grün-NEOS für Wrabetz, Schwarz-Blau-Stronach für Grasl.

Das sind Vorwehen. Das kündet von kommenden Wahlkämpfen und Umwälzungen in der politischen Landschaft, die auch vor dem ORF und dem Bestellmodus seiner Führung nicht haltmachen werden. Der Freiheitliche Stiftungsrat, Rechtsanwalt Norbert Steger, hat dies gleich zu Beginn der Sitzung verlauten lassen: Seine Stimme kriege Wrabetz nicht. Aber das sei ohnehin egal, denn 2017 werde es Neuwahlen geben, und danach sei alles anders. Im Auftrag seiner Partei arbeite er schon an einem neuen ORF-Gesetz.

Bei der vergangenen Wahl 2010 hatte der Alt-Freiheitliche, zum Ärger von FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache, noch für Wrabetz votiert. Das hat nicht zuletzt mit der Familiengeschichte von Wrabetz zu tun, mit seiner Herkunft aus einem Döblinger Elternhaus und alten Verbindungen. Sein Vater war Parteianwalt, als die FPÖ noch eine nationale Honoratiorenpartei war, in der sich ehemalige Nazis und Burschenschafter zusammenfanden und das rechtspopulistisch Rabiate noch fehlte. Wrabetz’ Vater ist Mitglied der „Gothia“, einer Burschenschaft, die für ihre rechtsextremen Kontakte bekannt ist und die auch heute bis in die FPÖ-Kommunikationsabteilung reicht. Volksanwalt Peter Fichtenbauer, der als freiheitlicher Stiftungsrat im Jahr 2006 Wrabetz ins Amt verholfen hat, ist ebenfalls ein Freund der Familie. Vor ein paar Jahren hat er den Klientenstock von Wrabetz senior übernommen.


Als Wrabetz deren Bundesvorsitzender wurde, hatte der VSStÖ den bislang größten Wahlerfolg seiner Geschichte.

Alexander Wrabetz wie auch sein jüngerer Bruder Bernd, der die Diplomatenlaufbahn eingeschlagen hat und jetzt als außenpolitischer Berater im Kabinett von Bundeskanzler Christian Kern wirkt, haben sich schon früh aus diesem Milieu entfernt. Doch bürgerlicher Habitus, feine Manieren, verbindender Charme und die Kunst des Smalltalk waren damals sogar im sozialistischen Studentenverband von Nutzen. Als Wrabetz deren Bundesvorsitzender wurde, hatte der VSStÖ den bislang größten Wahlerfolg seiner Geschichte. Den damals noch aufmüpfigen Josef Cap brachte Wrabetz 1983 mit einem geschickt angelegten Vorzugsstimmenwahlkampf ins Parlament. Als Sekretär der Friedensbewegung einte Wrabetz Dutzende widerstrebende Gruppen, von katholischen Friedensjüngern (zu denen Stiftungsrat Küberl gehörte), bis hin zu rechthaberisch auftretenden Linkssektierern und Kommunisten. Eine verblüffend schnelle Karriere machte der Jurist dann auch noch in staatsnahen Betrieben.


Am Ende dieser bleiernen Jahre erschien ihnen Wrabetz’ Kandidatur zum ORF-Generaldirektor wie eine Erlösung.

Seine ORF-Jahre begannen 1995 als Stiftungsrat. Drei Jahre später wurde er als Finanzdirektor in die Anstalt geholt. Das blieb er auch in der Ära Lindner/Mück, in der die ORF-Redakteure massivem Druck der schwarz-blauen Regierung auf eine willfährige Berichterstattung ausgesetzt waren. Am Ende dieser bleiernen Jahre erschien ihnen Wrabetz’ Kandidatur zum ORF-Generaldirektor wie eine Erlösung. Eine Regenbogen-Koalition unter Ausschluss der ÖVP hievte Wrabetz damals in den Chefsessel, und er bezahlte die Rechnung mit Posten und Programm-Zugeständnissen. Mit einem Direktoren-Team, in dem von Anfang an der Keim der Konkurrenz und des Misstrauens wucherte, waren seine ersten Neuerungen, die „größte Programmreform aller Zeiten“, naturgemäß ein Flop.

Auch finanziell wurde es ein Desaster. Die internationale Finanzkrise hatte den ORF in die rote Zone katapultiert, und dann kam es auch noch zum Wechsel an der SPÖ-Spitze, wo der Neue, Werner Faymann, eine etwas putineske Vorstellung von öffentlich-rechtlicher Berichterstattung mitbrachte. Wrabetz schlingerte in diesen Jahren mal hier, mal dort entlang. Ein Berserker wie Informationsdirektor Elmar Oberhauser, der politisch austarierte Besetzungen öffentlich madig machte, musste seinen Hut nehmen. Etwas später auch Programmdirektor Wolfgang Lorenz, den Wrabetz einen „Oberintriganten“ nannte. Das sonnige Gemüt war verschwunden. Seinen Mann fürs Grobe, den ehemaligen Grün-Politiker und ORF-Kommunikationschef Pius Strobl, opferte Wrabetz schweren Herzens. (Heute managt Strobl die Sanierung des denkmalgeschützten Rainer-Baus am Küniglberg und die Übersiedlung.)

Hätte er damals nicht Richard Grasl zum Finanzdirektor gemacht und damit die Zustimmung der ÖVP zu einer Gebührenrefundierung bekommen, hätte Wrabetz nicht politisch überlebt.

Dennoch: Noch nie hat einer für so lange Zeit den ORF bestimmt. Hat er ihn auch geprägt? Er hat ihn sich prägen lassen. Denn Wrabetz denkt und handelt mit der Logik eines Schachspielers. Er bedenkt sieben Züge im Voraus, also auch die der zahlreichen Mitspieler, hat immer mehrere Optionen. Er ist ein strategischer Kopf und weiß, was herauskommt, wenn er diesen Zug setzt oder jenen. Er ist in der Lage, beharrlich lange darauf zu warten, bis unter seinen Mitspielern Widersprüche entstehen. Die langen Pausen zwischen den Zügen werden ihm gern als Entscheidungsschwäche ausgelegt. Doch er weiß, dass sich komplizierte Knoten auch ohne sein Zutun lösen. Weil andere daran zerren. Er ist kein Mann für die Bühne, kein brillanter Redner, aber ein Genie für den Raum dahinter. So war er auch diesen Wahlkampf entspannt angegangen.


Wrabetz sagte einmal, den ORF nur besser zu machen, genüge ihm nicht.

Bei den Hearings schnitt er nicht gerade glänzend ab. In wichtigen Fragen blieb er vage: Wie garantieren die von ihm geplanten Channel-Manager die Unabhängigkeit der politischen Berichterstattung? Welche Rolle spielt er als Generaldirektor, wo alle Fäden zusammenlaufen sollen? Was will er eigentlich in seiner dritten Periode erreichen?

Wrabetz sagte einmal, den ORF nur besser zu machen, genüge ihm nicht. In einer multimedialen Welt gehe es um Leben oder Tod des öffentlich-rechtlichen Mediums. Es müsse glaubwürdig bleiben, seine Autorität jeden Tag neuerlich unter Beweis stellen, Identität stiften und aufklären. Das reize ihn.

Vermutlich wird nie wieder ein ORF-Generaldirektor auf diese Art und Weise bestellt werden. Das hat gute und schlechte Gründe. Von Rechtsnationalisten regierte Länder wie Ungarn, Polen, Kroatien haben es vorgeführt: Die neuen Machthaber dort hatten es eilig mit der Umwälzung. Mit einem Federstrich mussten die alten Funktionsträger die Bahn freimachen: „Die Geschäftsführung endet mit der Kundmachung des Gesetzes.“