Ob Atomunfall oder Blackout, im Ernstfall gibt es kaum Schutzräume
In der Schweiz stehen im Katastrophenfall Schutzräume für die gesamte Bevölkerung zur Verfügung, in Österreich für weniger als drei Prozent. Wo die Bunker sind, wissen aber nicht einmal die Behörden.
Wenn Sirenen einen dreiminütigen gleichbleibenden Ton abgeben und von den Handys der umstehenden Personen ein schriller Alarmton ausgeht und auf den Displays eine rot blinkende Nachricht aufpoppt: Dann wurde von den Behörden der „AT-Alert“ aktiviert. Die Nachricht warnt vor einer nahenden Rakete, einem Reaktorunfall oder einer Naturkatastrophe – den schnellsten Weg zum nächsten Zivilschutzraum zeigt sie aber nicht.
Aber wohin jetzt? Wer keinen privaten Bunker hat, muss improvisieren, denn in Österreich gibt es kaum zivile Schutzräume. Der Fluchtgedanke sagt: in den Untergrund. Spontan denkt man wahrscheinlich an U-Bahn-Schächte, Tiefgaragen und Keller. Immerhin liegen sie teilweise tief unter der Erde. Für einen Daueraufenthalt sind sie allerdings nicht geeignet. Dafür müsste die Regierung ein Konzept erarbeiten und einiges an Geld in die Hand nehmen.
Die geografische Lage macht Österreich zu einem strategischen Ziel, sollte ein Krieg zwischen der NATO und Russland ausbrechen, sagt der renommierte Militäranalyst Franz-Stefan Gady. In seinem neuen Buch geht er der Frage nach, wie handlungsfähig Österreich bei einem russischen Angriffskrieg wäre. Der Autor geht davon aus, dass russische Raketen unter anderem Stützpunkte des Bundesheeres und Teile der Verkehrsinfrastruktur ins Visier nehmen würden. Auch von zivilen „Kollateralschäden“ ist die Rede.
Gady zeigt in seinem Szenario auf, dass die Bevölkerung bei Angriffen durch Raketen oder Drohnen höchstwahrscheinlich keinen Schutz finden würde, „denn die Mehrzahl der alten Luftschutzräume wurde nicht instandgehalten, ist teilweise nicht einmal mehr belüftet und daher unbrauchbar“. In der Realität ist die Situation noch prekärer: Die Behörden wissen teilweise nicht einmal, wo sie sind.
Von einem möglichen Bombenangriff abgesehen, gäbe es auch zahlreiche andere Situationen, in denen Zivilschutzräume angebracht sein könnten. Neun Kernkraftwerke mit insgesamt 18 Hochrisikoreaktoren liegen in den Nachbarstaaten 40 bis 200 Kilometer von Österreich entfernt. Am nächsten liegt das Atomkraftwerk in Dukovany, Tschechien, das mit seinen vier Reaktoren aus der Sowjetzeit von der NGO Global 2000 als eines der „gefährlichsten AKW in der EU“ zählt.
Das Innenministerium verweist auf Anfrage von profil auf den Österreichischen Gesamtstaatlichen Notfallplan. Laut diesem „sind Schutzräume bzw. Bunker aus radiologischer Sicht weder bei schweren grenznahen KKW-Unfällen noch bei einem taktischen Nuklearwaffeneinsatz in größerer Entfernung zu Österreich notwendig und daher nicht Teil des österreichischen Maßnahmenkataloges“. Was mit „größerer Entfernung“ gemeint ist, ließ das Innenministerium unbeantwortet.
Neben einem AKW-Unfall gibt es weitere Katastrophen-Szenarien wie ein flächendeckendes Blackout. Und selbst der begrenzte Einsatz von Atomwaffen durch Russland ist nicht zur Gänze auszuschließen.
Ein Zivilschutzraum aus dem alten Krieg gehört der Bundesimmobiliengesellschaft. Seit Jahren stillgelegt fungiert er als Zeitkapsel.
Herr B. hat vorgesorgt
Herr B. aus Kärnten hat die Warnung seiner Landesregierung ernst genommen: „Ich komme locker 14 Tage aus. Da muss ich mich nicht einmal einschränken.“ Er wohnt mit seiner Frau am Land und hatte immer schon einen Lebensmittelvorrat angelegt. „Wir haben ja Platz, um genügend Lebensmittel zu lagern. Leute, die in der Stadt in kleineren Wohnungen leben, können wahrscheinlich nicht so großzügig lagern“, sagt er.
Als die Landesregierung die Bevölkerung in Bezug auf ein Blackout sensibilisierte, habe er nicht mehr viel dazugekauft. „Wir haben nur ein paar Dinge ergänzen müssen. Zum Beispiel ein batteriebetriebenes Radio oder einen Gaskocher.“ Abseits davon achten er und seine Frau darauf, verbrauchte Dinge wieder nachzukaufen.
Sein Haus hat auch einen Schutzraum. „Im Kriegsfall wäre das ein guter Rückzugsort, weil eine Schutztür vorhanden ist. Wenn aber die Luft, zum Beispiel bei einem Giftgasangriff, verunreinigt wäre, fehlen uns die nötigen Luftfilter“, erklärt er. Einen Angriff auf Österreich sieht er aber als sehr unwahrscheinlich. Derzeit wird der Schutzraum als Lebensmittellager gebraucht. „Der Raum ist nicht besonders groß. Tanzen kannst du nicht drinnen. Wenn es aber hart auf hart kommt, dann passt ein Bett hinein.“
Das Haus, in dem er wohnt, wurde in den 1970er-Jahren gebaut. Dass Häuser aus dieser Zeit mit einem Schutzraum ausgestattet sind, ist keine Seltenheit. Damals war der Einbau laut Bauordnung noch vorgeschrieben.
Im Jahr 1962 war Vorarlberg das erste Bundesland, das private Häuslbauer dazu verpflichtete, einen Schutzraum einzuplanen. Alle anderen Bundesländer zogen nach, mit Ausnahme von Wien. Um diese Bauvorschriften umzusetzen, schütteten manche Länder sogar eine finanzielle Förderung aus. Der Grund dafür war der Kalte Krieg, als die Bedrohung einer atomaren Katastrophe allgegenwärtig war.
Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde der verpflichtende Schutzraum wieder aus den Bauordnungen entfernt. „Die Salzburger Schutzraumverordnung 1977 wurde infolge der Auflösung des Warschauer Paktes in den 1990er Jahren vom Landtag aufgehoben“, erklärt Markus Kurcz, Leiter des Referats äußere Sicherheit und Katastrophenschutz in Salzburg. Auch in allen anderen Ländern wurde der Schutzraum aus den Bauordnungen genommen. Das Burgenland hatte die Regelung noch am längsten. Dort wurde sie erst im Jahr 2013 aufgehoben.
Die Schweiz ist so neutral wie Österreich, aber in einer wehrhaften Version. Deswegen ist das Nachbarland auch ein Vorzeigefall bei Schutzräumen. Es würden mehr Menschen Zuflucht finden, als es Einwohner gibt. Unter anderem deswegen, weil nach wie vor eine Schutzraumpflicht besteht. Kann diese nicht eingehalten werden, muss man Geld an die Gemeinden zahlen, die damit den Bau von öffentlichen Schutzräumen finanzieren.
Auch in Deutschland bemüht man sich wieder um den Ausbau von zivilen Schutzanlagen. Vergangene Woche wurde der „Pakt für den Bevölkerungsschutz“ im Bundestag beschlossen. Bis 2029 sollen zehn Milliarden Euro in den Zivilschutz investiert werden. Schon im Vorfeld hat der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) verkündet, eine Million Schutzplätze zu schaffen, indem Tunnel, U-Bahnhöfe, Tiefgaragen und Keller öffentlicher Gebäude entsprechend ausgebaut werden. Die Zivilschutz-App „NINA“ soll die öffentlichen Zufluchtsorte anzeigen können.
Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) verweist auf die Zuständigkeit der Länder.
Blind im Untergrund
Die österreichische Zivilschutz-App könnte man nicht einmal mit Daten speisen, um die Zufluchtsorte zu finden. Nur ein veralteter Bericht des Niederösterreichischen Zivilschutzverbandes liefert belastbare Zahlen über die Gesamtsituation. Darin geht man davon aus, dass nur für drei Prozent der Bevölkerung sofort voll einsetzbare Schutzräume bereitstehen.
Theoretisch könnten aber 26 Prozent in Schutzräumen unterkommen, wenn diese wieder einsatzbereit gemacht werden. Der Großteil der „baulich vorhandenen“, aber „nicht voll einsetzbaren“ Schutzräume befinde sich in Privathäusern. Würde man sie wieder auf Vordermann bringen, gäbe es rund zwei Millionen Schutzplätze mehr im Land, heißt es im Bericht.
Die Berechnung orientiert sich allerdings an der Volkszählung im Jahr 2001. Der Prozentsatz dürfte also weiter geschrumpft sein. Einerseits, weil die Bevölkerung gewachsen ist, andererseits, weil immer mehr Schutzräume unbrauchbar werden.
Für den Zivilschutzverband Österreich ist der Ausbau von Schutzräumen derzeit kein „relevantes Thema“. Dessen Bundesgeschäftsführer Josef Farda sieht den Staat gefordert, mögliche Bedrohungen bekannt zu geben. Diese hätten sich stark gewandelt. „Wir hatten schon das Thema Hyperschallraketen, kleinere Drohnen und größere Waffen. Und es ist nicht schlecht, dass wir uns die Zeit nehmen und beurteilen, was uns betreffen kann. Vorsorgemaßnahmen können dann große Schutzräume oder nur ein verstärkter Keller sein“, erklärt er.
Auf politischer Ebene wurde das Thema am 30. Jänner im Nationalrat behandelt. FPÖ-Nationalratsabgeordneter Alois Kainz stellte eine parlamentarische Anfrage an Innenminister Gerhard Karner (ÖVP). Unter anderem wollte Kainz wissen, wie viele Schutzräume in Österreich bestehen, wie viele aktuell nutzbar sind und ob festgehalten wird, wo sie sich befinden.
In der Beantwortung erklärt sich das Innenministerium für nicht zuständig. Die Kompetenz zur Einrichtung und Ausgestaltung von Schutzräumen liege „bei den Ländern im Rahmen ihrer jeweiligen Bauordnungen“. Das Innenministerium könne deshalb keine Auskunft erteilen.
Auf profil-Anfrage heißt es, man wolle die „temporäre Schutzfunktion“ von U-Bahn-Stationen und Tunnelanlagen überprüfen. Ein entsprechender Projektantrag sei bereits eingereicht worden. Seitens der Wiener Linien heißt es jedoch, dass die U-Bahn-Stationen nicht zum Schutz vor Gefahren konzipiert sind. Sie werden „daher beim Eintreten von schwerwiegenden Gefahren nicht offen bleiben.“
Aber was ist mit Bundesbauten wie Universitäten, Bezirksgerichten und Bundesschulen? Das Innenministerium erklärt, dass „keine offizielle Statistik zur Erfassung aller Schutzraumplätze einschließlich öffentlicher Gebäude des Bundes und der Länder“ bestehe und verweist auf die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG).
Das Unternehmen ist für rund 2000 Liegenschaften verantwortlich und liefert die erste konkrete Angabe. „In unseren Objekten befinden sich rund 200 Schutzräume“, erklärt Unternehmenssprecherin Alexandra Tryfoniuk. Ein Teil davon sei stillgelegt, könne aber wieder nutzbar gemacht werden.
Andere wurden schon umgebaut und dienen jetzt als Zentralgarderobe in einer Schule oder als Lagerflächen. Manche seien sogar zugesperrt, weil sie von den jeweiligen Institutionen nicht angemietet werden. „Es ist allerdings nicht Aufgabe oder Auftrag der BIG, die fast ausschließlich stillgelegten Schutzräume in ihren Liegenschaften für einen etwaigen Bedarfsfall bereitzustellen.“
Der Kärntner Landeshauptmann Daniel Fellner (SPÖ) findet, dass das Thema neu diskutiert werden muss.
„Schutzräume neu diskutieren“
profil hat bei allen Landesregierungen nachgefragt, wie viele öffentliche Schutzräume in den Bundesländern zur Verfügung stehen, und wo sie sind. Die Antworten decken sich: In den wenigsten Fällen sind den Behörden die Orte ihrer Zivilschutzanlagen bekannt. Und falls doch, sind diese unbrauchbar.
„Öffentliche Schutzräume sind in Kärnten zwar teilweise vorhanden, werden jedoch kaum gewartet, und es existiert kein umfassendes Verzeichnis“, heißt es aus Kärnten. Landeshauptmann Daniel Fellner (SPÖ) „sieht es als notwendig an, das Thema öffentliche Schutzräume neu zu diskutieren – vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen weltpolitischen Entwicklungen, aber auch hinsichtlich zunehmender Naturgefahren“, übermittelt der Landespressedienst eine Stellungnahme.
In Salzburg sieht man das Innenministerium gefordert, die zivile Landesverteidigung national zu koordinieren, damit die Länder entsprechend handeln. Markus Kurcz, Leiter der Dienststelle für äußere Sicherheit und Katastrophenschutz, empfiehlt alternativ, „Tiefgaragen oder in die Stadtberge gebaute Garagen, wie die Mönchsberg-Garage“, aufzusuchen.
Aber taugen Tiefgaragen und Tunnel für den Zivilschutz? Philipp Münch, Techniker bei der Salzburger Parkgaragen GmbH, sieht zumindest den Mönchsberg als ungeeignet. Dort seien zwar Zivilschutztore eingebaut, alle weiteren notwendigen Einrichtungen wie Lüftungsanlagen, Sanitäranlagen oder Sanitätsräumlichkeiten seien jedoch nicht vorhanden. „Seit der Eröffnung der Altstadtgaragen A+B waren die Garagenräumlichkeiten nie für eine Zivilschutz-Nutzung einsatzbereit.“
In Graz ist es von vornherein keine Option, Bürger in den Berg zu schicken. Die „Stollensysteme im Grazer Schlossberg sind für die Öffentlichkeit gesperrt, und es ist ohne massive Investitionen auch nicht möglich, sie wieder in Betrieb zu nehmen“, erklärt Harald Eitner, Leiter der Fachabteilung Katastrophenschutz und Landesverteidigung.
In Wien empfiehlt man „das Aufsuchen von baulich stabileren Bereichen in tiefer gelegenen Geschossen von Gebäuden, wie Garagen, Kellern und dergleichen“. Internationale Erfahrungen und Studien hätten gezeigt, dass dies zu einem erhöhten Schutz führt, erklärt Kurt Wurscher von der Wiener Magistratsdirektion für Organisation und Sicherheit.
SEBA-Geschäftsführer Manfred Schuster erkennt einen Trend, wenn es um die private Anschaffung von Schutzräumen geht.
Bunker statt neuer Sauna
Wem das zu wenig Sicherheitsgefühl spendet, der kann sich für 19.000 Euro selbst einen Bunker bauen. Im Preis inbegriffen: Montage, Abnahme und Einschulung. Die SEBA GmbH hat sich auf den Bau von Schutzraumanlagen im privaten Bereich spezialisiert. Für eine sechsköpfige Familie braucht man einen etwa 15 Quadratmeter großen Raum.
Ausgestattet wird das Ganze unter anderem mit einer Panzertür und einer Luftfilteranlage. Zudem ist es wichtig, genügend Wasser, Nahrung und zumindest ein Camping-WC ohne Chemie zu haben. Laut SEBA-Geschäftsführer Manfred Schuster habe sich die Nachfrage im Ukraine-Krieg verdoppelt. „Es ist ein kleiner Trend. Man kann sagen: Je mehr es sich auf der Welt abspielt beziehungsweise je näher an Mitteleuropa, desto mehr steigt auch die Nachfrage.“
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(profil.at)
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Mario Pichler
schreibt im Rahmen des 360 Grad Traineeships der Wiener Zeitung für das Österreich-Ressort. Gelernter Maler und studiert „Journalismus und neue Medien“ an der FH WKW.