Soldaten schießen mit einem Maschinengewehr
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Kriegsszenario in Österreich: „Neutralität wird uns mehr schaden als nützen“

In seinem Buch „Überfall: Wenn der Krieg zu uns kommt“ beschreibt Franz-Stefan Gady, wie Österreich im Fall eines Krieges Russlands gegen die NATO betroffen wäre. Österreich, so der der Militäranalyst, würde allein schon wegen seiner geografischen Lage angegriffen.

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In Ihrem soeben erschienenen Buch „Überfall: Wenn der Krieg zu uns kommt“ (Molden Verlag) beschreiben Sie die Auswirkungen eines potenziellen Krieges Russlands gegen die NATO auf Österreich. Was hat Sie dazu bewogen, jetzt ein solches Szenario zu beschreiben?

Franz-Stefan Gady

Ich wollte die Vorstellung einer militärischen Bedrohung für Österreich vom Abstrakten ins Konkrete bringen. Es wird viel davon gesprochen, dass wir in neuen Krisenzeiten leben, dass militärische Bedrohungen im Allgemeinen zunehmen, aber ich habe das Gefühl, dass in Österreich der Gedanke überwiegt, das betreffe uns alles nicht wirklich.

Porträt eines Mannes
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Franz-Stefan Gady,

Jahrgang 1982, ist Senior Fellow am Center for New American Security in Washington. Der Militäranalyst berät Regierungen und ist seit Kriegsausbruch immer wieder mit Streitkräften in der Ukraine unterwegs. Soeben erschien „Überfall: Wenn der Krieg zu uns kommt“ (Molden Verlag, 160 Seiten). „Die Rückkehr des Krieges: Warum wir wieder lernen müssen, mit Krieg umzugehen“ (2024, Quadriga, 368 Seiten) wurde 2025 für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert. 

Sie beschreiben ein sehr konkretes Szenario. Anfang 2029 grift Russland das Baltikum an, Österreich wird in den Krieg hineingezogen, weil hier die Nachschub-Routen der NATO verlaufen. Russland nimmt österreichische Bahnhöfe, Brücken und Tunnel ins Visier: Die Brennerautobahn, die Donaubrücken bei Linz und Wien, der Karawankentunnel werden mit Bombern angegriffen und unpassierbar. Hunderte russische Schläfer greifen die Infrastruktur sowie Soldaten des Bundesheeres an, es kommt sogar zum Häuserkampf. Fazit: Österreich kann sich nicht heraushalten. Und wir sind nicht vorbereitet.

Gady

Ich wollte das plausibelste militärische Szenario in den nächsten Jahren skizzieren. Sollte es dazu kommen – und das muss es selbstverständlich nicht – dann kann sich Österreich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht heraushalten. Die Neutralität wird uns im militärischen Ernstfall mehr schaden als nützen. Ich hoffe, dass dies innerhalb der Regierung neu evaluiert wird und sich auch die breite Bevölkerung damit befasst.

Birgt die Beschäftigung mit solchen Szenarien nicht auch Gefahren? Könnte die Beschreibung der militärischen und politischen Schwächen des Westens eine Anleitung für Russland sein, wie man es machen könnte?

 In einer Luftkriegskampagne muss Russland die Tiefe der NATO angreifen, also ihren Nachschub abschneiden.

Gady

Nein. Ich habe die russische Militärdoktrin studiert und analysiere seit einigen Jahren den Krieg in der Ukraine, die russischen Streitkräfte und natürlich auch das Kriegsbild der Zukunft. Daraus ergibt sich klipp und klar, dass Russland im Falle eines generellen NATO-Russland-Krieges die Tiefe der NATO angreifen müsste, um den Nachschub für die NATO an die Ostflanke zu unterbinden.

In dieser Hinsicht habe ich ein sehr realistisches Szenario entworfen.

Wie können wir verhindern, dass es zu diesem oder ähnlichen Szenarien kommt?

Gady

Durch militärische Stärke und durch diplomatischen Dialog. Russland wird unser Nachbar bleiben, und wir dürfen nicht in eine Russophobie abgleiten, sondern müssen einsehen, dass es ein potenzieller Gegner ist. Wir werden möglicherweise gegen Russland kämpfen müssen. Gleichzeitig müssen wir versuchen, diesen Krieg abzuschrecken. Abschreckung funktioniert durch eine Mischung aus Diplomatie und militärischer Stärke. Man braucht beides, und das versuche ich in diesem Buch darzulegen.

In Ihrem Buch bringt Russland die sogenannte Suwałki-Lücke in Litauen unter seine Kontrolle, einen 65 Kilometer breiten Landstreifen. Damit ist das gesamte Baltikum auf dem Landweg vom Rest Europas abgeschnitten. In Ihrem Szenario geht es aber nicht darum, ob Österreich Soldaten ins Baltikum entsendet, und es rollen auch keine russischen Panzer in Österreich ein. Österreich gerät aufgrund seiner Geografie ins Visier. Sie beschreiben, wie Hunderte russische Schläfer Verkehrsknotenpunkte und Kasernen angreifen. Wieso denken Sie, dass russische Agenten eine so wichtige Rolle spielen würden? Gibt es Hinweise auf entsprechende Pläne des Kremls?

Gady

Ja. Im Rahmen meiner Recherche habe ich mit verschiedenen Quellen aus Regierungskreisen in Europa und in den USA gesprochen. Russland späht die Tiefe der NATO aus – und da zählt auch Österreich dazu – und fertigt Zielkataloge an: von kritischer Infrastruktur, von wichtigen Punkten, die im Falle eines Krieges zerstört werden müssten. Das geschieht auch in Österreich.

Im Kriegsfall, das wird in Ihrem Buch rasch klar, ist Österreichs Neutralität irrelevant.

Gady

Die Neutralität schadet uns im militärischen Ernstfall, weil wir sowieso Ziel russischer Angriffe wären und sie eine effektive militärische Vorbereitung womöglich verhindert. In einer Luftkriegskampagne muss Russland die Tiefe der NATO angreifen, also ihren Nachschub abschneiden. Drehscheiben sind hier Deutschland, Tschechien, Slowenien und Österreich– auch, wenn es nicht NATO-Mitglied ist. Die Infrastruktur und Verkehrsknotenpunkte dieser vier Länder würden mit einigen hundert Raketen, einigen tausend Drohnen sowie durch Saboteure angegriffen.

Zu Kriegsbeginn stellt der österreichische General in Ihrem Buch die Frage, wie und ob man mit der NATO zusammenarbeiten soll. Könnte Österreich so eine Situation überhaupt alleine bewältigen?

Gady

In meinem Szenario sagt der Generalstabschef, dass wir so oder so Ziel von Angriffen werden. Arbeiten wir mit der NATO zusammen, erhalten wir Daten und haben wir ein besseres Luftlagebild. Wir könnten effektiver Ziele identifizieren und früher bekämpfen, es würden weniger russische Raketen und Drohnen durchkommen. Wir brauchen innerhalb der österreichischen Bundesregierung und im Sicherheitsapparat eine Debatte über die Frage, wie wir im Ernstfall mit unserer Neutralität umgehen. Beharren wir auf ihr und sind gleichzeitig solidarisch mit angegriffenen EU-Ländern? Was müssten wir tun, um Daten der NATO zu erhalten? Wahrscheinlich ist, dass die NATO die Weitergabe von Informationen davon abhängig macht, ob Österreich Militärtransporte durchfahren lässt. Wenn man sich die politischen Umfragen anschaut, muss man damit rechnen, dass es möglicherweise bald einen FPÖ-Bundeskanzler gibt. Und da stellt sich die Frage, ob so etwas wie eine militärische Festung Österreich funktionieren würde.

Und?

Gady

Nein, würde es nicht, weil kein FPÖ-Bundeskanzler etwas mit Russland ausverhandeln könnte. Entscheidend ist die Geographie Österreichs und nicht die politische Einstellung beziehungsweise, ob wir Teil der NATO sind. Wir sind als Kleinstaat militärisch von unseren Nachbarstaaten abhängig. Österreich kann sich militärisch im 21. Jahrhundert nicht ohne Partner verteidigen. Das wollte ich in meinem Szenario unterstreichen.

In Ihrem Buch wird auch klar, dass wir nicht ausreichend auf den Ernstfall vorbereitet sind. Es gibt nicht genügend Schutzräume für Zivilisten und das Bundesheer wäre nicht sofort einsatzfähig.

Gady

Ich will auf Schwächen der österreichischen Streitkräfte hinweisen. Das eine ist die mangelnde Ausbildung, vor allem für einen dynamischen Kampf am Boden gegen russische Saboteure. Das andere ist, dass wir uns praktisch, also durch Übungen, auf einen militärischen Konflikt vorbereiten müssen, weil nur das, was geübt wird, im Ernstfall zählt. Es mag zwar Pläne geben, aber die liegen in den Schubladen der verschiedenen Ministerien.

Als unabhängiger Militäranalyst beraten Sie auch Regierungen. Was sagt Österreichs Regierung zu Ihren Warnungen?

Gady

Es gab in den vergangenen Jahren ein Umdenken in der österreichischen Bundesregierung. Das Buch soll Inputs liefern, um eine offenere Diskussion anzuregen. Das große Problem ist, dass wir sehr spät dran sind. Die Defizite im Bundesheer hätten schon vor einigen Jahren behoben werden können. Bis 2021 wollte man aus dem österreichischen Bundesheer eine Art Hilfspolizei machen und schaffte die militärische Landesverteidigung de facto ab. Erst seit ein paar Monaten gibt es ein Umdenken, was etwa die Wehrdienstverlängerung betrifft.

Buchcover
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Krieg in Österreich: ein Szenario

Franz-Stefan Gady: „Überfall – Wenn der Krieg zu uns kommt“ (Molden Verlag, 160 Seiten).

Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.