Wenn der Job krank macht

Wenn der Job krank macht

Gesundheit am Arbeitsplatz hat nicht nur mit Ergonomie und der gesunden Jause zu tun – vielmehr sind Rahmenbedingungen wie Gehalt und Anerkennung wichtig, damit die Beschäftigten gesund bleiben.

Sieht verlockend aus, das frische Obst in der Holzschüssel: Apfel, Birne und Banane sollen der Gesundheit der Mitarbeiter zuträglich sein. Und weil auch die Klimaanlage sauber eingestellt, der Umgangston lässig-leger und die Sessel ergonomisch korrekt sind, kann man von einem gesunden Arbeitsplatz sprechen. Oder?

Tatsächlich hat es mit mehr als solchen netten Kleinigkeiten des Arbeitsalltags zu tun, ob Mitarbeiter gesund bleiben oder weniger oft krank werden und ob generell der Arbeitsplatz als gesund bezeichnet werden kann. Vielmehr sind die Rahmenbedingungen von Bedeutung: Einkommenssicherheit, Bedingungen am Arbeitsplatz und Arbeitsmarktsicherheit gelten als wichtigste Kriterien, die über die Arbeitsplatzqualität und in weiterer Folge über die Gesundheit der Mitarbeiter entscheiden. Daher spricht man nun auch von „guter Arbeit“ oder Qualität der Arbeit. „Darüber hinaus beinhaltet das Konzept der guten Arbeit auch vertragliche Sicherheit, kollektiven Schutz wie Mindestlöhne und Rechtsschutz und dass es möglich ist, Beruf und Familie zu vereinbaren“, erklärt Silvia Hruška-Frank, Leiterin der Abteilung Sozialpolitik der Arbeiterkammer Wien. Jene Faktoren von Arbeit, die körperlich und geistig gesund hält sowie deren Auswirkungen auf den wirtschaftlichen Erfolg werden unter anderem gerade von der OECD erforscht: Bei einer Tagung in Wien Mitte November berichtete Raphaele Hyee vom Direktorat für Beschäftigung, Arbeit und Soziales der OECD über deren „Job Quality Framework“. Demnach zeige sich, dass es sich nicht negativ auf die Erwerbsquote auswirkt, wenn die Arbeitsqualität hoch ist.

Silvia Hruška-Frank (AK Wien): „Die Debatte zur Humanisierung der Arbeit ist in den Hintergrund gerückt.“

Je schlechter die Wirtschaftslage, desto niedriger die Qualität der Arbeit und desto schlechter die Arbeitsbedingungen – das wurde in Europa bei der Wirtschaftskrise ersichtlich. „Die negativen Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die Arbeitsqualität haben damit zu tun, dass einerseits prosperierende Volkswirtschaften bessere Jobs anbieten können, andererseits damit, dass sich mit einer schlechten Arbeitsmarktlage die Schieflage zu Lasten der Arbeitnehmer verschiebt“, analysiert Hruška-Frank. Vereinfacht gesagt: Je weniger Angebot von Arbeit, umso mehr lässt man sich gefallen. Österreich habe die Wirtschaftskrise durch sozial- und wirtschaftspolitische Maßnahmen zwar besser überstanden als die meisten anderen europäischen Länder. „Dennoch merken wir, dass die Debatte zur Humanisierung der Arbeit insgesamt in den Hintergrund gerückt ist.“

Wenn die Konjunktur anzieht, sollte sich das positiv auf die Arbeitsbedingungen auswirken, könnte man meinen. Doch automatisch wird dies nicht geschehen, da kommt es unter anderem auf die politischen und gesellschaftlichen Zustände in einem Land an. Der Aufschwung trifft außerdem gerade mit den Segnungen – oder auch Bedrohungen – der Digitalisierung zusammen. Zwar kann nach Ansicht von Arbeitsmarktexperten der Job dank neuer technischer Möglichkeiten leichter, angenehmer, weniger schmutzig und weniger gefährlich werden. Doch Begleiterscheinungen wie Verdichtung der Arbeit, ständige Erreichbarkeit oder Datenschutzprobleme sind die Kehrseite der Medaille. Dazu kommt die Frage, ob und wie Belegschaften mitbestimmen können und für die zukünftigen Anforderungen der Jobs ausreichend qualifiziert werden.

Was können Unternehmen aber generell tun, um ihren Mitarbeitern einen guten und gesunden Arbeitsplatz zu bieten? „Es geht um die Arbeitsverhältnisse in ihrer Gesamtheit“, meint AK-Expertin Hruška-Frank. Teure Lösungen sind gar nicht nötig, wichtig ist der Wille zu guten gemeinsamen Lösungen und ein respektvolles Arbeitsklima. Je mehr Anerkennung und echte Autonomie, umso höher die Zufriedenheit und umso besser die Gesundheit. Von einer wertschätzenden Unternehmenskultur profitieren nicht nur Mitarbeiter, sondern auch die Führungskräfte und das gesamte Unternehmen. Die gesunde Jause kann da höchstens ein netter Zusatzaspekt sein.

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Rauchleichen

Die von der neuen Regierung angekündigte Aufhebung des totalen Rauchverbots in der Gastronomie hat nicht nur für Gäste Folgen. Auch die Arbeitnehmer in den Betrieben werden in Zukunft wohl oder übel mit dem Qualm leben müssen – zumindest in jenen Restaurants, Bars und Kaffeehäusern, die vom eigentlich für Mai nächsten Jahres geplanten Verbots nun abrücken. Das Kippen der 2015 beschlossenen Novelle werde nachweislich Menschenleben und viel Geld kosten, zeigt sich die Gesellschaft für Pneumologie entsetzt. Es sei vor allem aus Sicht der Menschen, die in der Gastronomie arbeiten, „zutiefst zu bedauern, dass alle Warnungen der Wissenschaft in den Wind geschlagen wurden“, erklärt Peter Schenk, Präsident der Gesellschaft und Leiter der Abteilung für Pulmologie am Landesklinikum Hochegg. Passivrauch, dem die Mitarbeiter in besagten Betrieben ausgesetzt werden, führt nachweislich zu Lungenkrebs und der Lungenkrankheit COPD. Und bei einem Drittel aller übrigen Krebserkrankungen ist Rauchen mitverantwortlich. Vor den Folgen für die Arbeitnehmer warnte auch der Onkologiebeirat, ein Expertengremium zur Krebsvorsorge. Von einem gesunden Arbeitsplatz kann also bei jenen Betrieben, in denen weiterhin geraucht werden darf, wahrlich nicht die Rede sein. In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, ob es angesichts des beklagten Fachkräftemangels in dieser Branche nicht kontraproduktiv ist, wenn sich die Arbeitsbedingungen verschlechtern.

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Ein Drittel der Beschäftigten in Österreich sieht sich zumindest leicht Burnout-gefährdet, wie der Arbeitsklima-Index der AK Oberösterreich zeigt.

Ein Drittel aller Beschäftigten geht zur Arbeit, selbst wenn sie krank sind.

23,6 Prozent betrug der Anteil von Personen mit gesundheitlichen Vermittlungseinschränkungen an allen Arbeitslosen im heurigen August laut AMS. In den vergangenen Jahren hat sich ihr Anteil mehr als verdoppelt, bei Personen ab 50 Jahren sogar verdreifacht. Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen finden immer schwieriger einen Job.

12,5 Tage haben Österreichs unselbstständig Beschäftigte im Vorjahr durchschnittlich im Krankenstand verbracht. Die Zahl der Krankheitstage sinkt langfristig; 2015 waren es im Schnitt noch 17,4 jährlich gewesen. Gründe dafür sind weniger Arbeitsunfälle, Verschiebung der Wirtschaftsstruktur in Richtung Dienstleistungen und mehr atypische Beschäftigungsverhältnisse.

Den ersten Teil der dreiteiligen Serie zu „Arbeit & Digitalisierung“ lesen Sie hier: Kampf um Steuergerechtigkeit in der EU