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Ich habe ein Gefühl
04/07/2022

Sebastian Hofers Lexikon der modernen Emotionen – Nummer 3: Tagesverpasstheit

Wie fühlen wir uns heute? Was spüren wir da eigentlich genau? Und ist das gut so? Eine Forschungsreise durch die Welt der zeitgemäßen Empfindungen. 

von Sebastian Hofer

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Gefühl Nr. 3: Tagesverpasstheit – das Gefühl, etwas versäumt zu haben, ohne dabei viel versäumt zu haben.

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Unlängst auf Twitter, an dem Tag, vor dem ich genau einen Tag lang nicht auf Twitter gewesen war: helle Aufregung, grandioses Grinsen, digitales Schenkelklopfen. Anspielungen, Hashtags, Memes. Meine Bubble war drauf und dran, sich wund zu lachen. Aber warum bloß? Ich blickte nicht durch. Es ging irgendwie um Afrika und eine Ministerin, die etwas Blödes gesagt hatte, irgendwie wohl auch um deren vorherigen Job, und es war offenbar gleichermaßen hilarious wie unverzeihlich. An diesem Tag also stellte ich mir zwei Fragen, wobei sich die zweite ziemlich rasant aus der ersten ergab: Worüber lachen die eigentlich alle? Und: Will ich das wirklich wissen?

Ich war wieder einmal in der Tagesverpasstheit gelandet, in diesem Zwischengefühl zwischen Ratlosig- und Wurschtigkeit, das entsteht, wenn man sich noch nicht entschieden hat, ob man der Sau, die gerade durchs digitale Dorf gejagt wird, doch noch nachrennen will oder ob man lieber doch besser auf die von morgen wartet. Die Beispiele für dieses Gefühl sind vielfältig und jederzeit in unterschiedlichsten Konstellationen zu erleben. Man verpasst ja ständig etwas, wenn man mal ein paar Stunden glaubt, etwas Besseres zu tun zu haben, als sich auf Twitter mitzuärgern. Das Unangenehme an diesem Gefühl: Man erkennt sich selbst als das, was man normalerweise ja leider tatsächlich ist: irgendein User eben, auf den in Wahrheit auch keiner wartet. Das Gute daran: Es dämmert einem, wie wenig man eigentlich verpasst, wenn man etwas verpasst. Man kann also auch ganz einfach loslassen, die Aufregung von heute wird morgen schon zum Vergessen sein.

Die nächste Sau kommt, wie gesengt, garantiert gerannt. Und auf der reiten wir dann gemeinsam, des Sachverhalts kundig, hämisch lachend in den Sonnenuntergang. 

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Wie oft habe ich dieses Gefühl: am Tag danach 

Mit welchen Gefühlen ist es artverwandt: Kurzzeitverwirrung, Halb-Wurschtigkeit

Wenn ich über dieses Gefühl ein Lied schreibe, trägt es folgenden Titel: What‘s going on?

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Weitere Teile der Serie: