André Heller in Marrakesch

André Heller in Marrakesch

Kultur

André Heller: "Ich muss Wagnisse eingehen"

Der Wiener Aktionskünstler André Heller über seinen neuen Roman "Das Buch vom Süden“.

profil: Stehen Sie gerade vor der größten Mutprobe Ihres Lebens? "Das Buch vom Süden“ ist Ihr erster großer Roman.
Heller: Ich bin in einem Alter, in dem keine Ausreden mehr gelten, in dem ich nicht mehr als "Talent“ gehandelt werden kann. Ich bin 69 und habe dieses Buch mit aller Hingabe und Brillanz, die mir möglich ist, und mit hohem Respekt vor der Literatur geschrieben. Viele werden sagen, es bedeute ihnen etwas, andere werden es verdammen. Darauf nicht vorbereitet zu sein, wäre sehr naiv.

profil: Sie könnten der veröffentlichten Kritik Ihres Romans, in dem sich der Held Julian gen Süden aufmacht, getrost entgegensehen. Sie haben ohnehin alles erreicht.
Heller: Keineswegs. Das Hauptprojekt lautet, ich muss das leider so pathetisch sagen, dass man aus sich einen gelungenen Menschen formt. Diese Arbeit endet erst mit dem letzten Seufzer.


Ich muss in Aufbrüchen leben, Wagnisse eingehen, sonst schwänze ich die Notwendigkeit meiner Entwicklung.

profil: Wie groß ist Ihre Angst vor negativer Kritik?
Heller: Natürlich werden auch Kritiken erscheinen, die sagen, hier sei ein Anachronist am Werk gewesen. Dann müsste ich antworten: Ich kann wirklich nicht verlangen, dass jeder, der das Buch liest, auf genau den Ton gestimmt ist, der in mir schwingt. Eine bestimmte Portion friendly fire begleitet mich stets. Mir wurde noch bei jedem meiner Projekte - übrigens auch von allerbesten Freunden - erklärt: das ist zu riskant, oder wenn jemand das bräuchte, was du vorhast, gäbe es das längst. So erlaube ich mir aber nicht zu denken: Ich muss in Aufbrüchen leben, Wagnisse eingehen, sonst schwänze ich die Notwendigkeit meiner Entwicklung.

André Heller auf der Terrasse seines Zuhauses im marokkanischem Ourika-Tal

André Heller auf der Terrasse seines Zuhauses im marokkanischem Ourika-Tal

profil: Wie rüsten Sie sich gegen die möglichen abwertenden Urteile gegenüber Ihrem Roman?
Heller: Ich lebte jahrzehntelang in dem tragischen Glauben, dass Negatives machtvoller sei als Positives. Vertraute mir früher jemand an, ich sei wunderbar, war das in der Sekunde weniger wert als die Mitteilung eines anderen, ich sei ein Nebochant, ein unfähiger, kleinkarierter Mensch. Das Negative erhielt von mir immer die Erlaubnis, in mein Leben hineinzustinken und hineinzukotzen, und ich habe selbst genauso negativ ausgeteilt. Jetzt habe ich seit geraumer Zeit die Macht zu mir zurückgeholt und wünsche mir innig, dass dieses "Buch vom Süden“ angenommen und verstanden wird, einen Bestand hat.


Ich erlebte meine Nachkriegskindheit als Industriellensohn, während andere Hunger litten.

profil: Viele Künstler reagieren dünnhäutig, sobald ihr Werk beanstandet wird. Hat das mit dem investierten Herzblut zu tun?
Heller: Auch ein ernsthafter Bauer oder Schlosser investiert Herzblut in seine Arbeit. Mit 35 gestattete ich mir noch eine Wehleidigkeit, die vollkommener Hybris gleichkam. Ich konnte damals nicht erkennen, dass die Energie, die man ausschickt, in gleicher Dosis zurückkommt. Ich ahnte nicht, dass es Millionen Gründe gab, dankbar zu sein. Alles, was nicht so war, wie ich es mir arrogant herbeibefehlen wollte, erschien mir als Frechheit. Heute sage ich: Nie, was man will; immer, was wird!

profil: Weshalb haben Sie sich letztlich dazu entschlossen, den Roman zu veröffentlichen?
Heller: Die zentrale Frage lautet: Mit welchem Recht lege ich auf die Romanberge der alljährlichen Frankfurter Buchmesse, aus der ich stets schweißüberströmt und mit einer Papierallergie hinaustaumle, noch meinen Roman? Aufgrund vielerlei Verhängnisse und Glückskonstellationen bin ich in eine Biografie geraten, durch die ich in sehr rare innere und äußere Landschaften, absurde Tragödien, aberwitzige Komödien, sich aufplusternde Schwächlinge und noble Helden Einblick nehmen durfte. Ich erlebte meine Nachkriegskindheit als Industriellensohn, während andere Hunger litten. Ich hatte Zugang zu Bekanntschaften und Freundschaften mit historischen Figuren, die heute nicht mehr erzeugt werden und für die es nirgendwo mehr Ersatzteile gibt. Viel davon Abgeleitetes wurde als Zwischentöne in den Roman eingewoben.


Mit 50 war klar: Dein Erlöser musst du selbst sein.

profil: "Das Buch vom Süden“ ist für Ihre Verhältnisse erstaunlich unpolitisch.
Heller: Die Hauptaufgabe lautet, sich zuallererst selbst in achtbare Form zu bringen. Es erscheint mir unstatthaft und peinlich, an andere Forderungen zu stellen, die man in seinem eigenen Leben beharrlich nicht umgesetzt hat.

profil: Sie schreiben in dem Buch auch gegen den in Wien gern gepflegten Kult der schlechten Laune an.
Heller: Dem liegt eine lange Geschichte der Verstörungen, peinigender Kopfzustände und eines häufigen Gefühls des Aus-allen-Gnaden-Gefallen-Seins zugrunde. Warum vermochte ich Millionen von Menschen durch meine Arbeit energetisch zu beflügeln - und verließ als Einziger jedes Veranstaltungsende mit einer bleiernen, selbstvergiftenden Moll-Stimmung? Das Kind in mir musste diesen widerspenstigen André Heller zwingen, sich nachhaltig zu verändern, damit ich endlich auch zu einer Form der Freude und Leichtigkeit befähigt war. Mit 50 war klar: Dein Erlöser musst du selbst sein. Erst damals wusste ich, dass es unsere Gedanken sind, die unsere Wirklichkeit schaffen. Mit 60 stellte sich der Triumph ein, dass ich doch noch zu meinen Lebzeiten mit mir selbst befreundet sein kann und nicht immerzu in einem Feind aufwache und einschlafe. Bis dahin war oft Golgota mein bevorzugtes Ausflugsziel.

André Heller: Das Buch vom Süden. Zsolnay, 335 S., EUR 25,60

Kommentar verfassen