"In Schleim gemeißelt"
Kultur

Miroslav Nemec: "In Schleim gemeißelt"

Schauspieler Miroslav Nemec über seine „Tatort“-Langzeitrolle, böse Bonmots, delikate Oktoberfest-Situationen und seinen ersten Kriminalroman.

profil: Auf welchen Namen reagieren Sie eher: Nemec – oder Batic?
Nemec: Auf beide. Nach 25 Jahren als „Tatort“-Ermittler Ivo Batic hat es sich herumgesprochen, dass der Schauspieler hinter der Figur Miroslav Nemec heißt.

profil: In Wien ist Nemec ein häufiger Name.
Nemec: In Deutschland nicht. Hier werde ich als Nemek oder Nemetsch angesprochen. Was falsch, aber letztlich wurscht ist. Das „c“ spricht man übrigens als „tz“ aus.

profil: Sie touren aktuell mit dem Programm „Nemec‘ Platz – bitte“.
Nemec: Ja, mit Texten von Jandl und Artmann. Ich hoffe damit, letzte Zweifel an der Aussprache meines Namens zerstreuen zu können.

profil: Haben Sie verwandtschaftliche Bindungen nach Österreich?
Nemec: Die Mutter meines Adoptivvaters war Wienerin. Als Kind war ich oft in der Stadt, bei Tante Hedwig und meinem Onkel, einem Buchbinder.

profil: Können Sie mit dem Wiener Dialekt etwas anfangen?
Nemec: Unbedingt. Ich mag auch den sehr eigenen Wiener Humor mit seinen Sprüchen und Bonmots. Den zum Beispiel hat mir ein Österreicher erzählt: „Der Weaner – in Schleim gemeißelt.“

profil: „Die Toten von der Falkneralm“ ist Ihr erster Kriminalroman. In einem Verhör würden Sie spätestens an dieser Stelle gefragt werden: Haben Sie das Buch selbst geschrieben?
Nemec: Ertappt! Ich arbeite mit Diktafon. Ich bekam die abgetippten Texte regelmäßig zum Lesen. Das Buch ist also mehr gesprochen als geschrieben.

profil: Hat Ihr „Tatort“-Kollege Udo Wachtveitl den Roman bereits gelesen?
Nemec: Nein. Wir sind gerade dauernd mit Dreharbeiten beschäftigt. Ich werde ihm aber bald ein Exemplar mitbringen.

profil: Mit Widmung, oder?
Nemec: Warten wir mal ab, ob er eine will. Ohne Widmung kann er das Buch besser weiterverkaufen. Man muss schließlich auch auf das Materielle schauen.

profil: In „Die Toten von der Falkneralm“ ist der Held ein Schauspieler namens Miroslav Nemec.
Nemec: Ich wollte mich selber auf die Schippe nehmen, all die „Tatort“-Standardsätze von „Wo ist die Leiche?“ bis „Bitte verhaften Sie mich nicht!“ Im Buch spiele ich aber mit den Identitäten Nemec und Batic – und werde auch so wahrgenommen.


Ich wollte mich selber auf die Schippe nehmen

profil: Ihnen gebührt auch das Verdienst, das Wort „Flansch“ – also die Bezeichnung für die ringförmige Verbreiterung am Ende eines Rohres – in die Krimiliteratur eingeführt zu haben.
Nemec: Ich liebe viele Wörter, bekannte und unbekannte. „Mannigfaltigkeit“ ist etwa so ein schönes Wort.

profil: Deutsch ist nicht Ihre Muttersprache.
Nemec: Nein, es ist aber eine ungeheuer vielfältige und – mannigfaltige – Sprache. Man kann Satzreihen mit endlosen Adjektivketten bilden. Seit ich Heinrich von Kleist kenne, bin ich ein Fan des Deutschen.

profil: Sprechen Sie Münchner Mundart?
Nemec: Nicht wirklich. Das moniert mein Tatort-Kollege Leitmayr oft. Ich entgegne dann immer: „Lern Du mal Kroatisch, dann schauen wir weiter.“

profil: In Ihrem Krimi ist der Protagonist ein Wochenende lang zum „Anfassen gebucht“. Die Schattenseiten Ihrer „Tatort“-Prominenz?
Nemec: Stellen Sie sich folgende Szene vor: Am Oktoberfest muss ich zur Toilette. Da sind aber auch Menschen, die einen erkennen – mitunter volltrunkene und gefährlich torkelnde –, und das auf dem Klo. Danach hat man manchmal eine nasse Hose. Bei einer kurzen Lederhose natürlich nicht.

profil: Leitmayr und Batic sind auch ewige Junggesellen.
Nemec: Eine frühere „Tatort“-Redakteurin meinte, wir beiden seien eine Projektionsfläche für die Damen – deshalb dürfe es für uns keine oder nur sehr flüchtige Frauenbekanntschaften in der Serie geben. All das veralbere ich in dem Buch.

profil: Hadern Sie bisweilen mit Ihrer „Tatort“-Langzeitrolle?
Nemec: Nein. Ich weiß ja nicht, was mir alles wegen des „Tatort“ flöten gegangen ist. Ich sehe das auch nicht so. Ich bin ein dankbarer Mensch und freue mich darüber, wenn etwas gut funktioniert.


Ich bin ein dankbarer Mensch und freue mich darüber, wenn etwas gut funktioniert

profil: Also Sorgen auf hohem Niveau?
Nemec: Überhaupt keine Sorgen, wenn überhaupt habe ich manchmal Existenzängste. Das ist mir vielleicht aus der Zeit in Ex-Jugoslawien geblieben: Wir hatten damals nichts, und das möchte ich auf keinen Fall nochmals erleben. Aber ich bin grundsätzlich ein fröhlicher und geselliger Mensch, der gern annimmt, was er angeboten bekommt.

profil: Sie spielten früher auch Bösewichte in „Derrick“ und „Der Alte“. Sind Schurkenrollen interessanter?
Nemec: Shakespeares Richard III. ist natürlich näher am Puls des Lebens – und dichter an dessen Abgründen. Mehr Fleisch an der Rolle, wie man so sagt.

profil: Sind Sie bereits Ehrenmitglied der Münchner Polizei?
Nemec: Oh ja! Die Polizei war immer recht zufrieden mit uns und mit dem Image, das wir für sie mitprägen. Vom kroatischen Generalkonsul wurde mir eine kroatische Polizeimarke überreicht.


Die Polizei war immer recht zufrieden mit uns und mit dem Image, das wir für sie mitprägen

profil: Am Wiener Opernball müssten Sie demnach mit Orden behängt antanzen.
Nemec: Da war ich noch nie, aber das schaffe ich vielleicht auch noch mal.

profil: Vielleicht als Ehrengast eines notorisch berüchtigten Baumeisters?
Nemec: Zu wenig Oberweite, fürchte ich. Aber ich könnte mich verkleiden, mit meinen Orden behängen und dann später enttarnen.

profil: Sie sind Schauspieler, Musiker, Autor. Müssen wir uns vor einer Oper aus Ihrer Feder fürchten?
Nemec: Mitspielen durfte ich schon mal in einer Oper. Als junger Mann studierte ich in Salzburg am Mozarteum Musik. Das Operngenre aber war mir damals nicht so recht zugänglich. Die gesungenen Dialoge sind oft schwer verständlich. Mit zunehmendem Alter fand ich Oper aber durchaus fesselnd. Ein Witz zur Oper gefällig?

profil: Immer gern.
Nemec: In Ex-Jugoslawien herrschte bekanntlich straffer Sozialismus. Man bekam Veranstaltungstickets für Kulturveranstaltungen geschenkt. Operntickets wurden sofort weiterverschenkt, weil das damals wenige sehen und hören wollten.

profil: Und wie geht nun der Witz?
Nemec: Ein Bosnier geht also mit einem Gratisticket in die Oper. Familie und Freunde warten daheim und bedrängen ihn nach der Vorstellung mit Fragen: „Wie war es denn? Was ist Oper?“ Der Mann erzählt, dass man in einem großen Raum sitze, in dem vorne Menschen sängen. Dann gibt es eine Pause, man kann etwas trinken, anschließend müsse man wieder in den Saal, Teil zwei des großen Singens. Aber zum Schluss, so erzählt er begeistert, komme das Beste: „An der Garderobe, wenn sie die Mäntel verteilen, da habe ich gleich zwei genommen.“

Mitarbeit: Anna Schwarzinger

Nemec , 62, wurde in Zagreb geboren. Seit 1991 wandelt er an der Seite von Udo Wachtveitl so trittsicher wie humorerprobt als Hauptkommissar Ivo Batic durch die ARD-TV-Krimireihe „Tatort“. Nemec ist auch begnadeter Witze-Erzähler, vielgebuchter Hörbuch-Vorleser und Kopf der Alt-Rocker-Combo Miro-Nemec-Band.

Miroslaw Nemec: Die Toten von der Falkneralm. Mein erster Fall. Knaus, 256 S., EUR 20,60

Kommentar verfassen