Roberto Saviano

Roberto Saviano

Kultur

Finger am Drücker

Der italienische Mafia-Experte Roberto Saviano hat einen Roman über Kinderbanden in Neapel geschrieben.

Es geht darum, sich Respekt zu verschaffen. Blinde Gewalt zu verbreiten, ist eine effektive Methode: Sie sind 15, rasen auf ihren Motorrollern durch die Straßen Neapels und feuern, ohne auf etwas Bestimmtes zu zielen, ihre Maschinenpistolen ab. Oft erfahren sie erst abends im Fernsehen, ob dabei jemand gestorben ist.

Der italienische Mafia-Experte Roberto Saviano, 1979 in Neapel geboren, legt mit "Der Clan der Kinder" ein bestechendes Buch über die kriminelle Verführbarkeit von Jugendlichen vor. Erneut hat er seine Protagonisten nicht erfunden, sondern Recherche-Ergebnisse fiktionalisiert. Der Verlag spricht von seinem ersten Roman, was irreführend ist, waren seine Bestseller doch schon immer journalistische Reportagen mit literarischem Anspruch. "Gomorrha" (2006), seine detailreiche Analyse der internationalen Netzwerke und Praktiken des organisierten Verbrechens, verschaffte ihm nicht nur den literarischen Durchbruch, es folgten auch Morddrohungen. Der Autor und Journalist lebt zwar weiterhin in Italien, wechselt aber regelmäßig seinen Aufenthaltsort, um keine Zielscheibe zu sein.

Gewaltbereite Gesellschaft

Saviano zeigt Zusammenhänge auf, das ist seine Stärke. Er verankert die ausufernde Gewalt fest im süditalienischen Alltag: steigende Arbeitslosigkeit, ganze Mafia-Clans, die im Gefängnis sitzen, Kinder, die dealen, weil sie strafrechtlich noch nicht verfolgbar sind. In einer gewaltbereiten Gesellschaft aufgewachsen, sehen die Heranwachsenden den Reichtum der Mafia-Bosse, die Philipp Plein und Armani tragen und sich in protzigen Lokalen als Könige inszenieren. Die neuen Paten haben ihre Gomorrha-Bildung aus dem Internet, dort lernen sie, wie man Schusswaffen bedient, ahmen alte Mafia-Rituale aus TV-Serien nach. Sie fangen als Drogenkuriere an, werden zu einer unberechenbaren Kraft im Staat. Saviano warnte in Interviews bereits davor, dass eine ähnliche soziale Realität wie jene in Neapel auch bald in Rom, Palermo oder Mailand herrschen könnte. Natürlich schreibt Saviano hier auch am Mafia-Mythos weiter, gleichzeitig ist es ziemlich hart, zu lesen, wie Pubertierende binnen kürzester Zeit völlig verrohen.

Roberto Saviano: Der Clan der Kinder. Aus dem Italienischen v. Annette Kopetzki. Hanser, 416 S., EUR 24,70

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