Kann Kern Management?
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Kann Kern Management?

Gemessen an seinen Vorgängern hat ÖBB-Chef Christian Kern einen guten Job gemacht.

Kann Christian Kern Management? Eines muss man ihm in jedem Fall zugestehen: Er lernt schnell. Kurz nachdem er den Vorstandsvorsitz der ÖBB Holding AG am 7. Juni 2010 übernommen hatte, räsonierte er bereits wie selbstverständlich über die Rolle des Güterverkehrs als Konjunkturindikator, über Tonnen- und Personenkilometer oder Drehmomentverläufe von Lokantrieben.

Ende April dieses Jahres legte Kern den ÖBB-Jahresabschluss zum 31. Dezember 2015 vor -seine sechste Bilanz als ÖBB-Chef, die beste in der Geschichte des Unternehmens. Das Ergebnis vor Steuern erreichte plus 193 Millionen Euro - das Jahr 2010 hatte noch mit einem Verlust von 330 Millionen Euro geschlossen. Umso bemerkenswerter, als der Umsatz in dieser Phase bei plusminus fünf Milliarden Euro stagnierte. Tatsache ist, dass die ÖBB unter Kern nicht nur pünktlicher und kundenfreundlicher wurden (mit Luft nach oben), sondern auch schlanker und effizienter.

Infrastrukturvorhaben treiben Schulden in die Höhe

Der Mitarbeiterstand (ohne Lehrlinge) sank von zuvor 45.000 auf zuletzt 40.000. Im Ergebnis konnten die Gesamterträge je Mitarbeiter von 134.000 Euro 2010 auf 154.000 Euro 2015 gesteigert werden. Tatsache ist aber auch, dass in dieser Betrachtung sowohl der gemeinwirtschaftliche und kostenintensive Infrastrukturbereich (Bahnhöfe, Trassen, Tunnel) mit all seinen unrentablen Strecken als auch die Aufwendungen für die ÖBB-Pensionisten (Bundesbeamte) ausgeklammert werden.

Es liegt auf der Hand, dass die Kosten für die Realisierung und den Betrieb politisch gewünschter Infrastrukturvorhaben - so etwa der Wiener Hauptbahnhof oder Tunnelprojekte wie Semmering, Koralm und Brenner - von den ÖBB unmöglich alleine geschultert werden könnten. Laut Rahmenplan der Bundesregierung sollen bis 2021 annähernd 15 Milliarden Euro in die Infrastruktur investiert werden. Das wird die ÖBB-Schulden, für deren Tilgung der Bund einsteht, weiter hochtreiben. Ende 2015 lag die Nettoverschuldung des Konzerns (Verbindlichkeiten abzüglich liquider Mittel) bereits bei 21,3 Milliarden Euro. Und es gilt auch zu bedenken, dass der Konkurrenzdruck etwa im Personenverkehr (Umsatz 2015: 1,99 Milliarden Euro, davon 931 Millionen Euro im Wege sogenannter Verkehrsdienstbestellungen via Bund, Länder und Gemeinden) eher überschaubar bleibt.

Hat Christian Kern als ÖBB-Chef einen guten Job gemacht? Das ist letztlich eine Frage des Maßstabs. Gemessen an seinen Vorgängern ganz gewiss.

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  • Benno Trebo
    Benno Trebo Sa, 14. Mai. 2016 17:42

    Manager in einem Staatsunternehmen unterscheiden sich schon einmal von jenen der Privatwirtschaft. Aber Herr Kern hat seine Sache bei der ÖBB sehr gut gemacht und dafür hat er meinen Respekt. Ob er als Bundeskanzler Karriere macht, weiß ich heute noch nicht. Jetzt lasse ich ihn einmal arbeiten und erst dann fälle ich ein Urteil.

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